Goodbye, Wachtturm: Eine Ex-Zeugin Jehovas erzählt von ihrem Austritt

Kein Sex vor der Ehe, keine Bluttransfusionen, keine Geburtstage bei den Zeugen Jehovas gelten viele Regeln. Wie ist das Leben dort? Und wie ist es, auszutreten? Eine Aussteigerin berichtet.

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"Ich wollte kein Opfer mehr sein. Ich wollte endlich frei sein", sagt die heute 49 Jahre alte Esther. Foto: privat Collage: ze.tt

In einem weißen Regal, zwischen Büchern über Hinduismus und Islam, verstecken sich die Überreste von Esther Gebhards Vergangenheit. Die 49-Jährige zieht ein dickes, braunes Band heraus. Es ist die Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift, die Bibel der Zeugen Jehovas. Über 19 Jahre lang war es das Fundament von Esthers Leben. „Was für ein Quatsch das ist“, sagt sie heute, dreht das dicke Buch in ihren Händen.

1989, als damals 19-Jährige, ist sie aus der Glaubensgemeinschaft ausgetreten, aber erst vor ein paar Jahren hat sie es geschafft, mit den Lehren der Zeugen Jehovas abzuschließen. Esther lebt im Süden Bayerns, in einem großen, offenen Haus mit vielen Fenstern. Ein einsames Bahngleis direkt vor ihrer Haustür verbindet sie, fast symbolisch, bis heute mit ihrer Vergangenheit. Es führt in ein benachbartes Städtchen, etwa elf Kilometer weiter. Dort befindet sich der Königreichssaal, der Versammlungsort der Zeugen Jehovas, in dem Esther ihre Jugend verbrachte und den sie seit ihrem Austritt nie wieder betrat.

Mit 19 Jahren hielt Esther das Leben nach den strengen Regeln nicht mehr aus

Esther ist in der Glaubensgemeinschaft, die sie heute Sekte nennt, aufgewachsen. Sie war noch klein und mit ihrer Mutter alleine zu Hause, als es an der Tür klingelte und ein älteres Ehepaar mit ihnen über Gott reden wollte. „Meine Mutter kam aus Rheinland-Pfalz, kannte hier niemanden, ihr war langweilig und sie hat die Heimat vermisst“, sagt Esther. Sie ließ die beiden Zeug*innen rein und unterhielt sich mit ihnen über ihren Glauben. Bei einem weiteren Treffen setzte ihr Vater sich dazu. „Auch der hatte so seine Vorgeschichte: Er ist früh Vollwaise geworden und war oft einsam. Mit 17 Jahren ist er zur Bundeswehr gegangen. Er wollte immer, dass ihm irgendjemand sagt, was er tun soll.“ So fühlte auch er sich zu der Glaubensgemeinschaft hingezogen, und kurz nach dem ersten Besuch an der Haustür trat die Familie den Zeugen bei.

Esthers Mutter wollte sich nicht lange den Regeln der Gemeinschaft fügen. Als Esther zehn Jahre alt war, trat ihre Mutter wieder aus. Danach erlebte Esther zwei Parallelwelten in einem Haushalt: War der Vater da, musste sie sich „zeugengerecht“ verhalten, war die Mutter da, lief sie in Jeans und Pulli herum. Irgendwann zog Esthers Mutter aus, die jugendliche Esther blieb damals beim Vater. Er war es, der sie nach den strengen Regeln der Zeugen Jehovas erzog: keine Geburtstage, kein Weihnachten, kein Sex vor der Ehe, keine weltliche Musik und Rauchverbot. Und er ist bis heute Zeuge. Zumindest glaubt sie das – seit 30 Jahren hat sie nicht mehr mit ihm gesprochen. Zeug*innen ist der Kontakt zu Aussteiger*innen verboten, und auch Esther möchte ihn nicht mehr sehen.

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Esther Gebhard ist bei den Zeugen Jehovas aufgewachsen. Weil sie die Regeln nicht befolgen wollte, trat sie aus.
Foto: Ralf Wilschewski

„Ich bin gerade in einem Alter, in dem viele Eltern pflegebedürftig werden. Da werde ich oft gefragt: Was ist mit deinen Eltern?“, sagt Esther und blickt auf ihre Hände. „Ich sage dann immer: Ich habe keine mehr.“ Esthers Mutter ist psychisch krank, irgendwann musste sie „die Tür zumachen“, wie sie es nennt. Ihren Vater habe sie lange abgrundtief gehasst, spricht von seelischem Missbrauch. Heute hat sie ihm vergeben. „Ich habe gelernt, dass ich das bei ihm lassen muss. Und dass es einen Grund gibt, warum er so ist. Auf eine verdrehte Weise wollte er wahrscheinlich nur das Beste für mich.“ Als Jugendliche lebte Esther ein fremdbestimmtes Leben: einen Bibeltext pro Tag, drei Versammlungen pro Woche, Bibelstudium und Besuche an der Haustür. So wirklich wohl fühlte sie sich bei den Zeugen Jehovas nie. Mit 19 Jahren hielt sie es nicht mehr aus.

Die Zeugen Jehovas glauben an einen Endkrieg, in dem nur sie überleben

2019 gibt es in Deutschland laut eigenen Aussagen der Glaubensgemeinschaft etwa 165.000 Zeug*innen, weltweit sind es knapp 8,7 Millionen. Seit 2017 sind die Zeugen Jehovas in allen 16 Bundesländern als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt – genau wie die katholische und evangelische Kirche. Ihr Glauben ist aber weit extremer: Im Zentrum ihrer Lehren steht der Harmagedon, der große Krieg Gottes. In diesem Krieg, so glauben die Zeugen Jehovas, geht die Welt unter. Überleben kann nur, wer Zeug*in ist. Als Zeitpunkt für diesen Harmagedon, den Gotteskrieg, sagten die Zeugen Jehovas bereits die Jahre 1914, 1925 und 1975 voraus. Alle Nicht-Zeug*innen sind sogenannte Weltmenschen, der Kontakt zu ihnen soll auf das Nötigste reduziert werden. Ebenso verboten sind viele ihrer weltlichen Kulturgüter wie Musik, bestimmte Filme und Literatur, und ihre Lebensweise. Das Leben der Zeug*innen wird von strengen Regeln bestimmt.

Ich wollte kein Opfer mehr sein. Ich wollte endlich frei sein.

Ein zweiter wichtiger Grundpfeiler der Glaubensgemeinschaft ist ihre Literatur, die bekannteste: Der Wachtturm, eine Zeitschrift, mit deren Ausgaben die Mitglieder an Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen stehen und von Haustür zu Haustür ziehen. Denn hinter den Zeugen Jehovas steht eine Art Verlagsgesellschaft. Sie stellt alle Bücher her, die die Gemeinschaft an ihre Gläubigen weitergibt. Teil des Alltags der Zeug*innen ist es, diese Lektüre weiterzuverbreiten und Menschen zu ihrem Glauben zu bekehren, mit dem Ziel, andere von der „Wahrheit“ zu überzeugen und vor dem Harmagedon zu retten. Auch Esther musste als Jugendliche diesen Predigtdienst mehrmals pro Woche betreiben.

Während der Pubertät stieß sie sich immer wieder an den Regeln der Zeugen. Sie ging mit Freundinnen oder ihrer Mutter in Bars und Cafés, schaute sogenannte weltliche Filme und hatte einen Freund. Häufiger musste sie sich vor dem Ältestenkomitee, den Vorsitzenden der örtlichen Versammlung, verantworten, weil sie irgendjemand bei einem Regelbruch beobachtet haben will – oft war das ihr Vater. „Manche dieser Vorwürfe waren falsch oder völliger Blödsinn – aber ich musste mich immer wieder rechtfertigen, das war peinlich und fiel schwerer und schwerer. Weil ich viele Regeln ja nicht wirklich verstehen konnte“, sagt Esther. „Aber ich dachte immer, dass der Glaube richtig und ich falsch sei.“ Als sie in der Beziehung zu ihrem damaligen Freund Lust auf sexuelle Erfahrungen verspürte, trat sie endgültig aus. Auch wenn das bedeutete, sich von ihrem Vater und ihren Freund*innen bei den Zeugen Jehovas abzuwenden.

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Bevor ihre Eltern der Glaubensgemeinschaft beitraten, feierte Esther zum ersten und einzigen Mal in ihrer Kindheit Weihnachten.
Foto: privat

Die 49-Jährige musste lange kämpfen, um nach ihrem Austritt Frieden zu finden. Denn so wenig sie an den strengen Lebensstil der Zeugen Jehovas glaubte, so sehr glaubte sie an das Weltbild, das sie lehrten. „Ich war mir sicher, dass ich mit meinem Ausstieg unwiderruflich verloren war. Denn wer aussteigt, der*die kommt beim Harmagedon ums Leben“, sagt Esther. Ab dem Moment, in dem sie sich gegen die Glaubensgemeinschaft entschied, litt die ehemalige Zeugin unter Todesangst. Um damit klarzukommen, hat sie viel an sich arbeiten müssen, war lange in Therapie und wies sich selbst in eine psychiatrische Klinik ein. „Ich wollte kein Opfer mehr sein. Ich wollte endlich frei sein.“ Wenn Esther heute spricht, lächelt sie viel. Um ihre Augen verlaufen feine Lachfältchen.

Esther begann ein Leben als Weltmensch – mit Sex, Kinobesuchen und Konzerten

Nach ihrem Ausstieg musste sie ein neues Leben beginnen – ein Leben als Weltmensch. Es gab viele erste Male: Sex, Kinobesuche und Konzerte. Esther machte all das, was sie schon als Zeugin interessiert hatte, ihr aber durch die strengen Regeln verboten wurde. Sie wurde Musikerin und tourte durch die USA. Später arbeitete sie als Radiomoderatorin. Sie heiratete, bekam Kinder, ließ sich scheiden. „Es war ein rasantes Leben“, sagt sie. „Es hat gedauert, bis ich Bodenhaftung bekam.“

Esthers Todesangst rückte in den Hintergrund. Nur manchmal, bei seltsamen Wetterphänomenen etwa, erlitt die 49-Jährige Panikattacken. Es erinnerte sie an Bilder aus den Büchern der Zeugen Jehovas, an Harmagedon. Schlimmer wurde es vor 28 Jahren, mit der Geburt der ersten ihrer beiden Töchter: „Ich hatte Schuldgefühle, dass ich ihnen nicht die Wahrheit vermittelt habe. Dass sie wegen mir auch im Krieg Gottes sterben müssen“, so Esther. Jahrelang spielte sie danach mit dem Gedanken, zu den Zeugen zurückzukehren. Bis sie vor etwa sieben Jahren Barbara Kohout im Fernsehen sah. Kohout ist eine bekannte Aussteigerin, die anderen hilft, sich von der Gemeinschaft zu lösen. Esther kannte sie von früher, aus der Zeit bei den Zeugen.

Ein paar Wochen lang war ich im luftleeren Raum, habe mich gefragt: Wo komme ich her? Was soll das alles?

Nach der Talkshow recherchierte sie die ganze Nacht. Was sie im Internet las und vorher im Fernsehen hörte, öffnete ihr die Augen: „All die Lehren, Harmagedon – das ist Bullshit und Gehirnwäsche.“ Alles, an was sie je geglaubt hatte, war plötzlich weg. Aber statt sich frei zu fühlen, bekam Esther wieder Angst. Ihr ganzes Leben lang glaubte sie zu wissen, was Sache ist: Adam und Eva waren der Ursprung der Menschen, der wahre Gott ist Jehova, sein Sohn Jesus ist für die Menschheit gestorben. „Ein paar Wochen lang war ich im luftleeren Raum, habe mich gefragt: Wo komme ich her? Was soll das alles?“ Heute fühlt Esther sich endlich frei. Und obwohl ihr Bücherregal anderes vermuten lässt, spielt Religion in ihrem Leben keine zentrale Rolle mehr. „Glaube und Spiritualität interessieren mich zwar – aber woran ich glaube? Ich bin noch zu keinem Ergebnis gekommen. Vielleicht muss ich das auch nicht“, sagt sie.

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In ihren Zwanzigern begann Esther eine Karriere als Musikerin. Auch heute ist sie noch unterwegs, wie hier mit der Saragossa Band in Estland 2016.
Foto: privat

Gerade schreibt sie ein Buch über ihre Erfahrungen. Esther interessiert sich sehr für Psychotherapie, aber weil sie bei den Zeugen Jehovas kein Abitur gemacht hat, war ein Studium für sie nicht möglich. Nach der Zeit in der Klinik hat sie sich dann zur Heilpraktikerin für Psychotherapie ausbilden lassen und bietet Hypnosetherapien an, etwa um Burn-outs zu überwinden oder mit dem Rauchen aufzuhören. Sie hat sich ein neues Leben aufgebaut, ohne ihr altes zu vergessen. Esther öffnet die Terrassentür und zündet sich eine Zigarette an. „Das darf man keinem erzählen“, sagt sie und nimmt einen tiefen Zug. „Eine Therapeutin, die andere von ihrer Sucht befreien will und selbst raucht.“ Aber Esther will sich keinen Zwängen mehr fügen. Sie lebt ihr Leben endlich so, wie sie es vorher nie konnte: selbstbestimmt.

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