Hilfe, meine Kinder sind ein undankbares Pack!

Eigentlich verbringt unsere Autorin sehr gerne Zeit mit ihrer Familie. Nur manchmal wünscht sie sich ein bisschen mehr Dankbarkeit. Ein Kommentar

Eigentlich verbringt unsere Autorin sehr gerne Zeit mit ihrer Familie. Nur manchmal wünscht sie sich ein bisschen mehr Dankbarkeit.

Toben geht den ganzen Tag über. Ein Danke hört man allerdings selten. Foto: Allen Taylor / Unsplash | CC0

Ich habe natürlich auch rund um Weihnachten jene Texte gelesen, die sich mit der Frage beschäftigen, ob es noch zeitgemäß respektive überhaupt irgendwie sinnvoll sei, den Kindern was vom Christkind oder Weihnachtsmann vorzulügen, welche dann sämtliche Credits für die schöne Bescherung abräumten, während der ganze Riesenhaufen Arbeit unsichtbar von den Müttern gemacht würde.

Klar habe ich mich wie so oft in diesen Texten wiedergefunden. Bei dem Thema aber nur ansatzweise. Denn ganz ehrlich: Ich mache den ganzen Quatsch rund um Weihnachten echt gern. Ich liebe Weihnachten. Ich steigere mich seit Jahrzehnten ab Anfang Dezember immer wieder mit mäßigem Erfolg in die Illusion hinein, Weihnachten könnte so nostalgisch-schön werden, wie es wahrscheinlich auch in meiner Kindheit nie gewesen ist. Als noch kinderloses Wesen war jahrelang meine einzige Motivation, irgendwann mal Kinder in die Welt zu setzen, die tröstende Aussicht, mit diesen Kindern dann so Weihnachten zu feiern, wie ich es aus meiner Kindheit zu erinnern glaubte.

Undankbares Pack!

Also was ich damit sagen will: Weihnachten, trotz der wahnsinnigen Schufterei, ist in meinem Fall, das glaube ich zumindest, nicht daran schuld, dass ich in letzter Zeit immer öfter ein sehr, sehr unangenehmes Gefühl gegenüber meinen älteren Kindern entwickle, von dem ich hoffe, dass ich es erfolgreich eindämmen kann. Das Gefühl klingt vertont wie dieser wirklich schlimme Satz: „Ich reiß mir hier jeden Tag für euch den Arsch auf, und ihr wisst die ganze Arbeit überhaupt nicht zu würdigen, undankbares Pack!“ Das Gefühl ist da und es hilft nichts, so zu tun, als wäre es das nicht.

Ich reiß mir hier jeden Tag für euch den Arsch auf, und ihr wisst die ganze Arbeit überhaupt nicht zu würdigen, undankbares Pack!

Bevor jetzt gleich jemandem der Kamm schwillt, ich habe diesen Satz so noch nicht zu den Kindern gesagt, ich hab ihn nur ziemlich oft im Kopf. Zum Beispiel, wenn ich über meinen Schatten springe und mit den Kindern auf intensives Drängen hin einen Tag im Spaßbad – ich hasse Spaßbäder!  – verbringe und sie die gesamte Fahrt über herumnölen, weil ihre blöde Mutter vergessen hat, das iPad aufzuladen und sie nicht zum tausendsten Mal eine Folge der grauenvollen Die Drei !!! hören können; wenn ich ein herrliches Ferienfrühstück vorbereitet habe und alles eigentlich schön sein könnte und das fünfjährige Kind einen Nervenzusammenbruch bekommt, weil die blöde Mutter keinen Haselnusscreme-Nachschub gekauft hat.

Wenn in den Ferien sowieso alle Begrenzungen in Sachen Medienkonsum längst gefallen sind, den ganzen Tag irgendwas auf dem iPad geguckt und gespielt wird und das siebenjährige Kind abends ausfällig wird, weil es die Spitzenpartie der englischen Premier League nicht in voller Länge im Bezahlfernsehen sehen darf; wenn endlich mal kurz keine*r von dreien meint, Grund zum Rumbrüllen zu haben, und dann erleidet das fünfjährige Kind ein monumentale Wutattacke, weil das zweijährige Kind sich erlaubt hat, ein, zwei Sticker im neuen Stickeralbum des fünfjährigen Kindes räumlich zu versetzen. Ich kann dann nicht verhindern, dass mir dieser schlimme Satz im Hirn herumschwirrt. Variante: Verdammt nochmal, diese Kinder haben es so unendlich, wahnsinnig gut, wir machen so viel für sie, die haben alles, was sie brauchen, warum machen sie trotzdem ständig so einen Terz? Warum können nicht zufällig mal alle drei gleichzeitig wohlgelaunt und zufrieden sein?

Und trotzdem ist es so schön zusammen

Es könnte natürlich daran liegen, dass wir uns in den Ferien einfach zu lang am Stück und zu intensiv auf der Pelle gehockt haben; ich finde meine Kinder am angenehmsten, wenn ich sie nicht 24 Stunden am Tag um mich habe. Womöglich gilt das umgekehrt auch. Jedenfalls plagen mich natürlich ein paar Schuldgefühle und die Frage, ob ich selbst dran schuld bin, dass die Kinder sich für meinen Geschmack einen Tick zu oft wie egoistische, undankbare und patzige Quälgeister benehmen.

Der Ansatzpunkt, der hier zu einer Lösung führt, ist klar: sich weniger den Arsch aufreißen. Ich habe mich schon öfters mit Freund*innen unterhalten, die ebenfalls viele Kinder haben. Alle haben die Erfahrung gemacht, dass es einerseits eigentlich immer alles viel zu viel ist, man sowieso immer das Gefühl hat, niemandem gerecht werden zu können und man sich öfters mal weit weg wünscht, sich aber andererseits immer stärker zu diesem Glück zwingen muss, auch mal länger ohne die Kinder zu verreisen, Dinge ausschließlich mit anderen Erwachsenen zu unternehmen…

„Ich finde das halt auch einfach schön, wenn wir alle zusammenglucken“, hatte mir eine Freundin mit drei Kindern gesagt, und ich kann das so gut nachvollziehen! Aber wenn der schlimme Satz sich zu oft ins Gehirn schleicht, dann ist es wichtig, dagegen zu arbeiten – wenn man die Ressourcen dafür hat. Denn dann hat man vielleicht auch wieder mehr Lust, zu schlichten, zu erklären, nicht sauer zu werden, und nicht allzu oft einen weiteren schlimmen Satz zu denken: „Dann macht doch euren ganzen Sch… alleine!“


Von Lisa Seelig auf EDITION F.

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