„Hamilton“ auf Disney+: Warum die Musical-Sensation umstritten ist

Das Musical Hamilton hat zahlreiche Diskussionen von Held*innenverehrung bis Repräsentation von BIPoC angestoßen. Auf Disney+ ist eine Aufzeichnung des Stücks zu sehen. Muss man das sehen? Eine Kritik

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Filmstill: © Disney

Seit vergangener Woche können alle, die 6,99 Euro für einen Monat Disney+ übrig haben (Probeabos gibt’s leider nicht), dem kulturellen Megaphänomen Hamilton beiwohnen. Das Musical ist in den vergangenen Jahren oft kritisiert und diskutiert worden – obwohl nur wenige Menschen auf der Welt es selbst sehen konnten. Als Broadway-Musical ist es zunächst denen vorbehalten gewesen, die in New York und den USA kulturell was auf sich halten und die horrenden Ticketpreise für das Musical zahlen konnten.

Das Musical Hamilton ist auf besonderem Wege zustande gekommen

In den frühen Zweitausendern sitzt der Komponist und Schauspieler Lin-Manuel Miranda am Flughafen und kauft sich eine Biografie von Alexander Hamilton, einem der Gründerväter der USA. Hamilton wurde in der Karibik geboren, der breiten Masse ist er recht unbekannt. Miranda liest dieses Buch aus seiner eigenen migrantischen Perspektive. Er kommt ursprünglich aus Puerto Rico und denkt sich: Fuck, das bin ja ich. Und: Daraus könnte man ein Musical machen – mit mir in der Hauptrolle!

Schnitt, ein paar Jahre später: Barack Obama ist US-Präsident und Mirandas Musical In the Heights ein Broadway-Hit. Miranda soll im Weißen Haus ein paar Songs daraus performen – oder hätte er vielleicht auch etwas, das von der American Experience erzählt?, wird er gefragt.

Miranda rappt nur vom Klavier begleitet den Song Alexander Hamilton, es gibt Standing Ovations von Barack und Michelle, und Miranda weiß: Das funktioniert. Er braucht ein weiteres Jahr, um den zweiten Song des Musicals zu schreiben, aber dann geht es ganz schnell: Off-Broadway-Premiere, die meisten Awards in der Geschichte der Tonys, Pulitzer-Preis, Grammy für den Soundtrack. Hamilton ist das größte Musical-Phänomen der jüngeren US-Geschichte, jede*r muss es sehen, alle reden darüber. Wenn man das hört, dann fragt man sich: Was zur Hölle passiert denn in diesem Musical? So gut kann es doch gar nicht sein, oder doch?

Wie man Geschichte schreibt

Hamilton erzählt die Geschichte des gleichnamigen Gründervaters der USA, der nach New York kommt, kurz bevor der Krieg gegen die britischen Kolonialmächte beginnt. Zusammen mit drei Freunden schließt er sich den Truppen um George Washington an, wird sein Berater, kämpft im Krieg, wird Finanzminister und schreibt an der US-Verfassung mit, bis er schließlich bei einem Duell stirbt. Dieser frühe Tod Hamiltons hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass der Name heute nicht so bekannt ist wie Benjamin Franklin und Thomas Jefferson.

Das Besondere am Musical ist nun, dass fast alle Rollen von Schwarzen oder People of Color gespielt werden und sein Schöpfer Lin-Manuel Miranda einen Sound zwischen Les Misérables, Rap und R&B wählt. Oskar Eutus, der künstlerische Leiter des New York Public Theater vergleicht Miranda in der sehr sehenswerten Hamilton-Doku mit Shakespeare: „Lin macht in Hamilton genau das, was Shakespeare in seinen historischen Stücken getan hat. Er nimmt die Stimme der Massen, erhöht sie zur Poesie und adelt dadurch die Menschen selbst. Das hat seit Shakespeare niemand so effektiv gemacht.”

Diese Repräsentationsleistung, die niemals erzwungen wirkt, ist spannend, weil BIPoC-Schauspieler*innen am Broadway oft nur klischeebehaftete Rollen spielen durften, wenn sie überhaupt in Produktionen auftauchten. Hamilton hat damit ein Tor aufgestoßen, andere Produktionen wurden dadurch erst denkbar und umgesetzt.

Demokratie durch Streaming?

Auf Disney+ kann man jetzt eine Aufzeichnung von 2016 sehen. Sie war ursprünglich mit einem Start im Jahr 2021 fürs Kino geplant, aber Corona kam dazwischen und Disney witterte seine große Chance, ein weltweites Publikum in Quarantäne damit auf sein neues Streamingportal zu locken.

Wenn man das Musical zum ersten Mal sieht, muss man sagen: Hamilton ist wirklich ein gewaltiges Spektakel. Es ist sofort verständlich, warum das Stück so ein Phänomen geworden ist. Zweieinhalb Stunden lang wird in fulminantem Tempo durchgesungen und -gerappt, wie die Wogen des Meeres tauchen Charaktere auf, werden wieder vom Ensemble verschlungen, die Holzbühne dreht sich in atemberaubender Geschwindigkeit, jede Figur bekommt einen eigenen Willen und ein eigenes, grandioses musikalisches Motiv. Irgendwann überlagern sich diese Motive, ein Charakter singt in einem völlig anderen Song zwei Zeilen seines Themes und wir wissen sofort wieder, wie er oder sie sich gerade fühlen muss.

Hier zeigen sich Mirandas unfassbare Songwriting-Skills, schon beim ersten Refrain eines Songs möchte man „Alexander Hamilton!“, “I’m not throwing away my shot!” oder “That would be enough!” aus vollem Halse mitgröhlen. Es reiht sich Evergreen an Evergreen.

Dass das Musical so spaßig ist und gleichzeitig die blutige Geschichte des US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieges erzählt, macht das Ganze so faszinierend wie ambivalent. Das gilt nicht zuletzt für die Hauptfigur Hamilton selbst. Ja klar, man kann ihn als antikolonialen Revolutionär sehen, oder aber als Karrieremensch, der selbst vom Sklavenhandel profitiert hat und sehr konservative Ansichten hatte.

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Und deswegen wird auch jetzt – wo mehr Menschen weltweit Hamilton sehen können – debattiert, ob man diesem Mann wirklich ein solches Denkmal hätte setzen sollen. Vielleicht war es ganz gut, dass er in Vergessenheit geraten war? Schließlich hat er selbst Sklaven besessen, seine Frau betrogen und war einfach ein verdammt unsympathischer Charakter.

Misslungene Repräsentation?

Die Frage, um die sich gerade der Diskurs dreht: Reicht gelungene Repräsentation für eine neue Bewertung der US-Geschichte? Oder macht es das eigentlich schlimmer? Setzen hier Schwarze und Latinx weißen Sklaventreiber*innen ein Denkmal am Broadway, einer der weißesten Institutionen überhaupt? Hätte man lieber eine Schwarze Geschichte erzählen sollen?

People are protesting, tearing down statues of both Thomas Jefferson and George Washington because they were slaveholders, who used racism to justify their actions. However, these same people sit down to watch this musical like nothing is wrong.

Nutzerin Rose auf Letterboxd.com

Diese Diskussion ist wahrscheinlich der Backlash des unfassbaren Erfolgs, den dieses Musical hatte, und der Präsidentschaft Barack Obamas, die nicht den von vielen BIPoC erhofften Systemwechsel in den USA gebracht hat. In einer Zeit, in der Black Lives Matter so laut ist wie nie zuvor, ist es seltsam, dass den Menschen, die ja auch Gründungsväter des aktuellen rassistischen System in den USA sind, hier eine so große Party geschmissen wird. Und: Weiße werden hier zwar von BIPoC gespielt, aber tatsächlich historische BIPoC tauchen in diesem Stück überhaupt nicht auf.

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Diese Kritik ist komplex und gerechtfertigt und stellt die grundsätzliche Frage, ob jede Repräsentation gute Repräsentation ist. Auch Historiker*innen haben an Hamilton kritisiert, es würde die längst überwundene Erzählung der Gründerväter als Helden wieder neu anfachen. Miranda muss sich diese Kritik gefallen lassen, trotzdem verlangt man mit ihr auch schon sehr viel von einem fulminanten Musical, das so viel neu und anders gemacht hat.

Hamilton ist eine oberflächliche Schulstunde

Man muss Hamilton vielleicht eher wie eine oberflächliche Schulstunde sehen, die durch ihr Casting komplett aufgemischt wird und eine andere Perspektive auf Geschichten wirft. Aber natürlich kann das nicht der Endpunkt dieser Betrachtung sein, und wahrscheinlich müssen jetzt auf dieser Kritik fußend neue, andere Werke entstehen.

Manche nennen Hamilton ein US-amerikanisches Propagandastück. Man könnte auch sagen: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung und man muss sich wirklich freuen, dass es so erfolgreich war, dass wir diese Debatten überhaupt führen können. Hätten Weiße ein Musical über Hamilton gemacht, wäre dies vermutlich nur eine weitere Broadway-Produktion geworden, von der man wahrscheinlich nie wieder etwas gehört hätte – auch keine flammende Kritik daran. Die Aneignung von US-Geschichte durch die Menschen, die in ihr eine große Rolle gespielt haben, aber viel zu selten gehört werden, bleibt eine wunderbare Idee, auch wenn hier noch viel mehr gegangen wäre.

Aber darüber können wir ja jetzt endlich selbst nach einer Flasche Wein streiten, so wie die New Yorker Upperclass 2016.

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