Heidi im Koffer, Fake-Applaus, Mansplaining: So lief das GNTM-Finale während Corona ab

Die Finalshows von Germany’s Next Topmodel waren schon immer peinlich. In Corona-Zeiten muss die Entscheidung ohne Publikum auskommen. Wie lief das ab? Eine Retrospektive

Fotocall Germany's Next Topmodel
Die GNTM-Finalistinnen Sarah, Maureen, Jacky und Lijana posieren mit Sicherheitsabstand. Foto: © Jens Kalaene / dpa

„Mensch Christian, das ist so toll, dass du so schnell eingesprungen bist und mich jetzt hier vertrittst!“, Heidi Klum ist begeistert und quietscht laut – wie in jeder Entscheidungsshow von Germany’s Next Topmodel. Ansonsten ist im 15. Finale vieles anders. Aufgrund von Corona, natürlich.

Normalerweise findet das GNTM-Finale in einer der großen deutschen Arenen statt, mehrere tausend Gäste (zumeist weiblich und minderjährig) kreischen und jubeln verzückt ihren Idolen aus der ProSieben-Castingshow zu. Dieses Jahr findet die Entscheidung ohne Publikum in einem Fernsehstudio in Berlin statt. Und ohne physisch anwesende Heidi Klum. Die „Model-Mama“ ist auf einem Flatscreen aus L. A. zugeschaltet, wie immer makellos in einer orangefarbenen Paillette. Warum der Screen sich ausgerechnet in einem Koffer auf einem Rollwagen befindet, keine Ahnung. Aber es gibt andere Dinge, die unverständlicher sind.

Zum Beispiel, warum ProSieben sich entschieden hat, Christian Anwander als Vor-Ort-Moderationsdarsteller zu engagieren. Der Fotograf hat absolut null Talent. Anwander hatte Heidi schon in einer Folge der 15. Staffel vertreten, weil die mit einem Parasiten im Bauch im Krankenhaus lag. Für die, die es nicht mitbekommen haben, trägt Anwander vorsichtshalber einen Fotoapparat um seinen Hals, damit auch der*die Letzte versteht: Dieser Mann ist Fotograf, kein Moderator.

Die vorbereiteten, wohl als witzig gedachten Dialoge zwischen Anwander und Heidi auf dem Screen sind lahm bis peinlich. Die Zeitverzögerung, mit der das Signal zwischen Berlin und L. A. übermittelt wird, hilft dem Gespräch nicht unbedingt auf die Sprünge. Der Fotograf schiebt den Kofferwagen samt Heidi in die Sitzecke der Jury, es ist Zeit, dass die vier Finalistinnen ihren ersten Walk hinter sich bringen.

Lijana verabschiedet sich freiwillig

Vom Outfit, über Musik und Thema des Walks mussten sich die Kandidatinnen alles selbst ausdenken – erfahrungsgemäß sind das die Momente, in denen ich gerne aufs Klo gehe. Diesmal bleibe ich und erlebe eines der Highlights dieser Finalshow mit: Lijanas Walk und Abschied. Lijana trägt einen großen Overall, auf dem Hatespeech abgedruckt ist. Mehrmals läuft sie den Catwalk rauf und runter und sagt ihren auswendig gelernten Text auf. Liebe sei viel besser als Hass. Sie schüttle den ganzen Hass ab.

Tatsächlich wurde sie in der Staffel als überehrgeizige und unsympathische Streberin dargestellt. Instagram hat ihr das wohl nicht verziehen, sie verlässt das Finale vorzeitig und möchte nicht weiter in der Öffentlichkeit stehen. Es gab da wohl einige Vorfälle. Das Mädchen tut mir leid. Die hässliche Fratze des Privatfernsehens zeigt sich mal wieder von ihrer hinterhältigsten Seite.

Philipp Plein wirkt wie Philipp Amthor beim Bullriding

Wegen Corona gibt der weitere Verlauf der Show wenig Abwechslung her. Die dreistündige Livesendung besteht aus viel Rumgelaufe, ein bisschen Victoria’s Secret, ein bisschen Black Power, ein bisschen orientalischer Folklore. Mal werden die Kandidatinnen als Marionetten an langen Bändern fremdgeführt – ein Schelm, wer dabei Böses denkt –, mal laufen sie in goldenen Futurismus-Fummeln den Catwalk ab. Zum Schluss stehen die Mädchen immer in Unterwäsche vor der Jury, das scheint wichtig zu sein. Zwischendurch tritt noch das Ensemble des Friedrichstadtpalasts auf, die haben auch ja nichts Besseres zu tun im Moment.

Ein Fremdschäm-Highlight ist der Auftritt des Designers Philipp Plein. Der Michael Wendler der Modeindustrie betritt die Bühne in einem Jumpcar. Er findet sich selbst sichtlich geil, wirkt aber wie Philipp Amthor beim Bullriding. Das imaginäre Publikum jubelt und applaudiert – überhaupt: Bei jeder Kleinigkeit wird Applaus vom Band abgespielt. In ihrem Koffer giggelt Screen-Heidi in sich hinein. Der Moderationsfotograf begutachtet derweil seine zwei unterschiedlichfarbigen Socken, was noch nicht mal in der neunten Klasse cool war.

Wo sind drei Augenroll-Emojis, wenn man sie braucht?

Heidi verkündet, dass sie den beiden Herren noch eine schöne Frau an die Seite setzen muss. Wenn jetzt Thomas Hayo kommen würde, das wäre was! Aber nein, es ist Rebecca Mir. Ex-GNTM-Kandidatin und Moderatorin bei taff.

Neben Plein kommt sie kaum zu Wort. Der hat noch eine Überraschung für die Gewinnerin: Diese darf das Gesicht seiner neuen Parfümkampagne sein. Der Flacon stellt eine schwarze Kreditkarte dar, laut Eigenaussage hat er eine Trillion Euro auf seinem Konto. Wo sind drei Augenroll-Emojis, wenn man sie braucht?

„Mein erstes Paföm! Und das ist eine mega Sache, das wird ganz groß. Mit mir zusammen in allen Schaufenstern von Douglas, mega!“ Er nebelt irre seine Kolleg*innen ein, die simulieren Genuss. Sogar Heidis Screen wird eingesprüht.

Thomas Hayos neue Leidenschaft ist Mansplaining, der Sex des gereiften Mannes

Irgendwann stößt dann doch noch Thomas Hayo zur Jury dazu. Seit dieser Staffel gehört er nicht mehr zum festen Ensemble. Ich habe zehn Jahre ein GNTM-Public-Viewing moderiert, im Laufe der Zeit erhielt Hayo von mir den Beinamen Vorsaft-Prinz. Niemand konnte so ausgehungert rattig die Mädchen angucken wie Herr Hayo. Er scheint zur Ruhe gekommen zu sein. Seine neue Leidenschaft ist Mansplaining, der Sex des gereiften Mannes. Screen-Heidi unterbricht ihn knallhart, Hayo schmollt.

Dann werden einige Kandidatinnen der letzten Jahre auf die Bühne geholt. „Die, die uns alle im Gedächtnis blieben.“ Klaudia mit K aus der letzten Staffel ist dabei, samt des riesigen Glitzer-Ks, das ein Gehilfe im schwarzen Morphsuit hinterherschiebt. Micaela Schäfer ist ungewöhnlich stark bekleidet, Giselle Oppermann heult nicht. Heidi smalltalkt mit allen Frauen angestrengt, über Kinder, Hochzeiten, irgendwas, um Sendezeit zu füllen.

Jacky gewinnt GNTM 2020 – fast verloren steht sie da

„Christian, schieb mich mal näher an meine Mädchen ran.“ Zum großen Finale wird Heidi wieder zur anderen Seite der Bühne geschoben, tatsächlich bin ich jetzt schon etwas sediert und muss darüber irre kichern.

Nach sechzehn Wochen stehen sie nun da, die letzten beiden Kandidatinnen: Jacky und Sarah. Die Verkündung der Gewinnerin wird unerträglich in die Länge gezogen, wie immer, nur schlimmer diesmal. Eine gefakte Bildstörung von Heidis Monitor mutiert zum letzten peinlichen Akt der Show. Der Fotograf sagt seinen Text auf: „Also sowas, da hat die Verbindung während der ganzen Sendung so gut funktioniert, und genau jetzt muss das passieren?“ Heidi: „Hallo? Haaaallo? Christian? Hau mal auf den Fernseher!“

Jacky gewinnt dann GNTM 2020 und somit die Summe von 100.000 Euro, den Vertrag mit der Modelagentur ONEeins fab und kommt auf das Cover der deutschen Harpers Bazaar. Die Gewinnerin heult vor Glück, ein absurder Moment, denn alle halten den Sicherheitsabstand ein, niemand drückt sie. Fast verloren steht sie da.

Philipp Plein schwappt nochmal kurz dazu und flüstert fast: „Glückwunsch, morgen geht’s gleich los. Du musst um sechs aufstehen, um sieben haben wir den ersten Termin und dann das Fotoshooting.“

Und dann ist es überstanden. Der Applaus vom Band, die angestrengten Gespräche zwischen Heidi und ihren Ersatzmoderator*innen, der fünfzehnte Aufguss einer zur Verwunderung aller weiterhin beliebten Show. Man sieht sich bestimmt im Dschungel wieder.

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