Gibt es Freundschaft auf den ersten Blick?

Überraschend viele Menschen – rund zwei Drittel aller Männer und Frauen in Deutschland – glauben an Liebe auf den ersten Blick. Nur bei Freundschaften geht man davon aus, dass sie langsam wachsen. Aber stimmt das in jedem Fall?

Freundschaft

Freundschaften können auch spontan entstehen – unter den richtigen Voraussetzungen. © SHipskyyy / Photocase

Wir trafen uns in der Kantine. Ein Blick, ein Lächeln, ein kurzes Gespräch und mir war klar: Die wird bleiben. Ich mochte ihre offene, warmherzige Art, ihre Schlagfertigkeit und hatte einfach augenblicklich ein gutes Bauchgefühl. Ich sollte Recht behalten. Auch über zwei Jahre nach unserer spontanen Begegnung an der Salattheke und etliche leere Weinflaschen später sind wir noch immer sehr gute Freundinnen.

Freundschaften sollen reifen wie Whisky

Und ich fragte mich: Gibt es eigentlich so etwas wie Freundschaft auf den ersten Blick? Bei der Liebe gilt das ja als höchstes Ideal. Man begegnet sich, die Funken fliegen, die Herzklappen flattern, die Endorphine explodieren und auf einmal steckt man mitten im kitschigsten Disneyfilm, darunter läuft eigentlich nichts.

Von Freundschaften erwarten wir anderes. Sie sollen langsam entstehen, sich bewähren und im Laufe der Jahre reifen. Wie Wein oder Whisky. Je älter die Freundschaft, desto höher ihr ideeller Wert. Ganz gleich, ob einen nach etlichen Jahren bloß noch eine merkwürdige Leidenschaft für Hackbraten und einen abseitigen Film verbindet – wer über zehn Jahre befreundet ist, erntet anerkennendes Raunen.

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Früher war alles leichter!

Dabei entstehen und enden Freundschaften auf verschiedene Weisen zeitlebens immer wieder. Nicht von der Hand zu weisen ist dabei allerdings, dass uns das Befreunden als Jugendliche deutlich leichter fällt. Freundschafts-Experte und Buchautor Dr. Martin Voigt weiß, woran das liegt: „Junge Menschen, die ihre ersten größeren Schritte hinaus in die Welt erleben und erste Ablöseversuche vom Elternhaus unternehmen, sind fasziniert von Gleichaltrigen, denen sie in ihrem Erfahrungshorizont ebenbürtig sind. Sie stürzen sich mit Schwung ins Leben und bringen eine hohe Bindungsenergie mit.“

Mit zunehmendem Lebensalter ebbt diese Energie natürlicherweise ab. „Erwachsene haben mehr an Erfahrungen im Gepäck und haben sich auch einen erwachsenen Habitus zugelegt“, sagt Dr. Voigt. „Wenn Sie in einem Großraumbüro neu anfangen, laden Sie Ihre Kollegin gegenüber nicht schon am nächsten Wochenende zur Pyjamaparty ein.“

Gleich und gleich = Freundschaft

Wobei das im Einzelfall durchaus vorkommen kann. Ein entscheidendes Kriterium beim schnellen Anfreunden ist nämlich logischerweise unsere Persönlichkeit. Menschen, die offen und umgänglich sind, erleben eher so etwas wie „Freundschafts-Chemie“ beziehungsweise einen gegenseitigen positiven ersten Eindruck, fand die Psychologie-Professorin Kelly Campbell von der California State Universität in einer Studie heraus.

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Auch Freundschafts-Forscher und Soziologe Dr. Janosch Schobin von der Uni Kassel erklärt: „Etwa ist bekannt, dass extravertierte Personen dazu tendieren, mehr Menschen als Freunde zu wählen. Besonders verträgliche Personen werden dagegen im Vergleich öfter als Freunde gewählt. Hinzu kommt, dass Menschen dazu tendieren, Freunde zu wählen, die ähnlich extravertiert, offen und verträglich wie sie selbst sind.“

Wer sich ähnelt, mag sich also und das dann eben spontan.

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Nicht klar ist allerdings, ob ein Gefühl der direkten Verbundenheit auch eher zu dauerhaften Freundschaften führt. „Es gibt kaum echte Langzeitstudien zu Freundschaften. Kurzfristig ist es wohl so, dass Freundschaften zwischen Personen, die sich hinsichtlich ihres Grades an Extrovertiertheit, Offenheit und Verträglichkeit ähnlich sind, stabiler sind. Aber wie sich das auf fünf oder zehn Jahre und nicht nur auf ein paar Monate gesehen verhält, weiß man nicht“, meint Dr. Schobin.

Offenheit schafft Vertrauen schafft Nähe

Wer Freundschaft auf den ersten Blick erlebt, hat wahrscheinlich bei der Begegnung auch eine weitere Sache getan: seine Schutzschilde runtergelassen. Sich selbst verwundbar zu machen, erzeugt eine Atmosphäre des Vertrauens und macht es dadurch dem Gegenüber leichter, sich ebenfalls offen und verwundbar zu zeigen. Das wiederum schafft gegenseitige Nähe und eine stärkere persönliche Verbindung.

Bei uns jedenfalls war direkt an der Salatbar klar, dass mehr aus uns wird. Was witzig ist, denn am liebsten essen wir eigentlich überhaupt keinen Salat. Sondern Käsenudeln.