„Guck mal! Titten auf Rädern!“: Wie perfide Laura sexuell belästigt wird

Sexuelle Belästigung gehört zu Laura Gehlhaars Alltag. Weil sie eine Frau ist. Und weil sie im Rollstuhl sitzt.

Wie perfide Laura Gehlhaar sexuell belästigt wird

Laura Gehlhaar wird immer wieder mit Übergriffigkeiten konfrontiert. Foto: Schall&Schnabel

In unserer Serie „Auch wir“ protokollieren wir die Erlebnisse von Frauen mit sexueller Belästigung. Verbale und körperliche Übergriffe, bis hin zu Gewalttaten: Viele Frauen sind bereits Opfer geworden. Was haben sie erlebt und wie gehen sie damit um? Bei uns erzählen sie es.

„Ich wollte zum Ausgang der Praxis meines Hausarztes rollen, als mir dieser Typ in seinem großen E-Rollstuhl entgegenkam. Er versperrte mir den Weg und meinte: ,Ich lass dich erst vorbei, wenn du mir ein Lächeln schenkst!’ Ich habe mich in dem Moment angemacht gefühlt. Ich wäre an ihm nie vorbeigekommen, hätte ich nicht sehr laut gesagt ,Aus dem Weg, du Vollidiot!’“

Laura Gehlhaar ist 35 Jahre alt und lebt in Berlin. Sie ist Autorin, Sozialpädagogin und Coachin. Außerdem sitzt sie aufgrund einer Muskelerkrankung im Rollstuhl.

Leichte Beute als Frau im Rollstuhl?

„Ich erlebe verbale und körperliche Belästigung oder ich werde bedrängt“, erzählt Laura Gehlhaar. Männer rufen ihr Obszönitäten auf der Straße nach, die klar auf ihre Behinderung abzielen: „Dann höre ich Dinge wie: ‚Guck mal, Titten auf Rädern!'“

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Laura wird immer wieder belästigt. Zum einen, weil sie eine Frau ist. Zum anderen, weil sie im Rollstuhl sitzt. „Da gibt es ganz viele Kleinigkeiten, die meine Erlebnisse noch ein bisschen differenzieren von einer Frau, die keine Behinderung hat.“ Für Laura hat es den Anschein, dass Männer sie für leichte Beute halten würden. Oder dass sie glaubten, sie würden ihr sogar einen Gefallen tun, wenn sie sie anmachten oder sogar begrabschten.

Als Frau mit Behinderung wird ihr ihre Sexualität abgesprochen

Besonders perfide ist dabei ein Aspekt der Belästigung, den Laura als Frau mit einer sichtbaren Behinderung erlebt: Menschen sprechen ihr ihre Sexualität ab. „Wenn ich etwa mit meinem Freund unterwegs bin und wir uns küssen, Händchen halten oder uns umarmen, dann sind die Leute sehr erstaunt.“ Lauras Sexualität verschwindet für diese Menschen hinter ihrer Behinderung.

Die Überraschung, dass Laura ein Liebesleben hat, lässt Leute dann verbal Grenzen überschreiten. „Ich werde ganz oft in der Öffentlichkeit gefragt, ob ich Sex haben kann.“ Auf den Gedanken, dass solche Fragen Teil von Lauras Intimsphäre sein könnten, kämen die Personen nicht. „Solche Menschen sind dann verblüfft. So von wegen: ,Ach krass! Die hat dann wohl auch Sex!’“

Wie geht Laura mit Belästigungen um?

Beide Facetten der Belästigung kosten Laura Gehlhaar Kraft. „Das ist schon kacke“, ist ihr knapper Kommentar dazu. „Es ist wahnsinnig unhöflich und belästigend und einfach nicht angebracht.“

Laura ist erschöpft von solchen Belästigungen. Auf der einen Seite haben Erlebnisse in der Vergangenheit Lauras Definition von Normalität verschoben. „Ich bin damit aufgewachsen, ständig in Schubladen gesteckt zu werden und mit Vorurteilen konfrontiert zu sein: aufgrund meiner Behinderung, aufgrund meines Geschlechts, aufgrund meiner gewählten Lebensweise“, sagt sie heute dazu. „Wenn sich manche Situationen nicht ereignet hätten, dann wäre mein Bewusstsein auch ein ganz anderes.“

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Auf der anderen Seite haben negative Erfahrungen in der Vergangenheit Laura insoweit abgehärtet, dass sie durch neue Erlebnisse nicht mehr so leicht zu verunsichern ist. „Ich muss auch sagen, dass je nachdem, wie ich auch drauf bin, darüber auch lachen kann.“ Dennoch: „Ich muss mich jedes Mal bewusst entscheiden, dass mich (das Erlebte) jetzt nicht verwirrt. Oder dass mich das Fehlverhalten nicht in meinem Leben, wie ich es auslebe, behindert.“

Behindert ist man nicht, behindert wird man. Selbst wenn Laura Gehlhaar über unangenehme Erfahrungen und Belästigungen erzählt, macht sie den Eindruck einer selbstbewussten und starken Frau, die sich schlagfertig zur Wehr setzt. In keinem Moment spricht sie von ihrem Rollstuhl als Problem. Klar ist: Es sind jedoch oft die anderen Menschen, die aufgrund von Lauras Behinderung, ihres Geschlechts und ihrer Lebensweise Vorurteile haben und Lauras Leben behindern.