Haben Feminist*innen den besseren Sex?

Frauen täuschen Orgasmen vor, um keine Egos zu kränken. Dabei haben die, die das nicht tun, besseren Sex – sagt die Forschung. Und nicht nur die.

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Wer über den Orgasmus spricht, hat womöglich häufiger einen. Foto: Taras Chernus / Unsplash | CC0

Von wegen Feminismus ist nicht sexy! In Berlin wurde soeben zum zehnten Mal der feministische und sexpositive PorYes-Award gefeiert. Mit Sextoy-Tausch, Filmen, Vorträgen und Peniskeksen. Ja, richtig gelesen.

In einem Interview mit der taz sagt Gründerin Laura Méritt: „Diese Fragen, die wir am Anfang gestellt bekommen haben, ob Feminismus und Pornografie zusammengehen, die stellt niemand mehr.“ Dass Feminismus sexy und pornografisch sei, wäre auch angekommen. „Dafür mussten wir kämpfen. Wir waren immer die vertrockneten Pflaumen, die durchgebumst werden müssen, die hysterischen Weiber, die Radikallesben.“

Doch das ist weit, weit von der Realität entfernt. Denn Feminist*innen haben sehr wahrscheinlich den besseren Sex. Welche Zusammenhänge sich dahinter verbergen, das haben Wissenschaftler*innen untersucht.

Oh, ich komme! Doch, doch – wirklich

Für eine aktuelle Studie wurden mehr als 1.000 Frauen in den USA zwischen 18 und 94 Jahren zum ihrem Sexleben befragt, speziell zum Zusammenhang zwischen Orgasmen, Befriedigung und Kommunikation. Deutlich über die Hälfte der Frauen – 58,8 Prozent, um genau zu sein – haben angegeben, schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht zu haben. Ein Drittel macht das mehr oder minder regelmäßig.

Dafür haben die Befragten vor allem zwei Gründe genannt: Sie wollen die Gefühle ihres Partners nicht verletzen. Und sie täuschen lieber einen Orgasmus vor, als explizit über ihre sexuellen Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen. Beides hat durchaus mit der Auswirkung stereotyper Geschlechterrollen auf Sexualität zu tun, wie unter anderem eine weitere Untersuchung nahelegt.

Eine Studie mit 462 heterosexuellen britischen Teilnehmerinnen hat sich nämlich explizit der Frage gewidmet, inwieweit das Geschlechterverständnis von Frauen mit dem Vortäuschen von Orgasmen zusammenhängt.

Ergebnis: Die Frauen, die zu „antifeministischen Werten“ tendieren, haben im Laufe ihres Lebens erheblich häufiger so getan, als wären sie gekommen. Je mehr die befragten Frauen außerdem glaubten, dass der weibliche Orgasmus als Belohnung für Männer wichtig sei, desto wahrscheinlicher war es, dass sie Orgasmen vorgetäuscht haben.

„Einer der häufigsten Gründe, die Frauen fürs Vortäuschen eines Orgasmus‘ nennen, ist, das männliche Ego zu schonen. Sie trauen sich nicht zu sagen, dass das, was er tut, nicht funktioniert – oder sie wissen es selber nicht“, berichtet auch Sexexpertin und Intimitätscoachin Yella Cremer.

Interessanterweise belegt eine US-Studie aus dem Jahr 2017 unter mehr als 52.000 bi-, hetero- und homosexuellen Befragten zwischen 18 und 65, dass alle mit ihren Partner*innen mehr Orgasmen erleben als heterosexuelle Frauen mit ihren Männern. Puh.

Geiler Sex ist mehr als Orgasmen

Davon mal ganz abgesehen, dass es beim Sex selbstverständlich bei Weitem nicht nur um den Orgasmus geht, ist es für viele Frauen nicht ganz einfach, frei von Scham oder Performanceerwartungen über ihre Lust und Bedürfnisse zu sprechen und Sex so zu genießen, wie er ihnen wirklich Spaß macht. Und auch klar zu sagen, was sie doof finden.

Weibliche Lust und Sexualität werden in unserer Gesellschaft nämlich noch immer hauptsächlich heteronormativ und in Bezug zum Mann und seiner Erfüllung gedacht. Frauen dürfen zwar begehrenswerte Sexobjekte sein, begehrende Sexsubjekte jedoch weniger gern. Anders gesagt: Es ist schon irgendwie wichtig, als gut im Bett zu gelten – aber sich dabei selbst gut zu fühlen höchstens in zweiter Linie.

Frauen sollen mit ihrer Lust zurückhaltend sein, erobert werden und nicht beim ersten Date mit jemandem schlafen. Männer hingegen werden in ihrer Sexualität eher als aktiv und offensiv gesehen. Niemand würde beispielsweise zu einem Mann sagen: „Lass dich bloß nicht direkt rumkriegen!“ Doch die Unterscheidung in eine weibliche und eine männliche Sexualität schränkt alle Beteiligten ein. Schon schade, oder?

Bitte schön sexpositiv

Genau damit versucht die sexpositive Bewegung seit fast einem halben Jahrhundert aufzuräumen. Es geht darum, gemeinsam Spielarten und erfüllenden Sex zu erleben – die Schnittmenge sozusagen. Das klappt allerdings nur mit ehrlicher, freier Kommunikation. Davon profitieren dann alle.

Und laut der Studie mit den britischen Teilnehmer*innen waren die Frauen, die eine höhere sexuelle Zufriedenheit angegeben haben, auch gelassener damit, über Sex und Sehnsüchte zu sprechen. Auch Sexexpertin Yella Cremer sagt: „Feminismus stärkt Frauen darin, ihre eigene Kraft zu finden und zu nutzen, insofern ist Feminismus eng verwoben mit erfüllter Sexualität.“

Sich in der eigenen Haut gut zu fühlen, zu wissen, was gefällt und Spaß macht und was nicht und das dann auch offen sagen zu können – das lässt sich laut Yella Cremer übrigens üben. „Den eigenen Körper bewusst erleben und genießen macht stark. Wenn ich mich gut fühle, stärkt das auch mein Selbstbewusstsein.“ Und das wiederum führt dann zu besserem Sex. Orgasmus vortäuschen? Unnötig.

Außerdem auf ze.tt: So sehen Frauen vor, während und nach ihrem Orgasmus aus