Glaubt an eure Mütter, nicht an den Weihnachtsmann

Der Weihnachtsmann ist überbewertet, denn er macht vor allem die Arbeit von Müttern unsichtbar. Ein Kommentar

Mit Schürze unterm Weihnachtsbaum? Klar, ist schließlich Arbeit. Foto: Les Anderson / Unsplash | CC0

„Wie schafft der Weihnachtsmann das denn eigentlich, die Geschenke zu allen Kindern zu bringen?“ Es gibt unterschiedliche Antworten auf diese Frage, die Kinder früher oder später stellen, und es gibt sogar Bücher mit Antworten. Mit Antworten, um den Mythos so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Den Mythos, dass der Weihnachtsmann die Geschenke bringt – oder das Christkind. Dieses Jahr antworte ich auf die Frage meines mittlerweile fünfjährigen Kindes ehrlich. Denn der Mythos um Weihnachten ärgert mich. Ein dicker, alter, weißer Mann, der dafür sorgt, dass Weihnachten schön wird? In der Realität tun das fast immer Mütter.

Die unsichtbare Weihnachtsarbeit von Müttern beginnt im November mit dem Bestücken des Adventskalenders. 24 kleine Geschenke, bevor der Dezember überhaupt begonnen hat. Sie müssen besorgt und verpackt werden, oft in noch mal selbst gebastelte Adventskalendertüten. Nächste Weihnachtsarbeit: Kekse backen. Rezepte recherchieren, Zutaten besorgen, Teig kneten und im Anschluss die Küche putzen. Geputzt werden auch die Schuhe, gemeinsam mit den Kindern, und am sechsten Dezember werden die geputzten Schuhe befüllt. Dann bitte gern auch noch etwas zur Weihnachtsfeier in der Kita oder der Schule mitbringen, vielleicht einen Kuchen? Gern selbst gebacken. Wer schminkt bei der weihnachtliche Tanzaufführung die Kinder als Katzen? Eine Mutter. Wer näht dem Krippenspieljosef noch schnell einen Umhang? Eine Mutter.

Geschenke kaufen, Weihnachtsbaum schmücken, Weihnachtsessen planen, Zutaten einkaufen, Weihnachtsessen kochen, Lebensmittel für drei Feiertage hintereinander kaufen, Weihnachtspost an Freund*innen der Familie schreiben, Geschenke einpacken. Wer das alles macht? Mütter. Am Heiligen Abend, wenn die Kinderaugen leuchten, plumpsen die Mütter erschöpft aufs Sofa – natürlich erst, nachdem der Tisch abgedeckt ist und die volle Spülmaschine läuft. Und der Held des Heiligen Abends? Ist der Weihnachtsmann, denn der hat ja schließlich dafür gesorgt, dass die Geschenke da und toll sind. Der Rest der Festarbeit? Unsichtbar.

„Was wirklich kacke daran ist, dem Kind was von Christkind oder dem Weihnachtsmann zu erzählen – es macht einen Riesenhaufen Arbeit von Eltern (ok, vor allem Müttern) komplett unsichtbar“, twitterte Autorin Nicole von Horst. Der Weihnachtsmann ist eine Symbolfigur des weihnachtlichen Schenkens und diese Symbolfigur ist eine Lüge. Wenn wir einen Symbolfigur des Schenkens brauchen, sollte es eine Mutter sein. Eine Mutter mit Schürze vielleicht. Jedenfalls eine Mutter, die alle Hände voll zu tun hat.

Mindfuck für Mütter

Dazu kommt der Stress des Verheimlichens. Als Mindfuck beschreibt Nicole von Horst die „Zwickmühle, nicht nur alles verheimlichen zu müssen, was ich alles tue, um Weihnachten schön zu machen, sondern auch, vor dem Kind nicht offen darüber sprechen zu können, wie sehr dieser Stress mich schlaucht, während die Erwartung mitschwingt, dabei ausgeglichen und besinnlich zu sein.“

Das ganze Jahr über predigen wir unseren Kindern, sie sollen doch bitteschön ehrlich sein. Warum fangen wir nicht mal Weihnachten selbst damit an? „Aber der Zauber!“ seufzen einige Leute. Ich bin mir sehr sicher, dass Lügen nicht dazu beitragen, eine schöne Kindheit zu haben. Und hat ein ehrliches Weihnachten nicht vielleicht auch einen ganz besonderen, ja, magischen Zauber?

Ich habe nichts einzuwenden gegen die Erzählung einer Weihnachtsgeschichte, aber von mir aus könnte sie ab 2018 so lauten: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass unsichtbare Sorgearbeit endlich geschätzt wurde. Und es gab zwei Menschen – oder mehr – die gemeinsam ein Kind bekamen, aus Liebe, oder weil sie Verantwortung für ein Kind übernehmen wollten. Sie teilten sich alle Aufgaben rund um das Kind gleichberechtigt und beschenkten es mehrmals im Jahr, weil sie es liebten.“


Alle Texte der Kolumne Klein und groß.