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Hört auf, bei Transmenschen immer nur an schillernde Dragqueens zu denken

Einige lassen ihr altes Leben nach dem Outing einfach hinter sich. Sie suchen ihr Glück in einem neuen Job, neuer Stadt und neuem Umfeld. Von ihrer Vergangenheit weiß dort fast niemand.

Nicht wenige lassen ihr altes Leben nach dem Outing einfach hinter sich. Sie suchen ihr Glück in einem neuen Job, neuer Stadt und neuem Umfeld. © benjamin harms/photocase.de

Häufiger wird heute über Trans-Themen gesprochen. Manch eine*r mag geradezu von einem Trans-Hype sprechen. Gut ist: Gefühlt immer mehr transsexuelle Menschen trauen sich, sich zu outen und teilen ihre Geschichte. Aber die meisten wollen genau das nicht: als trans erkennbar sein.

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Das Outing und die die Einleitung von Schritten wie einer Hormontherapie und Namensänderung, um das Geschlecht der gefühlten Identität anzupassen, sind für viele eine Phase, die nach Abschluss auch in der Vergangenheit verbleiben soll. Das Ziel: Endlich glücklich im richtigen Geschlecht zu werden. Um das zu erreichen, wagen manche einen extremen Schritt. Sie beginnen irgendwo noch mal ganz von vorn, gehen undercover.

Keine*r will die Dorf-Transe sein, die Aufklärungsarbeit leisten muss

Die Gründe können Erfahrungen mit Mobbing und Anfeindungen sein. In der Schule, auf der Arbeit oder auf der Straße. Oder es ist diese niemals endende Neugier, das ständige Ausfragen und die Sensationslust. Das Gerede und Tuscheln von Bekannten – Wusstest du, die war ja mal ein Mann –, die zu diesem extremen Schritt verleiten. Sie haben einfach keine Lust darauf abgestempelt, auf die eigene Geschichte reduziert und dann als Diversity-Beauftragte im Bekanntenkreis tätig zu werden.

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So ist es auch bei Linda*, die es ans andere Ende der Republik nach Sachsen verschlagen hat. Manchmal wünscht sie sich schon, offener mit ihrer Geschichte umgehen zu können. Als Musikerin würde sie gerne ihre Erfahrungen auf künstlerische Art verarbeiten. Doch der gesellschaftliche Rechtsruck und die Hetze gegen Minderheiten machen ihr Angst.

Sie weiß, dass nicht alle transsexuelle Menschen das Privileg haben, völlig in der Masse unterzugehen, weil manche mit ihrem Aussehen hervorstechen. Sie berichtet von einem gemeinsamen Party-Erlebnis mit einer Freundin, die auch trans ist: „In einem ruhigen Moment sprach mich ein Türsteher darauf an, dass ich mich von ‚ihm‘ [ihrer Freundin] besser fernhalten soll, denn ‚er‘ sei krank. Nicht, dass ich mir ‚was einfinge‘. Ich war sprachlos.“ Es sind solche Erlebnisse, die Linda das Gefühl geben, besser still zu bleiben und ihre Identität nicht an die große Glocke zu hängen.

Manche werden unbeabsichtigt völlig unsichtbar

Nicht immer verschwinden Transmenschen aber bewusst in der Versenkung. „Ich habe immer angenommen, die Leute würden es eigentlich merken. Aber in dem Moment, wo man als Frau gelesen wird, spielt das Trans-Sein gar keine Rolle mehr“, sagt Jessica Purkhardt, die für die Frankfurter Grünen in der Stadtverordnetenversammlung sitzt. Weil sie sich in der Queerpolitik engagiert, haben Leute angenommen sie sei lesbisch. Noch absurder wurde es, als sie mit anderen Aktivist*innen zusammensaß, die sagten: „Wir müssen jetzt endlich mal dieses Trans-Thema bearbeiten, aber wir kennen niemanden der trans ist.“

In dem Moment, wo man als Frau gelesen wird, spielt das Trans-Sein gar keine Rolle mehr.“

Es wirkt, als hätten die meisten Leute gar nicht auf dem Schirm, dass sich in ihrem Bekanntenkreis auch transsexuelle Personen befinden könnten. Als eher harmloses Erlebnis beschreibt Purkhardt Situationen, in denen sie nach Tampons gefragt wurde. „Wenn das von Menschen kam, die mich seit fünf Jahren kennen und von meiner Vergangenheit wissen, läuft da aber auch irgendwas falsch“, sagt sie. Schlimmer seien aber Situationen gewesen, in denen sie offene Diskriminierung gegen trans erlebt habe. Einmal spielte Purkhardt in einer thailändischen Filmproduktion eine Frau in einer Reisegruppe. In einer Szene sollte die Reisegruppe dann auf Transfrauen zeigen und sich über die „Transformer“ lustig machen.

Karten auf den Tisch. Einstehen für die eigene Identität

Irgendwann wurden Purkhardt diese absurden Situationen zu viel: „Man stößt im im Privatleben auf Widersprüche. Es ist schwierig solidarisch zu sein, wenn andere Transfrauen angemacht werden.“ Dann kam der unausweichliche Moment, in dem sie ihre Identität mehr in den Vordergrund rückte. Es ging ihr nicht allein um Solidarität, sondern auch darum zu zeigen, dass man auch geoutet glücklich sein kann.

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„Wer sollen denn die Vorbilder sein, wenn es sonst überhaupt keine gibt?“ Mittlerweile gibt Purkhardt Vorträge zu Trans-Themen und schreibt eine Kolumne für Gab, das queere Stadtmagazin aus Frankfurt am Main. Doch sie kann nachvollziehen, dass nicht alle ihr Gesicht für diese Aufgabe hergeben wollen. Man laufe schnell Gefahr, nur noch über die Trans-Schiene wahrgenommen zu werden. Dabei weiß sie, dass sie auch in anderen Feldern mit Expertise glänzen kann.

Volle Transparenz. Und dann?

Doch für viele ist das Risiko zu hoch. Der Schritt, vollkommen offen mit der eigenen Geschichte zu leben, lässt sich schließlich kaum mehr zurücknehmen. Auch Jessica kennt diese Angst. Man wisse einfach nicht, wie es weitergeht, wenn man den Mund aufmacht und für die Sichtbarkeit der eigenen Identität kämpfe.

Deswegen entschieden sich so viele gegen diesen Schritt. Linda drückt es so aus: „Man kommt gut klar, solange es niemand weiß. Nichts an mir würde sich durch ein Outing ändern und trotzdem würden manche mich dann plötzlich hassen. Das würde nur Ärger bedeuten, also spiele ich bei deren heteronormativem Gesellschaftsbild einfach mit.“

* Name der Person wurde geändert


Offenlegung: Die Autorin ist Mitglied der Grünen Jugend Nordrhein-Westfalen.

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