Diese Fotos zeigen die Angehörigen von Opfern rechter Gewalt

Für Viele geht schon kurz nach rechtsextremen Gewalttaten der Alltag weiter. Jasper Kettner hat diejenigen fotografiert, die nicht einfach so weitermachen können: Familie und Freund*innen der Ermordeten.

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Mamadou Saliou Diallo, Bruder von Oury Jalloh. Das Foto entstand vor dem Polizeirevier in Dessau. Foto: © Jasper Kettner

„Die Opfer von Hanau dürfen nie vergessen werden. Die Namen müssen in der Schule gelernt werden und auf den Straßen lesbar sein.“ Mit diesen Worten endet der Brief von Serpil Temiz, Mutter des in Hanau ermordeten Ferhat Unvar, an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wer kennt ihre Namen noch? Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun, Said Nesar Hashemi, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar.

Der rassistische Anschlag in Hanau vom 19. Februar ist noch nicht ganz einen Monat her und doch ist er aus der öffentlichen Wahrnehmung schon weitestgehend zurückgetreten. „Wenn es keine lückenlose Aufklärung gibt, ist es, als würde mein Sohn ein zweites Mal ermordet“, schreibt Serpil Temiz. Doch für Viele geht der Alltag weiter.

Der Fotograf Jasper Kettner hat Menschen besucht, deren Alltag nach rechtsextremen Gewalttaten nicht einfach so weitergehen kann. Weil sie sich bedroht fühlen. Weil sich ihr ganzes Leben verändert hat. Weil ihnen geliebte Menschen von Rassist*innen und Neonazis genommen wurden.

182 Menschen wurden seit 1990 von Rechtsextremen ermordet. Ihre Namen sind in einer Langzeitrecherche von Die ZEIT und dem Tagesspiegel dokumentiert, in den offiziellen Statistiken taucht gerade mal die Hälfte der Fälle auf. Rechte Gewalt hat Kontinuität in Deutschland. Und das nicht erst seit 1990.

Jasper Kettner hat sein Projekt gemeinsam mit Ibrahim Arslan realisiert. Arslan überlebte 1992 als Siebenjähriger den Brandanschlag von Mölln. Zwei Neonazis hatten Molotowcocktails auf zwei Wohnhäuser türkischstämmiger Familien geworfen. Die Großmutter Bahide Arslan rettete ihren Enkel, indem sie ihn in feuchte Handtücher einwickelte. Sie selbst starb, so wie auch Ibrahims Schwester Yeliz und seine Cousine Ayşe, die gerade zu Besuch war.

Ibrahim Arslan ist auf einem der 37 Porträts zu sehen, die das Projekt Die Angehörigen umfasst. Wir zeigen eine Auswahl. Und erzählen die Schicksale hinter den Fotos.

Arbnor Segashi, Bruder von Armela Segashi (2016)

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Arbnor Segashi, Bruder von Armela Segashi. Das Foto entstand im Fahrstuhl des ehemaligen Wohnblocks der Familie in München. Foto: © Jasper Kettner

Am 22. Juni 2016 erschoss ein 18-Jähriger im Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen und anschließend sich selbst. Eine der Ermordeten war die 14-jährige Armela Segashi. Ihr Bruder Arbnor sagt: „Als wir die Nachricht bekamen, hat meine Mutter gleich gesagt, dass es doch nicht sein kann, dass dabei nur Ausländer sterben. Ich habe ihr immer wieder ausgeredet, dass das eine rechte Tat war. Mit Ausländerfeindlichkeit bin ich nie konfrontiert worden, während ich aufgewachsen bin. Das kann doch nicht sein! Das ist doch München! Durch den Prozess musste ich akzeptieren, dass ich Opfer von Rechten geworden bin. Das war schwer.“ Alle Todesopfer hatten einen Migrationshintergrund oder waren Sinti*zze.

Der Täter hatte bereits ein Jahr zuvor ein Manifest verfasst. Für die Tat wählte er das gleiche Waffenmodell und als Datum den fünften Jahrestag des Attentats des rechtsextremen norwegischen Massenmörders Anders Breivik.

Erst nach mehr als drei Jahren stufte das Landeskriminalamt Bayern im Oktober 2019 die Tat als politisch motiviertes Hassverbrechen ein. Zuvor war man entgegen der Einschätzungen des Richters im Prozess, des Bundesamtes für Justiz und Gutachtern der Stadt München von einem Racheakt wegen Mobbings ausgegangen. Einer der Gutachter, der Rechtsextremismusforscher Matthias Quent, spricht von einer Täter-Opfer-Umkehr: Durch den „Verweis auf die möglichen negativen Erfahrungen des Täters mit türkisch- oder albanischstämmigen Mitschülern“ würden diese geradezu für die Tat mitverantwortlich gemacht.

Mamadou Saliou Diallo, Bruder von Oury Jalloh (2005)

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Mamadou Saliou Diallo, Bruder von Oury Jalloh. Das Foto entstand vor dem Polizeirevier in Dessau. Foto: © Jasper Kettner

Am 7. Januar 2005 verbrannte der Asylsuchende Oury Jalloh in der Gewahrsamszelle Nummer 5 des Polizeireviers in Dessau. Wie es zu dem Brand kam und ob Jalloh bei Ausbruch des Feuers noch am Leben war, ist bis heute ungeklärt. Die Beamt*innen sprechen von Suizid. Doch für Jallohs Bruder Mamadou Saliou Diallo und die Initiative Break the Silence ist klar: „Das war Mord!“ Vieles spricht dafür, dass Jalloh sich nicht selbst angezündet haben kann. Zum Beispiel, dass er mit Händen und Füßen an einer brandfesten Matratze fixiert war oder dass am Feuerzeug keine DNA-Spuren festgestellt werden konnten. Ein forensisches Gutachten von 2019 ergab außerdem: Oury Jalloh wurde vor seinem Tod schwer misshandelt.

Der Dessauer Staatsanwalt Folker Bittmann vermerkte im April 2017, dass Jalloh vor Feuerausbruch „mindestens handlungsunfähig oder sogar schon tot“ war. Bittmann benannte auch konkrete Verdächtige aus den Reihen der Polizei. Kurz darauf wurde ihm der Fall entzogen und an die Staatsanwaltschaft Halle übergeben. Die stellte das Verfahren ein, die Akte wurde geschlossen.

Mamadou Saliou Diallo hat dagegen Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingelegt.

Candan Özer-Yilmaz, Witwe von Atilla Özer (2017)

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Candan Özer-Yilmaz, Witwe von Atilla Özer. Das Foto entstand am Ebertplatz in Köln, nahe der letzten gemeinsamen Wohnung. Foto: © Jasper Kettner

Am 9. Juni 2004 explodierte in der Kölner Keupstraße vor dem Geschäft des Friseurs Özcan Yıldırım eine Nagelbombe der Rechtsterrorist*innen des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds. 22 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer. Atilla Özer war gerade als Kunde bei Özcan Yıldırım im Laden und saß am Fenster. Die Zimmermannsnägel trafen ihn am Oberkörper und Kopf, im Nacken und an den Armen. Er überlebte.

Im Gespräch mit Fotograf Jasper Kettner erzählt seine Witwe Candan Özer-Yilmaz von der Zeit danach: „Atilla alterte schneller. Er hatte Angstzustände, eine generelle Unruhe, Aggressionen. Dazu kamen unzählige Vernehmungen durch die Polizei. Er verlor den Boden unter den Füßen, wie er selber sagte.“

Jahrelang wurde von den ermittelnden Behörden Misstrauen unter den Bewohner*innen der Keuptstraße gesät. Die Rede war von Drogen, Schutzgeldmafia und angeblichen Konflikten zwischen Türk*innen und Kurd*innen. Die Opfer des Anschlags gerieten selbst ins Visier der Ermittler*innen. Erst die Selbstenttarnung des NSU im November 2011 entkräftete die haltlosen Vorwürfe. Sieben Jahre später.

Atilla Özer verstarb 2017 – an den Spätfolgen des Nagelbombenanschlags, wie Candan Özer-Yilmaz sagt.

Moises Mvuama und Jone Munjunga, Freunde von Amadeu Antonio (1990)

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Moises Mvuama und Jone Munjunga, Freunde von Amadeu Antonio. Das Foto entstand am Afrikanischen Kulturverein Palanca e. V. in Eberswalde, der nach dem Tod Amadeu Antonios gegründet wurde. Foto: © Jasper Kettner

In der Nacht vom 24. auf den 25. November 1990 wurde Amadeu Antonio Kiowa im brandenburgischen Eberswalde von neonazistischen Jugendlichen brutal zusammengeschlagen. 50 bis 60 Personen hatten sich gezielt dazu verabredet. Drei bewaffnete Beamte in Zivil beobachteten sogar den Angriff, griffen jedoch nicht ein. Der 28-jährige Kiowa erwachte nicht mehr aus dem Koma und verstarb elf Tage später an den Folgen des Angriffs. Er war eines der ersten Todesopfer rechtsextremer Gewalt seit dem Mauerfall.

Der Fall wurde jedoch nicht als Mord, sondern als schwere Körperverletzung mit Todesfolge eingestuft. Fünf der Angreifer wurden 1992 vor dem Bezirksgericht Frankfurt/ Oder zu maximal vierjährigen Bewährungs- und Haftstrafen verurteilt. Im Prozess wurde das rassistische Motiv und die rechtsextreme Gesinnung der Täter verharmlost. Vielmehr zeichnete das Gericht ein Bild von verwirrten Jugendlichen, die nach der Wende mit den gesellschaftlichen Umbrüchen nicht zurechtkamen.

Amadeu Antonio Kiowa war 1987 als Vertragsarbeiter aus dem sozialistischen Schwesterstaat Angola in die DDR gekommen. Er wurde zum Fleischer ausgebildet, hoffte aber darauf, später Flugzeugtechnik studieren zu können. Er und seine Freundin, die er in Eberswalde kennengelernt hatte, erwarteten ein Kind.


Die Porträts von Jasper Kettner und Ibrahim Arslan sind bis zum 18. April in Dresden ausgestellt. Mehr Infos hier.