„Hidden Motherhood“: Hinter ihren Kindern werden diese Mütter fast unsichtbar

Was bedeutet es, Mutter zu sein? Fotografin Alena Zhandarova will zeigen, dass die Realität mit den lachenden Kleinkindern aus der Windelwerbung oft nur wenig zu tun hat.

Das Baby guckt in die Kamera, im Hintergrund wölbt sich eine Decke, unter der sich jemand versteckt. Während des viktorianischen Zeitalters, also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurden viele solcher sogenannten Hidden-Mother-Fotos aufgenommen. Damit ihre Kinder während der langen Belichtungszeit still hielten, stützten die Mütter sie unter einem Überwurf. Mit den Kameras von heute ist diese Maßnahme längst nicht mehr notwendig. Doch das Gefühl, als Mutter in den Hintergrund zu treten, fast unsichtbar zu werden, verspüren Frauen auch heute noch. Die russische Fotografin Alena Zhandarova hat es in ihrer Serie Hidden Motherhood visuell eingefangen.

Plötzlich verändert sich das Leben

„Als ich Mutter wurde, war ich völlig unvorbereitet. All meine Vorstellungen von Babys stammten aus Windelwerbungen mit lachenden Kleinkindern“, erzählt sie. Doch die Realität hatte damit nicht viel zu tun, sie bekam eine postpartale Depression. Während des Versuchs, diese zu überwinden – mithilfe von Psycholog*innen, Astrolog*innen, Kinesiolog*innen, Tarot, Meditation, Sport – stieß Zhandarova schließlich auf ein Buch über die versteckten Mütter des viktorianischen Zeitalters: „In mir legte sich eine Art Schalter um. Das war der Start meines Projektes.“

Da ist das Gefühl, als wäre man hinter einem Schleier versteckt, hinter den eigenen Kindern.

Alena Zhandarova

Mit Hidden Motherhood will Zhandarova darauf aufmerksam machen, dass Muttersein eben nicht nur Glück bedeutet, sondern die Realität auch ganz anders sein kann: postpartale Depression, dass sich das Gefühl von Liebe nicht sofort oder nie einstellen will, oder auch Zweifel darüber, überhaupt Eltern geworden zu sein. Die jungen Mütter, mit denen Zhandarova für das Fotoprojekt zusammenarbeitete, sind Bekannte von ihr, die sie jeweils in ihrem Zuhause ablichtete. Mal unter einer Decke, mal hinter einem Kissen verschwunden. Die Bilder transportieren die innere Zerrissenheit zwischen den eigenen Bedürfnissen, denen des Kindes und den gesellschaftlichen Erwartungen: „Da ist das Gefühl, als wäre man hinter einem Schleier versteckt, hinter den eigenen Kindern. Es ist fast, als hätten die Mütter sich in eine Reihe von Funktionen verwandelt und würden darauf warten, aufzuwachen und ihre Gesichter wieder zu zeigen.“

Unzählige Erwartungen an Mütter

Während es vor einigen Jahrzehnten noch in Ordnung gewesen sei, die eigenen Kinder in der Krippe abzugeben und arbeiten zu gehen, würden Mütter heute schon verurteilt, wenn sie nicht zwei Jahre stillten, so Zhandarova. Während gute Eltern früher daran zu erkennen gewesen seien, dass ihre Kinder satt und angezogen waren, würde heute immer mehr auf das emotionale Befinden und die psychologische Entwicklung des Kindes geachtet. Zusätzlich würden wir nicht mehr in Großfamilien leben, sondern Kinder hauptsächlich von der Kernfamilie großgezogen und – dank bestehender Stereotype – manchmal nur von Müttern. Dementsprechend viel Stärke brauche es, eine Mutter zu sein: „Du musst dich um dein eigenes Leben und das eines anderen kleinen Menschen kümmern, mit negativen Gefühlen umgehen können, Liebe zeigen, dein Kind ein Leben lang beschützen, als gutes Beispiel vorangehen, auf jedes Wort und jede Tat achten.“

Während der Shootings unterhielt sich Zhandarova viel mit den anderen Müttern über deren Erfahrungen und das Elternsein: „Dank ihnen konnte ich meine eigene Situation anders einordnen und herausfinden, dass es keine universelle Antwort gibt, sondern jede*r für sich selbst danach sucht.“ Als Dank für ihre Teilnahme an dem Fotoshooting fotografierte Zhandarova die Mütter mit ihren Kindern im Nachhinein übrigens nochmal so, wie sie wahrgenommen werden sollten: ebenfalls sichtbar.

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