Warum ich Schnee hasse

Diamantenstaub? Champagne-Powder? Unsere Autorin kann mit der obsessiven Romantisierung von Schnee nichts anfangen. Ganz im Gegenteil. 

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Weiße Weihnachten? Wohl eher matschige Weihnachten! Foto: ginger. / Photocase

Und nun sollen wir uns entspannen. Das Licht ist gedimmt, die Fenster beschlagen in dem Raum, in dem zuvor Körper schwitzten. Es dauerte eine Weile, bis es drinnen warm wurde. Es ist Winter, draußen neigen sich die Temperaturen dem Gefrierpunkt zu. Umso länger dauert es, bis sich jetzt die angespannten Muskeln und Gedanken auf die Erholung einlassen. Unsere Körper liegen auf dünnen Matten auf dem Boden. Sibylle, die Yoga-Lehrerin, sagt, wir sollen uns einen weiten Garten vorstellen, durch den wir an einem Weihnachtstag stapfen.

Die klare Luft strömt gleichsam in meine Nase. Dann sollen wir uns den frisch gefallenen, weißen Schnee ausmalen, der sich wie ein flauschiger Glitzermantel über die Bäume und Pflanzen legt. In meiner Vorstellung hinterlasse ich bei jedem Schritt tiefe Spuren in der weißen Landschaft, versuche Gefallen zu finden an dem Knirschen unter den Schuhsohlen. Dann sickert das kalte Zeug aber in meinen Stiefel, durchnässt meine Socken, ich beginne zu frieren, die Nase tropft, die Kälte kämpft sich erbarmungslos die Beine hoch, es schüttelt mich, ich muss auf Toilette, aus Flausch wird Pflotsch, aus Entspannung wird Anspannung. Ich hasse Schnee, selbst den imaginären.

Angeblich ist der reine, weiße Schnee so zart und weich wie Rehaugen

Es gibt viele Menschen, die diese Abneigung nicht teilen. Das löst jedes Mal bei mir Unverständnis aus. Von der Frühromantik mit Caspar David Friedrich bis zum russischen Konstruktivismus haben sich sämtliche Künstler*innen an Schneelandschaften einen abgemalt. Der Lyriker Christian Morgenstern schrieb im vergangenen Jahrhundert:

Aus silbergrauen Gründen tritt
ein schlankes Reh
im winterlichen Wald
und prüft vorsichtig Schritt für Schritt,
den reinen, kühlen, frischgefallenen Schnee.
Und deiner denk ich, zierlichste Gestalt.

Vielen Dank, Christian. Dein lyrisches Du in zierlicher Gestalt hat sich sicherlich gefreut, dass du gerade dann an es denkst, während ein hilfloses, verunsichertes Reh Schritt für Schritt darum fürchten muss, auf dem vereisten Boden auszurutschen und sich das Genick zu brechen. Dabei ist es vermutlich einfach nur auf der Suche nach etwas Essbarem in dem verschneiten Wald. Auch du, lieber Christian, bist ein Grund dafür, dass der Topos des reinen, weißen Schnees, so zart und weich wie Rehaugen, im kollektiven Wintergedächtnis unserer Zivilisation festgewachsen ist und besonders zur Weihnachtszeit befriedet werden möchte. In Berlin kündigten jedoch schon Mitte Dezember die digitalen Nachrichten-Screens in der U-Bahn an, dass es hier, wie in den meisten Teilen des Landes, auch dieses Mal kein White Christmas geben wird.

Was soll das Ganze mit diesen weißen Weihnachten? Als Jesus geboren wurde, lag auch kein Schnee.

Meine Mutter

Der gleichnamige Song wurde erstmals 1947 von Bing Crosby gesungen und ist eine der meistverkauften Singles aller Zeiten. Dean Martin und Elvis Presley haben sich den Träumereien von White Christmas angeschlossen und 2013 sogar Kelly Clarkson. Großstädter*innen möchten daran glauben, obwohl Schnee an Weihnachten für sie nur grauer Schmutz bedeutet, der sich auf dem Asphalt ausbreitet. Das ist nichts, wovon man träumen muss, dazu kann man etwa ganz einfach seine Biotonne auf der Straße ausleeren für ein ähnlich modriges Erlebnis. An dieser Stelle möchte ich einen der weisen Sprüche meiner Mutter zitieren: „Was soll das Ganze mit diesen weißen Weihnachten? Als Jesus geboren wurde, lag auch kein Schnee.“ Wie wahr! Von diesem Pragmatismus, den sich Menschen zwangsläufig aneignen, die keine überschüssige Energie für die obsessive Romantisierung von kalter Matsche haben, sollten sich alle eine Scheibe abschneiden – und den Begriff „Schnee“ mal bei der Google-Suche eingeben. Dann springen einem nämlich Wörter wie „Rutschgefahr! Achtung! Warnung! Gewitter!“ entgegen. Schnee schadet sogar den Augen!

Dass das Schönfärben von Unschönem, Schädlichem, Lebensfeindlichem deutscher Volkssport ist, ist kein Geheimnis. Doch wir haben es hier nicht mit einem nationalen Problem zu tun. Der Schnee-Fanatismus erstreckt sich von Österreich über die Türkei bis nach Australien. Dabei sterben auf der ganzen Welt jährlich viele Menschen wegen Schnee und Unwetter, auch in Deutschland. Als im April dieses Jahres kurzzeitig an der Ostsee der Winter nochmal ausbrach und bis zu 35 Zentimeter Schnee fiel, gab es allein in der Gegend um Rostock in weniger als 24 Stunden mehr als 70 Autounfälle. Obdachlose freuen sich nicht über Schnee. Pendler*innen freuen sich nicht über Schnee. Die meisten Tiere und Pflanzen freuen sich nicht über Schnee. Menschen, die sich keine warme Winterkleidung leisten können, freuen sich nicht über Schnee.

Nur privilegierte Städter*innen können sich – neben Menschen, die auf dem Lande aufgewachsen sind, und ein ganz natürliches Verhältnis zu klimatischen Extremen haben – über Schnee freuen: jene, die an den Feiertagen ihre Zalando-Schneeballschlacht-Romantik leben. Jene, deren Eltern aus dem gehobenen Mittelstand Geld für einen Winterurlaub übrig hatten und dafür sorgten, dass ihre Kinder im Ski- und Snowboardurlaub eine ungesund-gesunde Beziehung dazu entwickelten, freiwillig in den kalten Schnee zu springen und sich dabei möglichst dick und umständlich einzupacken, damit ihnen aber bloß nicht kalt ist.

Paare buchen jetzt sogar angeblich romantische Wochenenden in Iglus

Schnee will nicht geliebt werden und liebt auch nicht zurück. Deswegen müssen wir unsere Körper flächendeckend vor ihm schützen, verriegeln unter Schichten von Stoff, weil er sich dagegen wehrt, während er sich im Sommer Pore für Pore für das Leben und die Wärme öffnet. Natürlich gibt es auch Hitze, die nicht gut ist, aber deswegen hat Christian auch kein Gedicht über ein aufgedunsenes Reh geschrieben, das kurz vorm Verdursten ist. Frieren ist aber offenbar okay.

Die Fetischisierung von Schnee ist mittlerweile dermaßen vorangeschritten, dass Paare angeblich romantische Wochenenden in Iglus buchen können, mit Kerzen und Herzchen. Das sind vermutlich dieselben Menschen, die sich Kakteen ins Schlafzimmer stellen. Auch Kakteen wollen von Menschen nicht geliebt werden, wie ihre Stacheln unmissverständlich mitteilen. Dennoch werden sie verniedlicht, in menschliche Lebensräume und westliche Alltagserzählungen gezwängt. Ständig müssen Grenzen überschritten werden, lasst uns stattdessen doch einfach mal nächstes Jahr auf besinnliche statt weiße Weihnachten hoffen. Bis dahin schlage ich vor: in die Decke einkuscheln, einen dampfenden Glühwein trinken, in die Sauna gehen, Heizung aufdrehen. Und an sonnige Ostern denken.