„Grindelwalds Verbrechen“: Die unschuldigen Zeiten aus „Harry Potter“ sind vorbei

In Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen lernen wir das magische Paris in den dreißiger Jahren kennen. Mit den unschuldigen Harry-Potter-Abenteuern von früher hat das stilistisch wenig gemein. Eine Kritik

Newt Scamander und die Gang. Foto: Mark Seliger / WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC.

Achtung: Diese Kritik enthält moderate Spoiler zur Story und den Figuren des Films.

Ach, was war das damals aufregend, als 2005 der fast fertig-pubertierte Harry Potter seiner Schulkameradin Cho Chang im Raum der Wünsche einen schlabbrig-feuchten Kuss auf den Mund drückte. Was für eine unschuldige Liebe. Was für eine süße Szene. Darüber können die Macher*innen des neuesten Abenteuers aus der magischen Welt nur müde lächeln: Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen, das zweite von fünf geplanten Harry-Potter-Spin-offs, ist ungleich düsterer, böser und sogar ein bisschen politisch.

Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling steuerte erneut das Drehbuch bei. David Yates, der schon bei vier Harry-Potter-Filmen und auch bei Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind Regie führte, nimmt die Zuschauer*innen wieder mit in die dreißiger Jahre der Zaubererwelt. Dem dunklen Zauberer Gellert Grindelwald, der am Ende des vorherigen Filmes festgenommen wurde, gelingt die Flucht. Er will reinblütige Zauberer und Hexen zur Weltherrschaft führen und die Muggel, alle nichtmagischen Menschen, töten oder unterjochen. Immerhin brauche man ja auch „Lasttiere“. Nach und nach scharrt der Bösewicht seine Anhänger*innen in Paris um sich. So weit, so einfach.

Wer bin ich? Wo bin ich? Was bin ich?

Doch neben diesem Hauptplot zeigt uns David Yates so viele Nebenhandlungen, Zeitsprünge und Ortswechsel, dass man als Zuschauer*in Probleme bekommt, der Handlung zu folgen und sich alle neuen Namen und Gesichter einzuprägen, bevor gleich wieder ein neuer Charakter eingeführt wird. Nach den knapp 130 Minuten fühlt man sich, als wäre man im Kopf gerade untrainiert einen Halbmarathon gelaufen.

In großer Eile erfahren wir, dass Credence Barebone, den geneigte Zuschauer*innen am Ende des ersten Films eigentlich für tot hielten, bei einem fahrenden Zirkus als Aushilfe arbeitet, aber sich auch auf der Suche nach seiner Mutter befindet. Schnell wird eine Liebesgeschichte von Protagonist Newt Scamander mit Leta Lestrange – ja, genau, eine Schwester der Hexe Bellatrix Lestrange – angerissen. Dann werden wir Zeug*innen der Beziehungskrise von Hexe Queenie und Muggle Jacob – ja, Jacob hatte am Ende von Teil eins seine Erinnerungen an die Existenz einer magischen Welt verloren –, Voldemorts Schlange Nagini taucht in Menschengestalt auf, Newt Scamander hat Stress mit seinem Bruder. Ach ja, und dann springen hier und da auch noch die titelgebenden fantastischen Tierwesen durchs Bild und sind entweder extrem niedlich – ui, ein goldgieriger Niffler! – oder machen alles kaputt – oh, ein brennender Katzen-Löwe mit bunter Mähne.

Eine der größten Schwächen des Filmes ist seine ausufernde Erzählung: Joanne K. Rowling hat ihre Geschichte mit derart vielen Ideen und Figuren überfrachtet, dass kaum Zeit zum Durchatmen und Genießen bleibt. Denn visuell hat Phantastische Tierwesen: Grindelwald Verbrechen einiges zu bieten, man merkt dem Film an, dass er für das 3D-Kino gedreht wurde. Flüche surren aus Zauberstäben, riesige Tierwesen zischen in grellen Farben über den Pariser Himmel oder Zauberer und Hexen lösen sich spektakulär in Nebel auf – es gibt selten mal einen wirklich ruhigen Moment, der nicht von einem Fluch-Feuerwerk unterbrochen wird.

Action-Szene folgt auf Action-Szene und so hat Grindelwalds Verbrechen mit den früheren Harry-Potter-Filmen kaum mehr viel gemein. David Yates gestaltet seinen Film deutlich düsterer, dunkler und grausamer. Gleich in den ersten paar Minuten des Filmes werden so viele Menschen umgebracht, hinterlistig getötet, dass schnell klar ist: Wir befinden uns hier nicht mehr in der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, nein – das hier ist das echte Leben – und jetzt stirb, du Muggel!

Grindelwald wirkt bedrohlicher als Voldemort

Einen Großteil dieser düsteren Stimmung hat der Film aber nicht den Spezialeffekten zu verdanken, sondern einem platinblonden Johnny Depp. Während Eddie Redmayne einen deutlichen Schritt in den Hintergrund tritt, kann Depp die Rolle des Gellert Grindelwald nun vollständig ausfüllen und prägen. Depp überzeugt als kaltherziger Bösewicht in Lederhose, der es versteht, andere Menschen mithilfe seiner Sprachgewalt für sich zu gewinnen und sie gegen andere Menschen aufzuhetzen. Im Gegensatz zum Potter-Bösewicht Lord Voldemort ist Grindelwald deutlich menschlicher – und wirkt deshalb umso bedrohlicher.

Auch Jude Law, der in Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen sein Magie-Debüt gibt, überzeugt als ein junger, im Leben stehender Dumbledore, der damals noch nicht Schulleiter, sondern nur Lehrer in Hogwarts ist. Er wirkt bestimmt, weiß was er tut – und man kauft ihm das Ringen mit seinen Gefühlen ab, wenn er vor dem Spiegel Nerhegeb sein größtes Begehren sieht: Grindelwald. Wie schon vor Veröffentlichung des Films viel diskutiert, gibt es immer wieder Andeutungen auf eine mögliche Liaison von Dumbledore und Grindelwald – zur Sache geht es aber zumindest in diesem Film noch nicht.

Überall ein tieferer Sinn, wo man keinen erwartet hätte

Obwohl der Film verglichen mit seinem Vorgänger deutlich wirrer wirkt, hält er auch viele schöne Momente für die Zuschauer*innen bereit: Wir dürfen noch mal zurück nach Hogwarts in den Unterricht von Verteidigung gegen die dunklen Künste. Wir erleben einen Irrwicht, der sich in die größten Ängste seiner Gegenüber verwandelt. Wir lernen eine junge Minerva McGonagall kennen und sind sogar für ein paar kurze Szenen im Österreichischen Durmstrang, einer weiteren Schule für Hexerei und Zauberei, die in der Potter-Saga nur kurz erwähnt wird.

Ständig verknüpft Rowling Zusammenhänge in die Geschichte, die Potter-Fans die Kinnlade runterklappen lassen. Auf einmal ergeben so viele Dinge einen Sinn, von denen man vorher gar nicht wusste, dass etwas Tieferes dahinter steckt. Es ergeben sich Zusammenhänge, die Rückschlüsse auf die Potter-Bücher ziehen lassen – und die alte, wohlbekannte Welt rundum den Magier mit Blitznarbe und Nickelbrille ins Wanken bringen. Und so schaffen es die Macher*innen, dass sich der Film sowohl nach Jugend anfühlt, überrascht, aber auch überfordert.