Humboldt-Universität: Wo Männer noch anderthalb Meter größer sind als Frauen

Wie homogen öffentliche Räume gestaltet sind, zeigt sich, wenn man durch die Humboldt-Universität zu Berlin spaziert. Hier bemühen sich Lehrende und Studierende täglich um ein inklusives Miteinander – in einem Gebäude, das eher preußische Pracht als Diversität ausstrahlt.

Humboldt Universtität: Wo Männer noch anderthalb Meter größer sind als Frauen

Eine Studentin sitzt am Fuß der Wilhelm von Humboldt-Statue vor der gleichnamigen Universität in Berlin © Hubert Link/ ZB-Fotoreport/ Picture Alliance, © Getty Images, Collage ze.tt

Unter den Linden 6, im Herzen des alten Berlins und in direkter Nachbarschaft zum Maxim Gorki Theater, der Staatsoper und der Museumsinstel, thront sie: die Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Jeden Tag kommen Studierende, Forschende, aber auch neugierige Besucher*innen aus aller Welt, um sie zu besichtigen. Auch eine kleine Reisegruppe tibetischer Mönche betritt den Vorplatz der Universität. In ihren orangenen Gewändern heben sie sich markant von dem dunklen Kopfsteinpflaster, den Denkmälern aus weißem Marmor und den Säulen, die die Fassade des Gebäudes zieren, ab. Buddhistische Tradition meets preußischen Adel.

Ein Schloss für alle?

Dabei sind die Zeiten preußischen Adels an der HU lange vorrüber. Als Forschungs- und Lehrinstitution hat sie spätenstens seit der Wende den Auftrag, Wissenschaftler*innen und Studierende gleichberechtigt dazu einzuladen, von den Angeboten der Universität zu profitieren. Viele Mitarbeiter*innen bemühen sich täglich um ein möglichst inklusives Uni-Leben. Zum Beispiel in Form des Angebots offener Sprechstunden, der Betreuung in Antidiskriminierungs- und Beratungsstellen oder progressiven Lehrangeboten. In der Gestaltung des Gebäudes findet sich das noch nicht wieder. Frauen, Menschen mit Behinderung, Schwarze und People of Color sind in der räumlichen Gestaltung der HU bisher kaum berücksichtigt worden. Wer sich an einem Ort nicht abgebildet sieht, fühlt sich dort nicht nur weniger willkommen, häufig leiden unter der Unsichtbarkeit auch die Bedürfnisse der Unterrepräsentierten.

„Die heutige Humboldt-Univertität war urprünglich kein Universitätsgebäude, sondern ein Palais, welches der preußische König für seinen jüngeren Bruder bauen ließ“, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Eva Boesenberg, die am Institut für Amerikanistik und am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der HU lehrt und deutet auf das prachtvolle Gebäude: „Erst Anfang des 19. Jahrhunderts wurde hier der universitäre Betrieb aufgenommen. Die ganze Anlage ist im Zeichen aristokratischen Prunks konzipiert. Der preußische König demonstrierte mit dieser Verschwendung von Raum und Material seinen Wohlstand.“

In Stein gemeißelt: Eine Forscherin, umringt von sechs männlichen Kollegen

Der Vorplatz der Universität wird von einem gußeisernenen Zaun mit goldenen Verzierungen umfasst. In der Mitte des Zauns ist ein Tor eingelassen. Tagsüber steht es offen. Wer das Hauptgebäude der Universität betreten möchte, muss den hinter dem Zaun liegenden Vorplatz überqueren, in dessen Zentrum auf einem zwei Meter fünfzig hohen Sockel die überlebensgroße Marmorstatue des Physikers Hermann von Helmholtz thront.

Insgesamt finden sich sieben Denkmäler auf dem Platz vor dem Prachtbau. Alle sieben sind ehemaligen Lehrenden der HU gewidmet. Aber nur eine der sieben Statuen erinnert an eine weibliche Lehrperson: an die Kernphysikerin Lise Meitner, der 1933 aufgrund ihrer jüdischen Herkunft die Erlaubnis zur Lehre an der Universität entzogen wurde. Ihre Statue wurde im Juli 2014 eingeweiht und ist damit das jüngste der Denkmäler.

Neben den Statuen der Humboldtbrüder und der imposanten Helmholtz-Statue im Zentrum des Platzes, sticht die Meitner-Figur allerdings nicht nur aufgrund ihres Geschlechts, sondern auch aufgrund ihrer Größe heraus. Ihre Statue ist ohne Sockel nur 1,57 m groß. Der den Platz dominierende Helmholtz ist, auch ohne den zur Statue gehörenden Sockel, stattliche 2,90 m hoch. Die Statuen der Humboldtbrüder sind, ebenfalls ohne Sockel, 2,50 m groß – obwohl die beiden sitzen. Nur die Max-Planck-Statue hat ähnlich zurückhaltende Maße wie die einzige Frau in der Runde auf dem Platz.

Alexander von Humboldt thront vor der Universität auf einem Globus. Obwohl er sitzend dargestellt ist, überragt seine Statue die der Kernphysikern Lise Meitner um knapp eineinhalb Meter. ©Maurizio Gambarini / dpa

Minderheiten sind im repräsentativen Hauptgebäude der Uni bisher gar nicht abgebildet

Die Professorin Eva Boesenberg erklärt: „Das Statuen-Ensemble sagt natürlich etwas über die historische Situation von Frauen an der Humboldt-Universität aus. Die Statuen die den Vorplatz dominieren – überlebensgroße, weiße Männer – signalisieren durchaus, wer hier diesen Raum geprägt hat und wer hier zu Hause ist“. Aber nicht nur Frauen, auch Menschen mit Behinderungen, People of Color, Schwarze, Trans* und Intersexuelle seien in den Räumen der HU stark unterrepräsentiert.

„Ich kann mich mit dieser Frauendarstellung überhaupt nicht verbünden“, sagt die Berliner Architektin Helga Blocksdorf, mit Blick auf die Meitner-Statue. Neben der Kulturwissenschaftlerin Eva Boesenberg, hat sich auch die Architektin Helga Blocksdorf bereit erklärt, einen Blick auf das Gebäude und dessen Gestaltung zu werfen. Zu dem Termin im Hauptgebäude der HU bringt sie zwei angehende Architektinnen mit, die zurzeit Praktika in ihrem Büro machen.

Die Frauenquote unter Professor*innen ist 2018 glücklicherweise höher als die unter den Statuen

Das steinerne Ensemble auf dem Vorplatz der HU, ein in Stein gemeißelter Frauenanteil von 14 Prozent, entspricht glücklicherweise nicht der Realität, auch wenn noch nicht annähernd so viele Frauen wie Männer Professuren an der HU innehaben: 2017 betrug der Frauenanteil unter Professor*innen an der HU 32,4 Prozent, wie ein Pressereferent der Universität ze.tt auf Anfrage mitteilt.

Eva Boesenberg betont, dass sich die Situation für Frauen in den vergangenen Jahren zwar stark verbessert habe, aber sie gibt auch zu bedenken: „Menschen mit Diskriminierungserfahrungen sind in der Lehre an der HU nach wie vor stark unterrepräsentiert. Vor allem in den höheren akademischen Graden werden ihre Anteile geringer.“

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Betritt man das Hauptgebäude, steht man in einem riesigen Foyer. In einigen Nischen sind Sitzplätze angebracht, aber bis auf eine kleine Gruppe japanischer Tourist*innen sitzt dort niemand. Studierende eilen schnellen Schrittes durch die Halle, um von A nach B, zu kommen. Nicht um zu verweilen. „Der Raum lädt ja auch nicht gerade zum Verweilen ein“, kritisiert Helga Blocksdorf.

Um in diesem Raum mitreden zu dürfen, müsste man ja erst einmal 60 Jahre alt und Nobelpreisträger werden“ – Blocksdorf

„Das Foyer einer Universität sollte von Studierenden, nicht vom Verwaltungsapparat dominiert werden“, erklärt die Architektin und nickt in Richtung Portiersbüro und Universitätsshop, in dem – hauptsächlich an Besucher*innen – Merchandiseprodukte der Universität verkauft werden. „Hier hat die Administration die Macht übernommen“, sagt Blocksdorf. In der Berliner Universität der Künste (UDK) sei das beispielsweise besser gelöst worden. Dort gehöre das Foyer den Studierenden, die darin ausstellen und eigene Veranstaltungen abhalten. Flyer und Plakate der Universität oder gar ein Shop seien in der UDK bewusst an den Rand gedrängt.

Aus der Eingangshalle führen zwei geschwungene Treppenaufgänge nach oben ins erste Geschoss. „In dem Moment, in dem du auf der Treppe stehst und hinunter schaust, bist du der Erhabene. Menschen, die das Foyer betreten, schauen automatisch zu den Menschen auf der Treppe hinauf“, sagt Blocksdorfs Praktikantin Laura Neumann und weist darauf hin, dass die Treppe den Raum hierarchisch strukturiert. Ihre Kritik zitiert die spanisch-amerikanische Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina. Colominas Theorien setzen sich mit der Rolle der Frau in der Architektur und mit Beobachter*innenperspektiven in Räumen auseinander.

Eine Frau fotografiert das Zitat von Karl Marx, das dazu auffordert die Welt zu verändern. ©Jörg Carstensen / dpa

Über dem Treppenaufgang prangt in goldenen Lettern ein Zitat von Karl Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Eine Ansage wie ein Paukenschlag. Oben bleibt der Trommelwirbel jedoch aus, denn es erwartet einen nur ein weiterer, menschenleerer Raum – das Foyer des Senatsaals. Es findet sich auch keine einzige Sitzgelegenheit. Nur eine Bildergalerie von weißen Nobelpreisträgern starrt von der Wand. Für angehende Philosoph*innen, die sich die imposanten Treppen hinaufwagen und die, auf den unteren Stufen, vielleicht noch den Wunsch zur Veränderung in sich spürten, gibt es oben angekommen jedoch nicht viel zu tun. „Um in diesem Raum mitreden zu dürfen, müsste man ja erst einmal 60 Jahre alt und Nobelpreisträger werden“, sagt Blocksdorf und lacht.

Breite Gänge anstatt großer Seminarräume und neuer Büros?

Vom Foyer vor dem Senatsaal im ersten Obergeschoss aus gelangt man in den 2014 umgebauten und sanierten Westflügel des Hauptgebäudes. Auf dem Weg dorthin passiert man das Büro von Sabine Kunst, der zweiten Präsidentin in der Geschichte der HU. Und zum ersten Mal kommt man außerdem an einer Bildergalerie mit den Gesichtern von Wissenschaftlerinnen vorbei.

Im Westflügel angekommen, fällt noch noch etwas auf: Das Gebäude, das von außen erst einmal durch Größe und Höhe beeindruckt, rückt von innen in ein anderes Licht: Die Decken sind ungefähr sechs Meter hoch, die Flure ausladend breit und zu allem Überflüss werden sie alle dutzend Meter von einer Art repräsentativen Foyers ergänzt. „Während Konferenzen sind die Foyers sehr praktisch, da man hier Buffets oder Infostände aufbauen kann“, erzählt die Professorin Boesenberg aus eigener Erfahrung: „Dafür mussten aber einige Büros dran glauben“.

Dabei hat die Humboldt-Universität ein Platzproblem – vor allem im Hauptgebäude, in dessen repräsentativen Hallen sich einige Verwaltungsapparate und Institute gerne vertreten sähen, fehlen Büros für wissenschaftliche Mitarbeiter*innen und studentische Aushilfen. Zu Beginn jedes Semesters werden Studierende aus Platzgründen aus Seminarräumen verwiesen. Raum, den Statuen und überdurchschnittlich breite Flure einnehmen, ist Raum, der in der Lehre und der Forschung fehlt.

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Bald soll auch einem schwarzen Wissenschaftler ein Denkmal im Hauptgebäude der HU gesetzt werden

In hinteren Teil des Westflügels befindet sich auch das Institut für Altertumsforschung. Dort hängen riesige, steinerne Reliefs an den Wänden und die Plastik eines überlebensgroßen Löwen blickt auf  die Studierenden im Flur herab. „Mit diesen Ausstellungsobjekten stellt sich die Humboldt-Universität in die Tradition eines teilweise kolonialen Erbes“, sagt Boesenberg. Sie vermutet, dass sich die Universität bald mit einer Diskussion über den angemessenen Umgang mit diesen umstrittenen Werken konfrontiert sehen wird: „Ich bin mir sicher, dass die Universität nicht signalisieren möchte, dass wir in einer kolonialen Tradition stehen. Aber natürlich tut sie das aktuell bis zu einem gewissen Grad.“

Eva Boesenberg hat auch gute Neuigkeiten: Das Institut für Amerikanistik bekam kürzlich die Erlaubnis, eine Plakette des Alumnus W.E.B. Du Bois anfertigen und anbringen zu lassen. Der Soziologe und Aktivist der schwarzen Bürgerrechtsbewegung der USA hatte Ende des 19. Jahrhunderts an der Humboldt-Universität studiert. Seine Plakette wird als erstes Denkmal im Hauptgebäude der HU an einen schwarzen Wissenschaftler erinnern.

Barrierefrei? „Am Ende des Flurs, hinter dem Bauzaun, rechts“

Wie verhält es sich mit Barrierefreiheit, an diesem Ort der Forschung und der Lehre? Im Hauptgebädue der HU gibt es Aufzüge und Hebebühnen, als Alternative zu den verwinkelten Treppen. Nur wo? „Am Ende des Flurs, hinter dem Bauzaun rechts“, erklärt eine hilfsbereite Studentin. Tatsächlich findet sich am Ende eines unendlich lang erscheinenden Ganges im Ostteil des Gebäudes eine Hebebühne. Aufgrund einer Baustelle wird sie zurzeit von einer Staubschutzwand verdeckt und ist für jemanden, der*die sich zum ersten Mal hier aufhält, kaum ohne Nachfrage zu finden.

Aufzüge, Hebebühnen und barrierefreie WCs an Orten zu installieren, an denen wenig Durchgangsverkehr ist, ist für Menschen, die überdurchschnittlich oft Diskriminierungen ausgesetzt sind und deren Bewegungsfähigkeit häufig eingeschränkt ist, suboptimal. Stattdessen sollten sie so zentral wie möglich installiert werden. Belebte Orte, an denen man ohne Aufwand um Hilfe bitten kann, würden ihren Nutzer*innen gerechter werden. Stichwort safe spaces.

Eine Universität sollte vor allem den Studierenden gehören

Aufzugtüre auf. Aufzugtüre zu. Treppe rauf. Treppe runter. Nach dem ausgiebigen Spaziergang durch das Hauptgebäude der Humboldt-Universität sehnt man sich nach einer Tasse Kaffee. Der grüne Innenhof des Hauptgebäudes lädt zum Verweilen ein. Auch die Baustelle, die zum Erhalt des Mauerwerkfundaments zurzeit das Hofbild prägt, kann einen nicht davon abhalten, den Schatten der Bäume zu genießen.

Und was ist mit den Baucointainern, die in der Mitte der Rasenfläche stehen? Nein, auch sie können der Schönheit des Hofes keinen Abbruch tun. Die Architektin Helga Blocksdorf betont aber, dass die Anzahl der Container, die aufgrund der Baustelle in der Mitte der Rasenfläche platziert wurden, ungewöhnlich großzügig geplant sei: „Man muss den Studierenden ja nicht noch mehr Platz auf der Rasenfläche wegnehmen.“

Blocksdorf spricht von „noch mehr Platz“, weil ein Wirt, der in einen Teil des Hauptgebäudes sein Restaurant betreibt, bereits seine Terrasse auf die Rasenfläche der Universität verlegt hat. Zum Unmut der Studierenden, von denen sich viele das Essen dort nicht leisten können. Wenn sie ihre Mensatabletts jetzt mit auf den Rasen nehmen, um draußen zu essen, sitzen einen halben Meter über ihnen die zahlenden Gäste des Lokals auf der Terrasse und blicken, einen Teller Rindergulasch mit Gemüse der Saison vor sich, von oben auf die Teller der Studierenden.

„Habt ihr nichts Besseres zu tun, als Räume zu kritisieren?“ Nein!

Um ihre Studierenden für die Repräsentation verschiedener Gruppen in den Räumen der Universität zu sensibilisieren, lädt die Professorin Eva Boesenberg sie zu Beginn ihres BA-Studium zu einem kritischen Spaziergang durch die HU ein und lässt die angehenden Wissenschftler*innen ihre Eindrücke sammeln. „Kritiker mögen sagen ,Habt ihr nichts besseres zu tun, als euch an so etwas aufzuhängen?'“, sagt Boesenberg. „Aber genau an dem vehementen Widerstand, der sich zum Beispiel regt, wenn es um geschlechtergerechten Zugang von Transpersonen zu Toiletten geht, zeigt sich, welche Macht Räume haben.“

Ein ähnlicher Diskurs, wie er um gendergerechte Sprache geführt wird, erklärt die Professorin in ihrem Büro dem letzten Raum unseres Spazierganges. Und dem ersten, in dem die Bilder an den Wänden, die herumstehenden Objekte und die Bücher in den Regalen eine Vielfalt von Menschen und Wissenschaftler*innen repräsentieren.


Einen solchen kritischen Spaziergang kann man durch jedes Gebäude machen. Das Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu Berlin ist in diesem Artikel nur beispielhaft angeführt. Als Bildungsinstitution und öffentlich-rechtliche Körperschaft ist eine Universität ein Ort, an dem eine Vielfalt von Menschen repräsentiert sein sollten. Die Repräsentation der Vielfalt beginnt in der Planung und Gestaltung des Raums selbst.