Hör auf, dich im Vorstellungsgespräch zu verstellen

Vorbereitung ist alles? Das stimmt – bis zu einem gewissen Grad. Was du beachten kannst, damit aus dem Vorstellungsgespräch kein Verstellungsgespräch wird.

job-interview-arbeit-vorstellungsgespraech
Authentizität ist das Wichtigste – auch im Vorstellungsgespräch. Foto: Unsplash | Christina @ wocintechchat.com CC0

„Wenn ihr ein Vorstellungsgespräch per Videochat habt, könnt ihr ein kleines Gesicht neben die Kamera kleben, damit ihr immer in die richtige Richtung schaut. Augenkontakt ist so wichtig!“, sagt die Uni-Karriereberaterin und guckt ganz knapp an der Kamera vorbei.

An dieser Stelle steige ich aus dem Webinar aus. Es ging schon 40 Minuten lang um die überperfekte Vorbereitung aufs Vorstellungsgespräch. Alles über die Unternehmensgeschichte auswendig wissen. Immer das Gegenüber spiegeln. Nie zu laut reden oder lachen, auf gar keinen Fall Witze machen, diese und jene Fragen absolut vermeiden … Willkommen in der Bewerbungs-Coaching-Hölle.

Authentizität ist das Wichtigste – auch im Vorstellungsgespräch.

Und während ich mir einen Tee hole, denke ich: So will ich das nicht. Ich habe in Vorstellungsgesprächen auf beiden Seiten gesessen. Und wenn es eine Sache gab, die sich immer bewährt hat, dann war es Authentizität. Wenn alle Beteiligten im Vorstellungsgespräch ehrlich, aufrichtig und ungekünstelt miteinander umgegangen sind, gestaltete sich anschließend auch die Zusammenarbeit gut.

Authentizität ist das Wichtigste – auch im Vorstellungsgespräch. Und dieser Eindruck wird von der Forschung unterstützt.

Angst bei Anpassung

Wissenschaftler*innen der Harvard Business School und University of North Carolina untersuchten, wie Teilnehmende in einem kurzen Video über sich und einen potenziellen Job sprechen. Einige davon sollten sich an die Erwartungen des*der Arbeitgeber*in anpassen, andere sollten ganz sie selbst bleiben und eine dritte Gruppe bekam keine Anweisungen.

Ergebnis: Anpassung war nicht nur weniger erfolgreich als angenommen, sondern wirkte sich sogar negativ auf die Performance aus.

„In ersten persönlichen Begegnungen wie Vorstellungsgesprächen stellen sich Menschen oft auf die Interessen und Erwartungen des Gegenübers ein, um einen möglichst guten Eindruck zu machen“, heißt es in der Studie. Doch das erziele nicht das gewünschte Ergebnis. Was unter anderem daran liege, dass Menschen sich eher unsicher und instrumentalisiert fühlen, wenn sie versuchten, sich anzupassen, anstatt einfach sie selbst zu sein.

Was heißt Authentizität?

„Authentizität ist ein hohes Gut, sie erzeugt Glaubwürdigkeit und Vertrauen“, sagt auch Coachin, Beraterin und Buchautorin Carolin Lüdemann. „Aber nur, weil man authentisch auftritt, muss das noch nicht gut sein. Das ist ein feiner Unterschied.“

Der hängt in erster Linie von der Definition von Authentizität ab. „Ganz du selbst“ sein heißt im beruflichen Kontext selbstverständlich nicht, verkatert und planlos in Jogginghose beim Vorstellungsgespräch aufzuschlagen und im Stuhl rumzuschlunzen, weil du das nun mal gern machst; respektvolles Benehmen und professionelles Auftreten gehören dazu.

„Ganz du selbst“ sein heißt im beruflichen Kontext selbstverständlich nicht, verkatert und planlos in Jogginghose beim Vorstellungsgespräch aufzuschlagen und im Stuhl rumzuschlunzen.

Aber niemand sollte im Vorstellungsgespräch so tun, als fände er*sie Tennis, Golf, Fußball, Zwölftonmusik, Wochenenddienste oder Witze von Mario Barth absolut herausragend, wenn das weder Tatsachen noch Überzeugungen entspricht.

Authentizität im Job heißt vielmehr, dass du dir deiner wahren Stärken und Schwächen, deiner Grenzen und Ziele – also im Grunde deiner Selbst – bewusst bist und das auch kommunizieren und nach außen tragen kannst. Wer du bist, was du kannst und was auch nicht. Das entspricht deinem Kern und der zählt.

Vorbereitung ist nicht verstellen

Allerdings bedeutet das nicht, dass du dich gar nicht auf ein Vorstellungsgespräch vorbereiten solltest. „Vorbereiten und verstellen ist für mich nicht das Gleiche“, sagt auch Carolin Lüdemann und erklärt den Unterschied so: „Eine gute Vorbereitung bedeutet auch Wertschätzung für das Gespräch sowie für das Gegenüber und zeigt, dass man sich mit dem Unternehmen auseinandergesetzt hat.“ Verstellen würde hingegen bedeuten, dass du dich verbiegst und anders darstellt, als du bist. „Das halte ich für falsch und das wäre auf Dauer nicht durchzuhalten“, sagt Carolin Lüdemann. „Es ist für die Person selber unglaublich anstrengend.“

Außerdem fällt das mit dem Verstellen irgendwann auf, vermutlich früher als später: „Menschen, die ihrem Gegenüber aufmerksam und mit Interesse begegnen, bemerken Unstimmigkeiten – und das ist in Vorstellungsgesprächen wahrscheinlich der Fall“, sagt auch Lüdemann. Menschen merken, wenn die Atmosphäre krampfig und komisch ist.

Dazu kommt, dass ein Vorstellungsgespräch einerseits zwar dazu dient, dass sich potenzielle Arbeitgeber*innen und Angestellte kennenlernen, aber natürlich auch, dich von deiner besten Seite zu präsentieren. „Man muss sich gut verkaufen können. Das bedeutet nicht, sich viel besser darzustellen, als man ist“, so Lüdemann, „aber eben auch nicht, sein Licht unter den Scheffel zu stellen“. Wie wichtig dieses Selbstmarketing im Vorstellungsgespräch im Einzelfall ist, das sei laut Expertin durchaus branchenabhängig.

Überzeugend aus Überzeugung

Entscheidend sei es laut Coachin Lüdemann, dass du dir deiner Stärken vollumfänglich bewusst wirst: „Dann muss man sich auch nicht verstellen und kann sich authentisch verkaufen.“

Wenn dir selbst sonnenklar ist, wer du bist, was du kannst und das nicht auf wahllos zusammengeklaubten Stichpunkten und Plattitüden aus dem Internet, sondern auf deinen echten Erfahrungen, Fähigkeiten und Ideen basiert, dann steigt damit einerseits die Wahrscheinlichkeit, dass du dein*e Gesprächspartner*innen überzeugst. Einfach, weil du selbst überzeugt bist. Andererseits wachsen zugleich die Chancen darauf, dass der Job und du im Alltag tatsächlich zusammenpasst.

Nur wenn beide Parteien im Vorstellungsgespräch authentisch sind, können sie herausfinden, ob sie ähnliche Werte haben und im stressigen Tagesgeschäft harmonieren. „Vermutlich wird oft das Herausstellen der positiven Eigenschaften und der Kompetenzen verwechselt mit dem Verstellen“, sagt Carolin Lüdemann. „Oder anders formuliert: Müsste ich mich zu hundert Prozent verstellen, wäre der Job ja offenbar definitiv der Falsche.“