Hört auf, euch über dicke Menschen in Sportkleidung zu empören

„Mach mal mehr Sport“ kommt meist vor „Igitt, die Dicke im Fitnessstudio!“ Das ist Doppelmoral. Ein Kommentar

Hört auf, euch über dicke Menschen in Sportkleidung zu empören

Dicksein wird immer noch stigmatisiert. Foto: Nike

Im Flagship-Store von Nike in London ist gerade eine Schaufensterpuppe zu sehen, die offensichtlich für Diskussionsstoff sorgt. Und das nicht wegen dem, was an ihr präsentiert wird, sondern wegen der Maße, die sie hat. Denn neben den klassischen Puppen mit Größe 34 bis 36 ist dort nun eine zu sehen, die etwa eine Größe 44 oder 46 haben dürfte. Vielleicht sogar mehr. Und diese trägt keinen Walla-Walla-Kaftan, mit dem sich Frauen mit dieser Kleidergröße üblicherweise am Strand verhüllen sollen, um die Gesellschaft nicht mit ihrem Aussehen zu belästigen, sondern eine Sportleggins und einen Sport-BH. Enganliegendes, das ihren Körper nicht versteckt, sondern zeigt. Boom, und schon platzt der Kopf einiger sorgfältiger Schubladensortierer*innen. Denn: Wie kann sein, was nicht sein darf?

Das fragt sich etwa Tanya Gold für die britische Zeitung The Telegraph. Diese Puppen, so schreibt sie in einem Kommentar, seien purer Zynismus von Nike, denn mit so einer Konfektionsgröße könne man nicht mehr mit den schönen Klamotten von Nike herumrennen. Man könne damit gar nicht rennen, sondern stehe wohl eher kurz vor einer Diabeteserkrankung und davor, eine neue Hüfte zu bekommen. Das alles sei eine riskante Lüge, die das Dicksein in ein positives Licht hebe. Okay, wow.

Das Privileg, in Kleiderläden willkommen zu sein

Mal abgesehen davon, dass hier wieder das alte Klischee von den per se unfitten, kranken Dicken herangezogen wird (hier sei nochmal erwähnt, ob jemand fit ist oder nicht, gesund ist oder nicht, können Ärzt*innen entscheiden, nicht aber dahergelaufene Hobby-Diagnostiker*innen), ist es wirklich zu viel verlangt, dass es nicht nur okay, sondern – vollkommen wertfrei – schlicht richtig ist, dass Menschen, egal welche Konfektionsgröße sie tragen, (Sport-)Kleider bekommen, die ihnen passen? Die ihre Körper nicht verbergen? Was wollen die Kritiker*innen denn? Keine Kleider mehr für Menschen, die nicht in ihr Schönheitssystem passen, sie mit Nacktheit oder schlabbernden Lumpen abstrafen, bis sie zu hungern beginnen? Ach, so abwegig ist der Gedanke ja gar nicht, denn einfach so in einen Laden gehen zu können und Kleider finden zu dürfen, die einem passen, ist doch lediglich für Menschen bis Größe 40 ein Privileg.

Und überhaupt: Was wäre, wenn Frauen, denen diese Kleider passen, vielleicht keinen Triathlon laufen oder zwei Stunden am Stück durchrennen wollen, sondern andere Sportarten wie Yoga, Gewichttraining, Walken oder was auch immer ausüben möchten? Oder einfach nur, wie so viele Dünne auch, in gemütlichen Sportklamotten zu Hause oder im Café abhängen, einen Smoothie trinken und sich für Instagram ablichten wollen – dem schönen Schein wegen? Auch beim Beschiss zwecks Selbstdarstellung sollte wohl gleiches Recht für alle gelten. Nur weil man eine Laufleggings trägt, unterschreibt man doch keinen Vertrag, damit auch laufen zu gehen.

Die gefährliche Lüge ist nicht, zu behaupten, dass dicke Menschen Sport machen und gesund sein können (natürlich können sie beides), sondern, dass Dicksein schon wirklich im Mainstream angekommen ist. Das ist es nicht. Dicksein wird weiter stigmatisiert. Und sich zu sagen, die Body-Positivity-Bewegung hätte doch längst erreicht, dass Dicksein in unserer Gesellschaft als Normalität wahrgenommen wird, die es nicht mehr zu kommentieren gilt, ist noch viel riskanter. Denn das verschleiert, wie sehr dicke Menschen natürlich noch immer mit abfälligen Kommentaren überladen werden, wie sehr sie darunter leiden müssen. Mit dem schönen Gedanken an Body Positivity kann man das ausblenden, ist doch alles erledigt, macht euch keinen Kopf. Joah, ist es halt nicht. Noch lange nicht.

Der Schweiß von dicken Menschen vs. der Schweiß von dünnen Menschen

Am schlimmsten ist aber diese elende Doppelmoral, mit der dicken Menschen immer wieder entgegengerotzt wird, dass sie doch mal endlich Sport machen sollen, nur um sich dann im Fitnessstudio über die dicken Schwitzenden lustig zu machen. Denn der Schweiß von dicken Menschen steht ja nie für Ausdauer, für dieses Über-die-eigenen-Grenzen-hinausgehen, was wir so gerne lobend überall erwähnen (meist fragwürdig genug), sondern für ein Versagen bei der Selbstdisziplin, mit dem sie sich nun plagen müssen. Das gilt es immer, so will es der gesellschaftliche Pranger, lautstark zu kommentieren. Ganz wichtig. Sonst platzt noch ein Äderchen im Auge.

Oder auch schön: Die Haltung, dass dicken Menschen ganz selbstverständlich von Fremden in jeder Situation mitgegeben werden darf, dass sie sich eben gesünder ernähren sollen, selbstredend ohne dass sie wissen, wie sie sich ernähren – genau die darf man dann natürlich verspotten, wenn sie in der Öffentlichkeit etwas offensichtlich Kalorienarmes essen. Nach dem Motto: „Ja klar, hier die Gurkenstückchen, aber zu Hause haust du dir ja doch wieder die Burger rein!“ Nach derlei Doppelmoral lässt sich die Uhr stellen.

Eine Kampagne ändert kaum etwas – aber Repräsentation ist wichtig

Es ist widerlich, mit welcher Selbstgerechtigkeit hier auf Kosten anderer agiert wird. Und es ist Alltag. Gerade für Frauen, ganz gleich wie sie aussehen. Oder ist es am Ende doch nur die eigene Unsicherheit, die hier spricht? Die Unsicherheit, dass alles, was man über den eigenen Körper gelernt hat, nämlich ihn zu hassen, wenn er nicht normschön ist – und dieser eigene (Selbst-)Hass am Ende sinnlos war? Ist es der abfällige Kommentar, den man selbst vielleicht schon mal für sein Äußeres kassiert hat und den man nun weitergibt? Einmal nicht dazu gehören, sich einmal über andere erheben, um die eigenen Verletzungen zu vergessen. Am Ende ist es auch komplett egal, denn nur weil man selbst mit sich hadert, hat man keinen Freifahrtschein, andere dafür leiden zu lassen. Einfache Regel, offensichtlich aber kaum einzuhalten.

Macht eine Kampagne, die natürlich vor allem der positiven Wahrnehmung der Marke dienen soll, die sich damit kritisch mit sich selbst und gesellschaftlichen Diskussionen auseinanderzusetzen scheint, alles besser? Nein. Aber Repräsentation ist wichtig. Denn viele Frauen haben eben nicht das Privileg, einfach in einen Laden gehen zu können und sich Kleider auszusuchen, die sie schön finden. Viele Frauen wissen bei Betreten eines Ladens nicht einmal, ob ihnen irgendein Kleidungsstück da drinnen passen könnte. Es gibt viele Frauen, die hoffen müssen, dass sich irgendwo in der hinteren, verschämten Ecke des Ladens eine Abteilung findet, in der drei Shirts und zwei Sorten Hosen hängen, die, gekennzeichnet mit einem Plus Size-Label für sie gedacht sein könnten.

Einen Blick in einen Laden zu werfen, dort eine Schaufensterpuppe zu sehen, die ganz offensichtlich keine Konfektionsgröße Null hat, ja, sogar mehr als Größe 40, das hilft. Das hilft dabei, darauf zu vertrauen, wie jede andere im Laden willkommen zu sein und, verdammt nochmal, einfach einkaufen zu können.


Von Silvia Follmann auf EDITION F.

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