Häusliche Gewalt: Wenn der eigene Partner zum Täter wird

Ein Blick hinter die Gardinen: Gewalt gegen Frauen findet auch zu Hause statt. Misshandelt vom eigenen Partner und niemand merkt es. Über die erschreckende Realität häuslicher Gewalt.

Bild: Naomi August | Unsplash

Tomatensuppe. Sie steht in der Küche und kocht für ihren Mann, wie jeden Abend. Meist verstehen sie sich gut, doch manchmal kommt er von der Arbeit nach Hause, läuft in die Küche, umarmt sie von hinten und fasst ihr unsanft in den Schritt. „Na, hast du sehnsüchtig auf mich gewartet?“

Sie sagt nichts. Sie hat ihre Schultern hochgezogen und zittert leicht. Seine Berührungen sind eine Qual. Sie will keinen Fehler machen – doch es ist egal, was sie tut. „Hast du etwa keine Lust auf mich, Schlampe?“ Er dreht sie zu sich. Dann schaut er in den Topf. „Suppe? Was fällt dir ein?“ Er reißt den Topf hoch und kippt ihn über ihrer Brust aus, sie schreit vor Schmerz. „Rühr dich ja nicht, Miststück!“ Er schlägt sie. Immer und immer wieder. Bis sich Blut mit Tomatensuppe vermischt.

Anna* ist Ende 20 und seit einem Jahr verheiratet. Es war Liebe auf den ersten Blick, sagt sie. Doch heute lebt sie nicht mehr aus Liebe mit ihrem Mann zusammen, sondern aus Angst.

Jede vierte Frau erlebt es

Jede vierte Frau in Deutschland hat schon mindestens einmal körperliche und beziehungsweise oder sexualisierte Gewalt durch ihren Partner erlebt. Und: Mehr als die Hälfte aller Frauen, die jemals Gewalt erlebt haben, erfuhren diese durch ihren Partner. Silke Dietrich vom Frauenhaus Hannover glaubt nicht, dass es heute mehr Gewalt gegen Frauen gibt als noch vor 20 Jahren. „Ich denke aber, dass mehr Frauen gehen, und vor allem früher reagieren.“ Heute sehe die Rechtslage besser aus als 1977, als das Frauenhaus gegründet wurde. „Damals waren Frauen juristisch dem Mann noch Untertan.“ Gewalt in der Ehe sei keine Straftat gewesen, allenfalls eine schwierige Familiensituation. Dietrich findet, mit Gewaltschutzgesetzen und der Nein-heißt-Nein-Regelung hat man eine ganz gute Handhabe gegen Täter.

In die Frauenhäuser kommen Frauen, die von Gewalt betroffen und in ihrem Zuhause nicht mehr sicher sind. „Dazu gehören auch Situationen wie ein Ex-Ehemann, der aus jeder Übergabe der gemeinsamen Kinder ein Bedrohungsszenario macht, eine Rollstuhlfahrerin, die in einer Einrichtung für behinderte Menschen belästigt wird oder eine Sexarbeiterin, die vor ihrem Zuhälter flieht, gar Zwangsprostituierte, die von der Polizei aus einem Bordell befreit werden“, erklärt Dietrich.

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Laut Frauenhauskoordinierung (PDF) lebten im Jahr 2015 rund 7.500 Frauen in Frauenhäusern. 1.400 von ihnen sind zu ihrem gewalttätigen Partner zurückgekehrt. Nicht immer kann ein Aufenthalt und die Beratung Frauen von dem Misshandler loslösen – sie müssen es selbst tun. Doch selbst wenn sie sich dazu entschließen auszubrechen, müssen sie oft erst auf einen Platz in einem Frauenhaus warten. Silke Dietrich zieht eine ernüchternde Bilanz: „Durchschnittlich haben wir in diesem Jahr einmal am Tag eine Absage erteilt, sieben Tage die Woche.“

Es gibt außer Frauenhäusern aber auch andere Möglichkeiten, sich Hilfe zu suchen. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Bmfsfj) hat herausgefunden, dass Ärzt*innen oft die ersten Ansprechpersonen sind, erst an zweiter Stelle stehen Mitarbeiter*innen aus dem Bereich Frauenhilfseinrichtungen und Sozialarbeit und darauf folgt die Polizei. Die Schwelle, sich Hilfe zu suchen, liege oft sehr hoch. Insbesondere wenn es darum geht, die Polizei zu verständigen, müsse meist ein hoher Grad an körperlicher Gewalt gegeben sein, bis die Frauen sich zu diesem Schritt durchringen. Bei sexueller Gewalt liegt diese Schwelle noch höher.

Leichter fällt es Betroffenen, sich zunächst beim anonymen Hilfetelefon zu informieren. Das seit 2013 bundesweit geführte Beratungsangebot veröffentlichte 2016 einen Jahresbericht (PDF). Demnach haben im letzten Jahr über 8o.000 Frauen den Kontakt gesucht. Davon waren 60 Prozent Opfer häuslicher Gewalt. Zum Zeitpunkt des letzten Vorfalls befanden sich 80 Prozent immer noch in der Paarbeziehung.

Bild: Louis Blythe | Unsplash

Magdalena*, Freundin einer Betroffenen:

„Ich verstand nie, was sie an ihm fand. Er war deutlich älter als sie, trank viel Alkohol und war so ein typischer Haudegen. Sie meinte mal, ihr gefällt seine Männlichkeit und er sei nicht so wie er nach außen wirkt, sondern ganz liebevoll. Ich kenne sie seit vielen Jahren, sie ist meine beste Freundin, und ich habe schnell erkannt, dass etwas nicht stimmt. Sie wollte plötzlich keine Umarmungen mehr, wir trafen uns nicht mehr in der Öffentlichkeit, sondern nur noch zu Hause, sie verlor ihr Interesse an Mode. Es waren viele kleine Dinge.

Anfangs log sie, irgendwann brach es aus ihr heraus und sie erzählte mir alles. Es war noch schlimmer, als ich erwartet hatte. Ich wollte etwas tun, sie warnte mich, doch ich hörte nicht. Ich verständigte die Polizei, die ihn aufsuchte und befragte. Wir sollten Protokoll über Verletzungen führen. Am nächsten Tag ging sie nicht ans Telefon. Stunden später erst brach die Polizei die Tür zu ihrer Wohnung auf, sie lag bewusstlos am Boden. Drei Wochen lang lag sie im Koma. Auf einem Auge kann sie nichts mehr sehen. Doch das schlimmste ist, dass sie ihr Lächeln verloren hat. Und auch wenn sie es nicht tut, ich gebe mir die Schuld daran, dass er vollends eskaliert ist.“

Eine erhebliche Dunkelziffer

Vom Frauenhaus Hannover werden Frauen dazu motiviert, den ersten Schritt selbstständig zu wagen. „Ich schätze, dass über die Hälfte aller Frauen den ersten Kontakt zu uns allein aufbaut. Aber viele Frauen haben Unterstützung durch Freunde und Familie“, so Silke Dietrich. „Wenn ich mit einer Freundin oder Bekannten der Betroffenen spreche, hat diese Person ganz andere Interessen. Sie hält es vielleicht nicht mehr aus, sich das anzugucken und hat damit einen eigenen Leidensdruck.“

Beim Thema häusliche Gewalt muss man von einer erheblichen Dunkelziffer ausgehen. Auch das Bundeskriminalamt hat 2015 eine Statistik veröffentlicht. Partnerschaftsgewalt trat damals in Form von vorsätzlicher einfacher Körperverletzung (65.800 registrierte Fälle), Bedrohung (16.200), gefährlicher Körperverletzung (11.400), Stalking (7.900) und Mord beziehungsweise Totschlag (331) auf.

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Frauen erlebten in ihren Beziehungen auch subtilere Formen sexualisierter Übergriffe, wie das Bestehen auf Geschlechtsverkehr und das Beharren auf Praktiken, die der Frau unangenehm sind. Erschreckenderweise empfinden einige Frauen diese Gewalt als normales männliches Verhalten, wie es in der Studie des Bmfsfj heißt. Psychischer Druck scheint eine Art Einstiegs-Gewalt zu sein. In Beziehungen, die mit Kontrolle und Dominanz des Mannes einhergehen, treten körperliche und sexuelle Gewalt häufiger auf. Alkoholkonsum und Arbeitslosigkeit des Misshandlers können seine Gewalttätigkeit noch verstärken. Die betroffenen Frauen gaben an, dass 55 Prozent der Partner in den Situationen häufig oder gelegentlich durch Alkohol oder Drogen beeinflusst waren. Die Gewalt in Paarbeziehungen ist unabhängig von Bildungsgrat und Schichtzugehörigkeit.

Bild: Malik Earnest | Unsplash

Alexander*, ehemaliger Misshandler:

„Ich liebe meine Frau. Und so verdreht es klingt, aber genau aus diesem Grund habe ich ihr das angetan. Ich hatte regelrechte Aussetzer. Wenn ich sie schlug, dann war ich nicht ich selbst. Minuten später war ich oft erschrocken, wenn sie blutete – ich wusste nicht, dass ich das war. Immer mehr verlor ich den Verstand und den Boden unter den Füßen, wodurch ich noch gewalttätiger wurde. Auslöser war meine krankhafte Eifersucht. Mittlerweile weiß ich, dass das mit meiner Kindheit zu tun hat, aber das ist natürlich keine Entschuldigung.

Immer wenn sie das Haus verlassen wollte, brannte mir die Sicherung durch. Ich hatte Angst sie zu verlieren, an einen besseren Mann. Tief im Innern wusste ich, dass ich nicht gut für sie bin. Mit der Zeit hatte ich das Gefühl, sie verlässt immer öfter das Haus ohne mich – in Wahrheit zog sie sich immer weiter zurück. Und statt mich zu verabscheuen, beruhigte sie mich, wenn ich mal wieder jede Realität verloren hatte und sagte, es sei nicht schlimm. Kein Mensch ist so stark wie meine Frau. Inzwischen hat sie einen neuen Freund. Wir sehen uns ab und an, denn wir haben noch viel zu besprechen. Ich weiß, viele Männer zeigen keine Reue und sehen die Schuld bei ihrer Frau.

Ich hasse sie alle. Aber am meisten hasse ich mich selbst.“

Massive psychische Folgen

Frauen, die ins Frauenhaus ziehen, verhalten sich unterschiedlich. Manche seien aufgelöst, andere erleichtert, wieder andere erledigt von den Strapazen. Silke Dietrich hat verschiedene Erfahrungen gemacht: „Wenn eine Frau von der Polizei aus der Wohnung geholt und ins Krankenhaus gebracht wurde, dort dann drei Tage gelegen hat und danach zu uns kommt, ist sie in einer ganz anderen Verfassung als eine Frau, die nachts im Nachthemd mit ihrem Kind an der Hand auf der Straße steht, weil der Misshandler sie rausgeworfen hat.“

Was den Frauen passiert ist, sei nicht immer sofort Thema. Es gibt keine Verpflichtung, sich den Mitarbeiter*innen gegenüber zu öffnen. „Zunächst stehen sowieso das sich in Sicherheit bringen und existenzielle Fragen im Vordergrund. Von Schulpflicht über Nachthemd und Zahnbürste bis zum Ladekabel fürs Handy gibt es viele Dinge zu bedenken“, so Dietrich. Das Erlebte zu verarbeiten liefe bei jeder Betroffenen anders. „Dennoch kommt über kurz oder lang alles auf den Tisch.“

Besonders gefährdet sind Frauen in Trennungssituationen: Ausmaß und Schwere der Gewalt sind bei geschiedenen Frauen deutlich höher. Außerdem steigen laut Bmfsfj beide Faktoren mit der Anzahl der Beziehungen, die eine Frau eingeht. Trennungsabsichten sind häufig der Auslöser für den Beginn der Gewalthandlungen. In 64 Prozent der Fälle hatten die Übergriffe körperliche Verletzungen von blauen Flecken bis hin zu Verstauchungen, Knochenbrüchen, offenen Wunden und Kopfverletzungen zur Folge. Nur ein Drittel dieser Frauen hat daraufhin medizinische Hilfe in Anspruch genommen. In der Studie von 2004 konnte ein höherer Alkohol- und Medikamentenkonsum, vor allem aber ein sehr viel höherer Tabakkonsum bei betroffenen Frauen festgestellt werden.

Nicht zu unterschätzen sind auch die psychischen Folgen, die Gewaltanwendungen für die Betroffenen haben. Schlafstörungen, neue Ängste, ein vermindertes Selbstwertgefühl, Depressionen, Essstörungen und Selbstverletzungen sind nur wenige davon. Das psychische Leiden der Frauen kann sie auch in den Selbstmord treiben. Schuld- und Schamgefühle, ständiges Grübeln und Auswirkungen auf zwischenmenschlichen Beziehungen, beispielsweise zu Freund*innen und Familie, sind noch die harmloseren Reaktionen.

Fast alle Frauen nannten Selbstaufgabe und Beschränkungen der eigenen Unabhängigkeit durch den Partner als grundsätzliche Resultate der Gewalttätigkeit. Einige befanden sich sogar in einer Art Mutterrolle und übernahmen die Verantwortung für die Taten ihres Partners. Manche verleugneten über lange Zeit, Opfer von Gewalt zu sein. Sie wollten sich nicht eingestehen, dass das nichts mit Liebe zu tun hat und erkannten deshalb keinen Ausweg. In einigen Fällen beschrieben die Betroffenen auch eine Verleugnung durch Dritte, oft der eigenen Verwandten, die beispielsweise versuchten, den Anschein einer glücklichen Familie zu wahren.

Scheinbare Ausweglosigkeit

Anna will sich von ihrem gewalttätigen Mann trennen. Doch leicht ist dieser Schritt nicht. Ihre Mutter meint, früher wurden alle Frauen von ihren Männern geschlagen, sie solle nicht jammern. Dabei verschließt sie die Augen vor den blauen Flecken überall in Annas Gesicht und auf ihren Armen. Anna schämt sich so sehr darüber, dass sie nicht mehr zur Arbeit geht. Auch mit Freundinnen trifft sie sich nicht mehr, denn das macht ihren Mann wütend.

Seit einiger Zeit möchte er nicht mehr, dass sie die Pille nimmt. Er will Anna mit einem Baby an sich binden. Sie macht einen Schwangerschaftstest. Viele Stunden lang sitzt sie im Bad auf dem Boden und weint. Nun hat sie die Verantwortung für zwei. Also geht Anna in die Küche und kocht, er darf nicht sauer werden. Es gibt nie wieder Tomatensuppe.


*alle Namen aus Schutzgründen geändert

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