Hört endlich damit auf, Fleisch in eure Krapfen zu stecken

Nach dem Leberkäskrapfen gibt es jetzt auch einen Schnitzelkrapfen. Was soll der Quatsch? Ein Kommentar

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Fleischeslust muss Grenzen kennen. Bild: Pixabay / Bearbeitung: ze.tt

Alles fing im vergangenen Jahr im oberbayrischen Miesbach an. Gerade als man dachte, es könne keine schlimmere Demütigung für den armen Krapfen geben, als ihn fälschlicherweise als Pfannkuchen zu bezeichnen, füllte Bäckermeister Florian Perkmann aus der gleichnamigen Bäckerei das süße Gebäck mit einer heißen Scheibe Leberkäse und süßem Senf. Ein Zufall brachte ihn auf die Idee der (nach eigenen Worten) „Geschmacksexplosion“. In den Redaktionen der Lokalmedien muss anschließend Volksfeststimmung geherrscht haben. Potzblitz! Ein Krapfen mit Leberkäse und süßem Senf – da müssen wir hin! Schnell raste der rasende Reporter-Achim nach Miesbach, um über die „verrückte Kreation“ zu berichten, die „das Netz spalten“ würde. Was mit dem „Netz“ genau gemeint war, wurde natürlich auch damals nicht klar, aber Aufmerksamkeit war der kleinen Bäckerei zweifelsohne garantiert. Innerhalb kürzester Zeit berichteten auch überregionale Medien über den Leberkäskrapfen. Ein Bild-Reporter vermisst das „Knusper-Erlebnis der Semmel“ – als wäre es das Einzige, was man an dieser kulinarischen Ausgeburt aussetzen könnte.

#fett, #nurdiegutenkommeninstöpfchen, #hartejungs, unser Leberkäskrapfen! #comingsoon, #gesundundnahrhaft, wäre was für'n #seppbumsinger

Gepostet von Florian Perkmann am Montag, 21. Januar 2019

Ist die Wissenschaft zu weit gegangen?

Wäre doch gelacht, wenn das nicht zu steigern ginge. Dachte sich wohl auch die österreichische Supermarktkette Merkur und veröffentlichte jüngst eine Krapfenkreation, bei der sich nicht nur bei Österreicher*innen alle Nackenhaare aufstellen dürften. Dort wird der Krapfen in zwei Hälften geschnitten und dann ein paniertes und frittiertes Schnitzel dazwischen gelegt. Herrje. Während im Original aus Bayern wenigstens noch der durchaus passende Senf zum Leberkäse serviert wird, gibt man sich beim Schnitzelkrapfen erst gar keine Mühe – hier bleibt die Marmelade einfach drin.

Ich sah den Mettbär und präsentiere euch den Leberkäsekrapfen sowie den Schnitzelkrapfen! from de

Nur weil es geht, muss man es nicht machen

Und genau hier zeigt sich das eigentliche Problem an den Kreationen: Spätestens wenn große Supermarktketten auf den fleischigen Krapfenzug aufspringen, wird klar, dass es längst nicht mehr um Geschmack oder kulinarische Kreativität geht, sondern schlicht um Likes, Shares, lachende Emojis und ganz viel #Fame auf Social Media. Dass die Krapfen in vielen Fällen nach dem ersten Bissen umgehend in der Mülltonne landen (wo sie auch landen sollten, aber das ist nicht der Punkt), ist den Macher*innen egal. Ach, und nur der Vollständigkeit halber: Natürlich gibt es auch einen Krapfen mit Schweinemett und Zwiebeln gefüllt, über den auf der Facebook-Seite der Bäckerei Rank aus dem hessischen Wetteraukreis herzlich gelolt wird.

Triggern, triggern, triggern

Wer heute im Social Web Reichweite erzeugen will, muss provozieren. Es gibt ganze Unternehmensstrategien, die auf Provokation und Polarisierung basieren. Der Facebook-Post zum Schnitzelkrapfen etwa bescherte der österreichischen Supermarktkette zum jetzigen Stand 2.000 Likes, mehr als 10.000 Kommentare und damit eine bei weitem höhere Reichweite als die üblichen Posts auf der Seite. Die werden von den User*innen normalerweise mit Likes im niedrigen dreistelligen oder nicht selten auch zweistelligem Bereich belohnt. Es funktioniert.

Die fleischigen Krapfen erinnern aber auch an ein ganz anderes Phänomen, das verstärkt in den letzten zwei Jahren immer wieder auftaucht. Sie erinnern an die typischen Trotzreaktionen jener, die versuchen, mit dem größtmöglichen Kontrast auf aktuelle Klimadebatten zu reagieren. „Greta will mir das Fleischessen verbieten? Pah! Dann pack ich Schnitzel in meine Krapfen.“ Es ist diese „Jetzt erst recht“-Reaktion, die man vermehrt als Antwort auf Forderungen von Klimabewegungen in den Kommentarspalten auf Facebook oder Twitter entnehmen kann. Was „Fridays for Hubraum“ den Autoliebhaber*innen ist, wäre „Fridays for Schnitzel“ für all jene, die sich ihr Fleisch nicht nehmen lassen wollen. Dass es darüber in der Debatte gar nicht geht, scheint ihnen ohnehin egal zu sein.

Manchmal sehne ich mich nach der Zeit, als über das beliebte Faschingsgebäck nur dann Debatten geführt wurden, wenn es darum ging, wie es denn nun korrekt bezeichnet werden sollte. Krapfen, Berliner, Pfannkuchen – nennt es, wie ihr wollt. Aber um Himmels willen, hört auf damit, sie mit Leberwurst oder Mett zu füllen.

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