Homeoffice: Schluss mit der Präsenzkultur!

Obwohl die Voraussetzungen immer besser werden, arbeiten in Deutschland nur wenige Beschäftigte im Homeoffice. Ein Grund dafür: mangelndes Vertrauen der Vorgesetzten.

home-office-statt-praesenz-mad-fish-digital-unsplash

Zeit für mehr Homeoffice! Foto: Mad Fish Digital / Unsplash | CC0

Besseres Internet, bessere Technik, besserer Datenschutz – bessere Chancen fürs Homeoffice! Ah, tja, nee, leider nicht. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) – gehört zur Bundesagentur für Arbeit – hat sich das Thema Homeoffice in Deutschland in einer aktuellen Studie ganz genau angeschaut. Und festgestellt: Nur rund ein Zehntel der Beschäftigten arbeitet hierzulande zeitweise von zu Hause aus.

Seit 2013 ist die Zahl der Heimarbeitenden zwar gestiegen, aber nur wenig – von 19 auf 22 Prozent im Jahr  2017. Dabei haben sich vor allem die technischen Möglichkeiten fürs Homeoffice ordentlich verbessert.

Klar, nicht in allen Berufen und Branchen lässt sich das Arbeiten von zu Hause aus so einfach umsetzen, in einigen Jobs ist zum Beispiel Datenschutz tatsächlich ein großer Knackpunkt; 90 Prozent der befragten Betriebe und 76 Prozent der Angestellten sagen, die Tätigkeit lasse schlicht kein Homeoffice zu.

Aber ein wesentlicher Grund dafür, dass Mitarbeitende quasi an ihre Schreibtische getackert sind, ist die sogenannte Präsenzkultur – Hauptsache, da sein. „Viele klassische Arbeitsverhältnisse in Deutschland sind von Präsenzkultur geprägt, also davon, dass die Beschäftigten in der Betriebsstätte arbeiten“, heißt es in dem Bericht der IAB. „Vorgesetzte haben dadurch die Möglichkeit, die Arbeitsleistung in Form von Anwesenheit und Engagement im Arbeitsalltag einzuschätzen.“

Mit anderen Worten: kein Homeoffice, weil der*die Chef*in die Angestellten im Blick haben will. Volle Kontrolle also.

Misstrauen und Angst

Zwei Drittel der Beschäftigten haben in der IAB-Studie angegeben, ihren Vorgesetzten wäre ihre Anwesenheit so wichtig, dass sie nie vom Homeoffice aus arbeiten. Und sechs Prozent derjenigen, die von zu Hause aus arbeiten dürfen, sagten, ihre Chef*innen glauben, zu Hause werde weniger geleistet.

„Vorgesetzte misstrauen ihren Mitarbeitern, weil sie fürchten, die Kontrolle zu verlieren und dadurch ihre Position zu gefährden“, erklärt die Karriereberaterin Petra Barsch. Logisch, wenn eigenverantwortliches mobiles Arbeiten reibungslos und produktiv funktioniert, könnte vielleicht irgendwann irgendwo der Gedanke aufkommen, der*die Vorgesetzte wäre gar nicht sooo entscheidend für den Erfolg.

Außerdem gilt in gewisser Weise das „Aus den Augen, aus dem Sinn“-Prinzip. „Leistung wird auch oft immer noch mit Anwesenheit gleichgesetzt“, sagt auch Petra Barsch. „Wer nicht anwesend ist, bringt gefühlt weniger Leistung.“ Und diese Vorstellung könnte die Karriere behindern. Tatsächlich befürchtet ein Teil der Befragten genau das – und fremdelt deshalb mit der Arbeit im Homeoffice.

Sowohl das Kontrollbedürfnis als auch der Gedanke, dass Anwesenheit Leistung bedeutet, fuße laut Expertin Barsch auf einem eher autoritären Führungsstil.

Kein Homeoffice wegen zerbrechlichem Boss-Ego?

Dabei ist paradoxerweise das Gegenteil der Fall: Mehr als die Hälfte der Beschäftigten sagt laut IAB, dass sie ihre Tätigkeit im Homeoffice besser ausüben kann. Und auch 45 Prozent der Betriebe geben an, dass im Homeoffice die Produktivität höher ist. Von der Zufriedenheit der Angestellten mal ganz abgesehen.

Produktivität höher, Arbeit besser, Leute glücklicher – und trotzdem sollen alle jeden Tag schön brav ins Büro trotten und körperlich anwesend sein, damit sich autoritär tickende Vorgesetzte gebraucht und wichtig fühlen? Und das, obwohl wir von den acht Stunden nicht mal drei effektiv arbeiten, wie eine Untersuchung in Großbritannien ergeben hat. Der Rest der Zeit geht für Gespräche mit Kolleg*innen, Social Media und Sonstiges drauf.

Natürlich gibt es gewisse Hürden, um erfolgreiches Arbeiten im Homeoffice zu organisieren – technische Gegebenheiten, die Art der Tätigkeit, Kommunikation und Informationsfluss. Doch inzwischen testet sogar der Reifenhersteller Continental mobiles Arbeiten für Fabrikarbeiter*innen.

Etwas schwieriger zu berücksichtigen sind hingegen weiche Faktoren wie zum Beispiel der Austausch mit Kolleg*innen. „Zurufe und informelle Gespräche werden nicht ins Homeoffice weitergegeben“, sagt auch Petra Barsch. Dadurch kann sich die Zusammenarbeit erschweren. Deshalb ist laut einer Stanford-Studie eine Mischung aus Homeoffice und Anwesenheit ideal. Also ein bis zwei Tage die Woche von zu Hause aus arbeiten.

Vorgesetzte überzeugen

Wo Vertrauen zwischen Vorgesetzten und Angestellten herrscht, da funktioniert das mit dem Homeoffice laut der IAB-Studie deutlich besser. Die Mitarbeitenden, die ab und zu ins Homeoffice dürfen, sind im Schnitt zufriedener und schaffen mehr.

So könne man auch versuchen, Vorgesetzte von ein bis zwei Tagen Homeoffice pro Woche zu überzeugen. „Die Effizienz ist höher, da man störungsfreier arbeiten kann“, sagt Karriereberaterin Petra Barsch. Und eine traditionelle Präsenzkultur, da, wo sie nicht unbedingt nötig ist, nur um ihrer selbst und der Vorgesetzten willen – das ist doch wirklich ziemlich 1980er.