Moria: In Europas größtem Geflüchtetencamp „riecht es nach Verzweiflung“

Knapp 22.000 Geflüchtete müssen im Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos leben. Fotografin Alea Horst leistet Hilfe vor Ort – und beschreibt die Zustände als Desaster.

Griechenland verwaltet mehr als 3.000 Inseln im Mittelmeer. Im Osten der drittgrößten, Lesbos, befindet sich ein kleines Dorf namens Moria. Und in der Nähe von Moria, etwa zwei Kilometer entfernt, liegt ein kleines Areal. Auf dieser Fläche – hügelig, teils begrünt, dazwischen ein paar Olivenbäume – leben derzeit 22.000 Menschen auf engstem Raum. Die meisten von ihnen wohnen in kleinen Zelten, in provisorischen Bretterhütten oder Containern mit acht bis zwölf Betten. Weil es zu wenige davon gibt, müssen andere im Freien schlafen, zwischen Gestrüpp auf erdigem Boden – der bei Regen zu Schlamm wird.

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Foto links: © Aris Messinis / AFP, Illustration: © Datawrapper

Camp Moria ist das zentrale Aufnahmelager auf der Insel Lesbos. Ursprünglich als Gefängnis für Geflüchtete im Jahr 2013 eröffnet, war es eigentlich ausgerichtet für etwa 3.000 Personen. Doch irgendwann sollten so Viele dort untergebracht werden, dass die Behörden das Auffanglager öffneten. Heute müssen mehr als siebenmal so viele Menschen dort leben wie ursprünglich vorgesehen. Dementsprechend gestalten sich die Lebensumstände vor Ort. Als „Hölle auf Erden“, „verheerend“ und „menschenunwürdig“ beschreiben Helfer*innen, medizinisches Fachpersonal und Journalist*innen die Lebensumstände für Geflüchtete in dem Camp.

Fotografin Alea Horst, 37, aus Wiesbaden, ist eine der Personen, die diese Umstände selbst miterlebt. Sie war vergangene Woche im Camp Moria, um Nothilfe zu leisten. Was sie dort erwartete, sei eine Katastrophe, erzählt sie ze.tt: „Ich verfolge das Desaster von Moria schon länger. Als mich in den letzten Wochen die Bilder aus der Tagesschau so wütend gemacht haben, habe ich mir sofort einen Flug gebucht und bin zwei Tage später hier gelandet“, erzählt sie. Sie möchte den Menschen vor Ort helfen und ihnen durch ihre fotografische Arbeit eine Stimme geben. „Das sind nicht nur Geflohene oder Migranten. Das sind Menschen mit einer Würde, die es zu achten gilt.“

Das sind nicht nur Geflohene oder Migranten. Das sind Menschen mit einer Würde, die es zu achten gilt.

Alea Horst, Fotografin

Willkommen im Schandfleck Europas

In Camp Moria ist Hilfe an jeder Stelle notwendig. Überall liegt Müll, manchmal meterhoch zu Bergen gestapelt, von Ratten befallen. Es fehlt an Kleidung, Schuhen und Socken. Strom gibt es nur selten. Das Innere der Zelte und Container ist kalt, feucht von Regen oder durch Kondensation. Hygiene ist de facto nicht vorhanden. Auf etwa 250 Personen kommt nur eine Dusche. Wer sich waschen möchte, muss sich stundenlang anstellen. Ähnliches gilt für die Toiletten. Warmes Wasser gibt es nicht. Wer nach Seife oder Shampoo sucht, sucht vergeblich.

Einige der Bewohner*innen leben seit Jahren im Camp Moria. Die meisten von ihnen stammen aus Syrien und Afghanistan, aus von Krieg oder Terror gezeichneten Gebieten. Sie haben eine gefährliche Reise hinter sich, um Asyl zu finden, aber jetzt dürfen sie weder vor noch zurück. Diese Aussichtslosigkeit zwingt sie, an Ort und Stelle zu bleiben, sie sind Gefangene zwischen den Staaten. Manche der Geflüchteten sind krank, andere vom Krieg oder ihrer Flucht nach Europa verletzt. Um sie kümmern sich die Ärzt*innen des Camps, sie sind an einer Hand abzählbar. Den Campbewohner*innen wird zwar Essen zur Verfügung gestellt, allerdings vertragen es viele nicht. Sie kämpfen mit Durchfall, Erbrechen und Blähungen. Viele versuchen, selbst zu kochen, über offenem Feuer auf alten Fahrradspeichen, oder sie bauen sich kleine Öfen in Erdlöchern. Viel abwechslungsreicher als Reis und Brot wird es kaum.

Weil die 90 Euro pro Monat, die jede*r Erwachsene von der UNO erhält, nicht ausreichen, um einen minimalen Lebensstandard zu ermöglichen, versuchen die Bewohner*innen anderweitig an Geld zu gelangen. Das gekochte Essen bieten sie in selbst gebauten Brettershops zum Kauf an, sie geben anderen Campbewohner*innen Unterricht in Kunst und Sprachen oder betreuen Kinder, um andere Eltern zu entlasten. Für mehr reicht es nicht. Wer kein Geld hat, muss mit den Gegebenheiten leben.

Die menschenunwürdigen Zustände sind seit Jahren gleich

Alea Horst ist nicht das erste Mal auf Lesbos. Vor vier Jahren, im Januar 2016, kamen täglich etwa 1.000 geflüchtete Familien auf die Insel. Die Balkanroute war zu diesem Zeitpunkt noch geöffnet. Horst hatte sich einer NGO angeschlossen, um vor Ort Nothilfe zu leisten. Als Helferin, als Matrosin auf einem Rettungsboot, als fotografische Ausbilderin für arbeitslose Jugendliche, sie packte mit an.

„Die Szenen, die sich am Strand abgespielt haben, sind die schrecklichsten Erinnerungen meines Lebens“, erinnert sich Alea Horst. Die Menschen waren nass und kalt von der Reise, erleichtert, endlich europäischen Boden erreicht zu haben, hatten Tränen in den Augen und flehten um Hilfe. Sie wurden ins Camp Moria gebracht. Das diente zu Beginn bloß dazu, die Geflüchteten zu registrieren. Sie mussten es nach einer Nacht wieder verlassen. Trotzdem drängten sich bereits Anfang Januar 2016 6.000 Menschen in das Camp. Eine Zahl, die nach heutigem Maßstab gering erscheint. Doch schon damals waren die Zustände im Camp erschreckend, erinnert sich Alea Horst. Ähnlich wie heute. Das Wenige ist gleich geblieben. Allerdings hat sich die Zahl der Menschen, die dieses Wenige brauchen, fast vervierfacht.

Es riecht für mich nach Verzweiflung und Entbehrung, anders kann ich es nicht beschreiben.

Alea Horst

„Heute, vier Jahre später, stehe ich wieder im Dreck und Müll von Moria. Rieche diesen speziellen Geruch, den auch damals am Strand die Menschen an sich hatten“, sagt Alea Horst. „Es riecht für mich nach Verzweiflung und Entbehrung, anders kann ich es nicht beschreiben. Manche Menschen leben seit Jahren in diesen Zuständen.“

Als die Wiesbadenerin das erste Mal wieder durch das Camp – sie nennt es Dschungel – geht, ist sie überrascht, wie viele Kinder und Jugendliche sie sieht. Vielen bleibt nicht mehr Beschäftigung, als mit dem umliegenden Geröll zu spielen. Die Kinderhände sind kalt. Beinahe alle haben Schnupfen, Hautinfektionen, auf ihren Oberlippen klebt vertrockneter Rotz. „Ich wusste von ein paar Hundert durch die Presse, aber viel mehr hatte ich nicht erwartet.“ Sie spricht mit NGOs vor Ort, die versuchen, trotz des Chaos Zählungen aktuell zu halten. Etwa 9.000 Kinder befinden sich zurzeit im Camp. „Ich habe besonders viele Kinder fotografiert, weil ich finde, dass diese unter besonderen Schutz gestellt werden müssen.“

Alea Horst wurde vor Gewalt gewarnt, doch sie erfährt Gastfreund*innenschaft

Die Einheimischen warnen Besucher*innen wie Alea Horst: Viele Übergriffe würde es geben. Die Klappläden der Fenster des Hotels, in dem sie haust, seien zu schließen. Bestenfalls nicht mit dem Leihwagen bis zum Camp fahren, fremde Autos würden angegriffen werden, manchmal sogar Helfer*innen. Alea Horst kann all das nicht bestätigen. „Ich scheine bisher Glück gehabt zu haben.“ Im Camp wird sie überall angelächelt, herzlich begrüßt. „Hello my friend“, rufen die Kinder und laufen erfreut auf sie zu. Sie geben ihr High Fives, lachen, machen Quatsch. „Alle freuen sich, mich zu sehen. Auch die Alten, auch die Männer, auch die Frauen, jeder grüßt mich freundlich“, sagt sie.

Sie wird zu Tee und Brot eingeladen. Alea bringt das in Anbetracht der Armut in Verlegenheit. Auch weil es unhöflich ist, abzulehnen. Sie nimmt sich Zeit, hört zu. Die Geflüchteten erzählen ihr von den Gefahren, denen sie in ihren Heimatländern ausgesetzt waren. Alea Horst erfährt viel über die Taliban, Al Quaida, über Boko Haram. Sie hört Geschichten von Bombenanschlägen, Schusswunden und zurückgelassenen Familienmitgliedern. Sie erfährt auch, dass es für Menschen unter anderem in Afghanistan tödlich sein kann, für eine US-amerikanische Firma zu arbeiten, weil sie der Kontakt zu Amerikaner*innen zu Zielscheiben mache. Sie erfährt, wie Eltern sehnlichst versuchen, ihren Kindern eine Art von Bildung zu ermöglichen. Viele beschreiben das herrschende Elend im Camp, die Missstände. „Was ein Mensch ertragen kann ist mir unbegreiflich“, sagt die Fotografin.

Ein Leben zwischen Sehnsucht, Feuer und Gewalt

Auch wenn Alea Horst sie nicht sieht: Gewalt ist Realität im Camp. Die Angst vor Abschiebung, die extreme Einengung und Traumata durch die Flucht aus der Heimat fördern das Enstehen von Kriminalität. Laut der NGO Ärzte ohne Grenzen sind Frauen und Kinder am stärksten gefährdet, seelische Schäden davonzutragen. Die Organisation berichtet von Selbstverstümmelungen, Suidzidversuchen, Prostitution und unreguliertem Handel. „Diese Kinder kommen aus Ländern, in denen Krieg herrscht, und wo sie extreme Gewalt und Traumatisches erlebt haben. Anstatt dass sie in Europa Schutz und Hilfe bekommen, werden sie Angstsituationen, Stress und weiterer – auch sexueller – Gewalt ausgesetzt“, sagt Declan Barry, medizinischer Koordinator von Ärzte ohne Grenzen in Griechenland. Er berichtet, dass Kinder und Jugendliche unter Panikattacken und Angstzuständen leiden. Dass ihre Sprachfähigkeit beeinträchtigt ist und sie zu aggressivem Verhalten und Albträumen neigen.

Seit seiner Öffnung brechen immer wieder Brände aus. Teils wegen des Fehlens jeglicher Schutzvorkehrungen, teils aus Wut und Hilflosigkeit absichtlich gelegt. Ein fast schon regelmäßiges Ereignis im überbelegten Camp Moria. Alea Horst erlebt selbst, wie eine provisorische Schule und die Krankenstation einer NGO bis zum Boden niederbrennen. Bei einem Feuer im September 2019 kommt eine Frau, womöglich auch ihre beiden Kinder, ums Leben. Eine Tragödie, die teils gewaltsame Proteste der Bewohner*innen im Camp auslöst. Sie werden von der griechischen Polizei mit Tränengas niedergeschlagen. Wieder einmal wird der Ruf nach Konsequenzen laut. Das Geflüchtetenhilfswerk UNHCR der Vereinten Nationen fordert sofortige Maßnahmen, um Abhilfe zu schaffen. Die Überführung der Geflüchteten muss schneller vonstatten gehen, die Lebensbedingungen im Camp unbedingt verbessert werden. Es sind gehaltvolle Worte. Doch die Forderungen werden sich über die Jahre nicht erfüllen.

Für Alea Horst ist schwer begreifbar, wie die Bewohner*innen von Camp Moria immer noch in ihre Kamera lächeln können. Dieses Lächeln, erfährt sie in zahlreichen Gesprächen, basiert auf einem Traum für die Zukunft, der alle eint. Welcher Traum ist das? „Das Erste, was mir alle als Antwort auf diese Frage geben, ist Frieden. Sie wollen einfach nur Frieden haben“, sagt Alea Horst. Sie wollen nicht mehr bedroht werden oder Angst um ihre Familien haben. Sie wollen sorgenfrei arbeiten und dass ihre Kinder unbeschwert zur Schule gehen können. Die Geflüchteten zählen dann gerne auf, welche Jobs sie übernehmen könnten, wenn man sie nur lassen würde.

Und dann kam Corona

Anfang des Jahres dominiert die Situation der Geflüchteten noch die Schlagzeilen. Die Zahl der Menschen, die im Camp Moria unterkommen muss, erhöht sich einmal mehr aufgrund der vorläufigen Auflösung des Geflüchtetenpakts durch den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Doch der mediale Fokus ändert sich schnell, als in China, in Europa und schließlich in den USA die ersten Meldungen über das Coronavirus laut werden – die Meldungen über das Camp in Moria verstummen langsam. Politik und Presse konzentrieren sich von nun an auf die Berichterstattung über die neuartige Krankheit. Die deutsche Bundesregierung startet Rückholaktionen von Deutschen aus dem Ausland. Auch Alea Horst reist zurück nach Hause, nach Wiesbaden. Um die Ausbreitung des Virus einzuschränken, stellen die Hilfsorganisationen ihre Arbeit im Camp größtenteils ein.

Was ist nun mit den Bewohner*innen im Camp? Die Geflüchteten wissen von dem Virus. Einige verbreiten die Info, dass man sich nicht mehr umarmen soll. In Europa raten Expert*innen, anderthalb Meter Distanz zu anderen Menschen zu wahren. In Moria ist es hingegen unmöglich, Abstand zwischen die Menschen zu bringen oder auch nur ausreichende Hygienebedingungen zu schaffen. Aufgrund der prekären Lebensbedingungen im Camp ist das Immunsystem der Menschen bereits angeschlagen. Wenn das Virus dort ausbricht, endet das in einer Katastrophe. Ärzte ohne Grenzen warnt: Das Geflüchtetenlager Moria sei ein idealer Nährboden für eine schnelle Verbreitung des Virus.

Wieder werden Forderungen laut, vor allem in den sozialen Medien. Vor dem Hintergrund der aktuellen Corona-Pandemie müssten die Massenlager aufgelöst werden und dezentrale Unterbringungsformen gefunden werden, schreibt etwa die stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, auf Twitter. Weil die Europäer*innen wegen des Virus nicht aus dem Haus gehen sollen, organisieren sie virtuelle Proteste und Online-Mahnwachen. Aus der Ferne fordern sie Solidarität mit den Menschen im Camp Moria. Der EU-Abgeordnete Erik Marquardt startet die Aktion #LeaveNoOneBehind. Mithilfe einer Petition sollen die Geflüchteten evakuiert und Quarantänemöglichkeiten auf dem Festland geschaffen werden.

Die Realität im Camp Moria sieht anders aus

Wenige Tage nach Alea Horsts Rückkehr nach Wiesbaden klingelt ihr Handy. Etwas Schreckliches ist passiert, aber mit Corona hat es nichts zu tun. Ein Mann aus dem Camp erzählt ihr weinend am Telefon, dass seine Mutter in Afghanistan bei einem Selbstmordanschlag ums Leben gekommen sei. Kurz danach erhält sie von einem anderem Kontakt ein Foto. Es hat schon wieder ein Feuer gegeben. Das Foto zeigt einen verbrannte Kinderkörper, ein sechsjähriges Mädchen. Die Feuerwehr rückte mit 13 Personen an, gelangte aber wegen der Enge im Camp nicht sofort zum Brandherd.

Unterdessen gibt das deutschen Innenministerium bekannt, aufgrund der Corona-Krise die Aufnahme von Geflüchteten vorerst auszusetzen. Das ist die Realität von Moria. Die Menschen sind nach Europa geflüchtet, weil sie auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder hofften. Stattdessen landeten sie im „Schandfleck Europas“, wie viele der Geflüchteten Moria nennen. Und Alea Horst? Sie fühlt sich in Wiesbaden fehl am Platz. „Die prekäre Lage in Moria ist meiner Meinung nach pervers und macht mich tieftraurig“, sagt sie. Sie versucht, sobald es ihr möglich ist, zurück nach Lesbos zu reisen.

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