Hilfe auf vier Pfoten: So unterstützen Assistenzhunde Menschen mit psychischen Erkrankungen

Sie wecken aus Albträumen, erkennen Flashbacks oder schaffen auf Kommando Distanz: Assistenzhunde helfen Menschen mit körperlichen oder psychischen Erkrankungen, den Alltag zu bewältigen.

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"Eigentlich ist ein Hund sogar ideal dafür, zum Beispiel Depressionen zu durchbrechen", sagt Bianka Niemeyer. Foto: Adam Griffith / Unsplash | CC0

Hundetrainerin Bianka Niemeyer zieht die Luft zwischen den Zähnen ein. „Arielle“, flüstert sie und legt die flache Hand an ihren Oberschenkel. Obwohl sie das Kommando nicht laut ausspricht, weiß Labradoodle Arielle augenblicklich, was zu tun ist. Sofort steht die junge Hündin mit dem schwarzgelockten Fell vor ihr und lehnt sich mit ihrem Körper an Biankas Oberschenkel.

Bianka Niemeyer bildet Assistenzhunde aus. Die Aufgabe, welche die 39-Jährige gerade mit Arielle während ihrer Gassirunde übt, heißt „Distanz schaffen“. Sie soll Arielles zukünftigem Frauchen die Angst vor fremden Menschen nehmen und ihr verdeutlichen: Komme was wolle, die Hündin wird sie beschützen und nicht von ihrer Seite weichen.

Arielles neues Frauchen ist zehn Jahre alt und lebt im Kinderheim. Ihre Mutter hat während der Schwangerschaft getrunken und damit bleibende Schäden bei ihrer Tochter hinterlassen. Die Diagnose: Fetales Alkoholsyndrom – kurz: FAS. Sie kann sich laut Bianka schlecht konzentrieren, kämpft mit Wut und hat Angst vor fremden Menschen. Um ihr den Alltag zu erleichtern, wird Hündin Arielle bald zu ihr ziehen. Schon morgens soll die Hündin gute Laune verbreiten, das Mädchen wecken und mit ihrer Nase das Licht im Zimmer anschalten. Neben dem „Distanz schaffen“ kann Arielle dem Mädchen außerdem dabei helfen, aus unangenehmen Situationen zu kommen, indem sie die Kleine auf Kommando anstupst und so vortäuscht, Pipi zu müssen.

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Foto: © privat

Durch spezielle Aufgaben können die Hunde sogar Depressionen lindern

Arielle ist einer von insgesamt 17 Hunden, die Bianka momentan zur Assistenz ausbildet. Während die Hündin noch bei Bianka wohnt und jeden Tag von ihr trainiert wird, haben die meisten der Kund*innen sich stattdessen für die sogenannte Selbstausbildung entschieden. Dabei wohnen die Hunde von Beginn an in den Haushalten, in denen sie gebraucht werden. Trainerin Bianka besucht sie regelmäßig, übt gemeinsam mit ihnen und gibt Hausaufgaben auf. In der Regel dauert die Ausbildung der Hunde zwei Jahre.

Wenn sie am Ende die Prüfung bestehen, erhalten die Herrchen und Frauchen einen offiziellen Assistenzhundeausweis und eine Weste für den Hund. Der Ausweis erlaubt ihnen dann, den Hund überall mit hinzunehmen. Typische Assistenzhunderassen sind laut Bianka Labradore, Pudel oder Golden Retriever, aber auch Australian Shepherds, Schäferhunde und Labradoodle — wie Arielle.

Eigentlich ist ein Hund sogar ideal dafür, zum Beispiel Depressionen zu durchbrechen.

Bianka Niemeyer, Hundetrainerin

Unter Biankas Kund*innen sind überwiegend Personen mit der Diagnose FAS oder Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung. Die Hunde könnten einen wichtigen Teil dazu beitragen, dem Leben dieser Menschen wieder mehr Freude zu verleihen, erklärt sie: „Eigentlich ist ein Hund sogar ideal dafür, zum Beispiel Depressionen zu durchbrechen.“ Es gebe sogar eine explizite Aufgabe mit dem Titel „Zurückgezogenheit“ für den Hund, so Bianka.

Mit dieser solle der Hund das Herrchen oder Frauchen zum Aufstehen bewegen und sie*ihn dazu animieren, den Schritt vor die Tür zu machen. „Der Hund muss ja sowieso mal auf die Toilette. Aber dann holt er die Leine. Und ein Spielzeug. Als nächstes springt er an den Leuten hoch. Dann springt er ins Bett und wird sehr penetrant, bis sie aufstehen. Das klappt ganz oft und dann lächelt man ja auch“, sagt sie. Und dann stünden die meisten auch auf oder trauten sich in ein Geschäft – eben für den Hund.

Das Erstgespräch soll klären, ob ein Assistenzhund helfen kann

Ein Assistenzhund ist dadurch aber nicht automatisch die beste Lösung für Menschen, die an einer Depression erkrankt sind: „Wir Trainer müssen unterscheiden: Es gibt Leute, die haben Angst, nach draußen zu gehen und Leute, die nicht aufstehen“, sagt Bianka. Gerade bei Personen, die möglicherweise über Tage oder Wochen depressiv sein könnten, müsse sie als Trainerin aufpassen: „Der Hund kann nicht sechs Tage nicht rausgehen.“

Um solchen Situationen vorzubeugen, führt Bianka Erstgespräche mit Menschen, die sich für einen Assistenzhund interessieren. Dort klärt sie unter anderem ab, mit welchen Aufgaben der Hund das jeweilige Krankheitsbild unterstützen kann. Ist die Entscheidung getroffen, sieht sie sich nach passenden Hundewelpen um. Ob der Welpe bei Züchter*innen geboren wurde, oder auf einem Bauernhof, sei nicht entscheidend, genauso wenig wie die Rasse. Wichtig sei laut Bianka vor allem die Sozialisation in den ersten Wochen.

Vor allem Dinge wie laute Traktoren, Pferde in der Nachbarbox oder Kinder, die sich mit den Welpen beschäftigen, können sich positiv auf den Charakter der jungen Vierbeiner auswirken, erklärt sie. „Wenn ich mich hinhocke, und die Welpen kommen alle angelaufen und freuen sich und wedeln mit den Schwänzen, ist das ein gutes Zeichen.“ Mit Hundewelpen, welche die ersten acht Wochen ihres Lebens in einer dunklen Garage verbracht haben, könne sie hingegen nicht viel anfangen.

Ganz wichtig für die Ausbildung: Mit Bianka offen über die Krankheit sprechen

Nicht nur beim Erstgespräch, sondern auch für das spätere Training mit dem Hund ist es wichtig, dass die Kund*innen offen über ihre Krankheit und deren Auswirkungen reden können. Nur so kann Bianka dem Assistenzhund beibringen, wie er sein Herrchen oder Frauchen beispielsweise aus einem Flashback, dem Wiedererleben einer traumatischen Situation, holen kann.

Dazu müsse sie bis ins Detail wissen, wie der Mensch in so einer Situation reagiert, sagt Bianka: „Beispielsweise erstarre ich erst, gucke nur einen Punkt an, dann hört der Atem noch auf.“ Denn nur, wenn sie genau weiß, wie die Person sich verhält, kann sie die Situation mit dem Hund im Training gut üben. „Auch die Leute selbst müssen das, wenn der Hund bei ihnen wohnt, so gut wie möglich nachstellen, damit er im Ernstfall reagieren kann“, erklärt sie. „Deshalb müssen die Menschen tatsächlich alles reflektieren, in sich gehen und bereit sein, mit mir darüber zu sprechen.“

Während es für Labradoodle Arielle noch einige Monate bis zu ihrem Umzug dauert, hat Bianka erst vor Kurzem einen anderen Assistenzhund an sein neues Zuhause übergeben. Seine Besitzerin leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Jede Nacht hat sie Albträume, aus denen der Australian Shepherd sie wecken und in die Realität zurückholen soll.

Der Einzug ihres tierischen Begleiters scheint ihr, Biankas Erzählungen zufolge, ein gutes Gefühl zu bereiten: „Sie schreibt mir jeden Tag, wie der Tag gelaufen ist“, sagt Bianka. „Sie erzählt, dass sie sich gut fühlt, und was der Hund gut gemacht hat. Natürlich auch mal, was er schlecht gemacht hat, aber hauptsächlich, wie ihr Empfinden und ihre Freude von Tag zu Tag wachsen. Und das ist eigentlich das Wichtige. Dass die Menschen wieder Lebensfreude bekommen und Sinn im Leben sehen.“

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Foto: © privat

Bisher übernehmen die Krankenkassen nur die Kosten für die Ausbildung von Blindenführhunden. Nur in seltenen Fällen zahlen sie auch Assistenzhunde für Menschen mit anderen körperlichen Behinderungen. Laut Deutschem Assistenzhunde-Zentrum muss man je nach Länge und Grad der Ausbildung des Assistenzhundes mit Kosten von mehreren tausend Euro rechnen.