Hört auf, die Corona-Krise für eure Selbstoptimierung zu missbrauchen

Brot backen, Klassiker lesen und den Body in Shape bringen: Auf Social Media spornt die aktuelle Situation viele an, ihre Produktivität ins Unermessliche zu steigern. Unsere Autorin ist davon genervt. Ein Kommentar

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Es ist völlig okay, unproduktiv zu sein. Foto: Elisabeth Lies / Unsplash | CC0

Ich habe es versucht und bin maximal gescheitert. Zweimal habe ich mich dem Projekt Brotbacken gewidmet, einmal mit, einmal ohne Hefe – dafür mit Backpulver. Beide Male sah das Ergebnis nicht nur aus wie ein flacher Ziegel mit Körnern drin – es schmeckte auch genauso und wanderte, halb angebissen, in den Müll.

Wozu der ganze Aufwand? Weil man das gerade so macht in Corona-Zeiten, wo Rausgehen zwar erlaubt, aber auf ein Minimum beschränkt werden soll – man also viel Zeit innerhalb der eigenen vier Wänden verbringt. So besagen es auch aktuelle Suchtrends auf Pinterest und Google, denn da sind Brotbackrezepte gerade gefragt wie noch nie. „Kaum ist so ein Virus am Start, fangen alle an, Brot zu backen, als gäbe es keinen Morgen mehr“, stellt auch Olli Schulz bei Fest & Flauschig fest, während Jan Böhmermann und Katrin Bauerfeind, die als Gästin geladen ist, das Für und Wider von Sauerteig besprechen.

Die freie Zeit zu nutzen, die jetzt so einige haben, weil Arbeitswege wegfallen, Veranstaltungen abgesagt sind und viele sich in Kurzarbeit befinden, scheint gerade das Motto zu sein. Damit man aus dieser Krise noch besser, noch fitter, noch klüger hervorgeht. Mich nervt – viel mehr – stresst das.

Denn mit dem Brotbacken fängt es erst an. Öffne ich Insta-Storys meiner realen – manchmal auch nur virtuellen – Freund*innen, sehe ich aktuell immer dieselben Szenerien: Menschen, die maximal produktiv sind und dabei in eine Art Optimierungschallenge mit sich selbst und anderen treten. Wer hat die meisten Klassiker gelesen, wer schon morgens vor der ersten Telefonkonferenz eine Stunde Sport absolviert, das raffinierteste Essen ohne Nudeln gekocht oder am längsten mit nur einer Rolle Klopapier hausgehalten?

Muss das wirklich alles ins Internet gepustet werden?

Mir ist schon klar, dass es sich bei all dem auch um Bewältigungsstrategien handelt, die dazu dienen, die aktuelle Situation bestmöglich zu überstehen und nicht in völlige Resignation zu verfallen. Mir ist bewusst, wie wichtig soziale Medien sind, um in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen und Abstandhalten in Kontakt mit anderen zu treten. Ich verstehe und akzeptiere das – frage mich aber gleichzeitig: Muss wirklich jede Kleinigkeit in die Sphären des World Wide Webs gepustet werden? Kann man diese Dinge nicht auch tun, ohne sie mit seinen Follower*innen zu teilen?

Dabei sollte es gerade jetzt in Ordnung sein, für manche Dinge wenig bis keine Motivation aufbringen zu können.

Manch einer mag nun argumentieren, dass er sein Essen, seine Laufstrecke oder sein selbstauferlegtes Lesepensum zum Wohle aller postet – als Motivation. Mich motivieren verwackelte Videos, die jemand während des Joggens aufnimmt, nicht – selbst wenn dabei die aufgehende Sonne über den Bildschirm hüpft. Auch das Posten von Büchern, für die man jetzt endlich mal Zeit findet, inspiriert mich nur bedingt.

Bei mir entsteht eher ein schlechtes Gewissen, meine freie Zeit nicht effektiv – nicht literarisch genug – zu gestalten. Deshalb zog ich vor Kurzem fast hektisch Ungelesenes aus meinem Bücherregal und stapelte es auf meinem Schreibtisch. Statt ihn zu fotografieren, lies ich ihn links liegen, den Turm aus Dostojewskis, Beauvoirs und Bernhards. Nun erinnert er mich täglich daran, was ich auch während einer Pandemie nicht schaffe.

Was tut mir wirklich gut?

Dabei sollte es gerade jetzt in Ordnung sein, für manche Dinge wenig bis keine Motivation aufbringen zu können. Schließlich befinden wir uns nach wie vor in einer Ausnahmesituation. Besonders für Leute, die nicht das Privileg haben, von zu Hause aus zu arbeiten oder wenn doch, sich nebenbei noch um Kinder und Angehörige kümmern müssen, dürfte Selbstoptimierung gerade das Letzte sein, an das sie denken.

Auch für Menschen, die unter Depressionen oder Angststörungen leiden, ist es gerade schwer, sich aufzuraffen. Jetzt, wo die sonst beruhigenden Strukturen plötzlich weggebrochen sind. „Ich schaffe es kaum, in den Supermarkt zu gehen“, erzählt mir ein Freund am Telefon. Er fühle sich erschlagen, wie in Watte gepackt und gleichzeitig rastlos. All die Tipps, die Yoga und Meditation verordnen, helfen ihm nicht, dafür fehle es an Ruhe, sagt er.

Ruhe – das ist auch, was ich gerade brauche. Ruhe und ein Ende in Sicht. Bis dahin bleibt mir nicht viel übrig, als die Zeit zu nutzen – nicht, um möglichst effektiv zu sein, sondern für Antworten auf die Frage, was mir wirklich gut tut. Brotbacken oder Dostojewski lesen gehört jedenfalls nicht dazu.