Hure oder Heilige? Warum diese Rollenbilder Nonsens sind

Es gibt in heterosexuellen Mono-Beziehungen Männer, die Frauen quasi in Huren und Heilige einteilen. Diese Rollenbilder sind nicht nur unfair, sondern auch Quatsch. Aber woher kommen sie?

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Heilige vs. Hure: Veraltete Rollenbilder sind tief in unserer Gesellschaft verankert. Foto: British Library / Unsplash | CC0

„Ich wurde zur Fantasie für einen guten Freund. Irgendwann gab er zu, von mir zu träumen. Er ist verheiratet mit einer Frau völlig anderen Typs, dünn, sportlich, ich dagegen pummelig. Seit es eine Art Sexting-Austausch zwischen uns gab, über viele Jahre hinweg, habe ich ihn nie wieder in echt gesehen“, hat mir eine Frau anonym über Tellonym erzählt. Und weiter: „Manchmal schreibt er mir noch, aber ich fühlte mich immer mehr ausgenutzt und als reines Sexobjekt (…) Vielleicht läuft es nicht gut mit seiner Frau, aber das kann ich nur vermuten aufgrund seiner Avancen.“

Selbstredend haben nicht nur heterosexuelle Männer in monogamen Beziehungen Affären. Aber diese deutliche Aufteilung klingt durchaus nach: eine Frau fürs Leben, eine andere für Sex.

Dass heterosexuelle Männer Frauen zuweilen in Heilige oder Huren – also verlässliche Lebensgefährtinnen oder Ehefrauen einerseits, Partnerinnen fürs Ausleben sexueller Fantasien andererseits – einteilen, ist beileibe nicht neu. Das Prinzip dieser entgegengesetzten Rollenbilder geht im Grunde auf Freud zurück. Nun kann man von dem Urvater der Psychoanalyse halten, was man will, aber möglicherweise hatte er da ja einen Punkt.

Antiquierte Rollenbilder galore

„Die Wurzeln des ‚Heilige oder Hure‘-Dilemmas liegen tief in der Struktur unserer Gesellschaft, wo die Keuschheit einer Frau dem Mann garantiert, dass eventuelle Kinder von ihm sind“, meint die Sexexpertin Yella Cremer. Und die US-Autorin und Anthropologin Wednesday Martin sagte unlängst im ZEIT-Interview über Monogamie: „Unsere industrialisierte Gesellschaft ist auf die exklusive Ehe aufgebaut, so ist gesichert, wie der Besitz weitergegeben wird.“

Aus einer solchen Perspektive ergäbe es schon irgendwie Sinn, sich für eine Partnerin zu entscheiden, deren sexuelle Lust und Freizügigkeit zumindest überschaubar scheinen. Allerdings ist das gleichzeitig auch arg archaisch und misogyn. Oh, und natürlich ziemlicher Nonsens.

„Männer, die Frauen entweder als Huren oder Heilige betrachten, bejahen die Sexualität der Frau nicht ganz“, sagt auch Yella Cremer. Frauen für eine lustvoll gelebte, aktive Sexualität gering zu schätzen und ihnen deshalb die Eignung für eine feste, stabile Partnerschaft abzusprechen, ist genauso unfair, wie Frauen als rein fürsorglich und brav zu idealisieren.

Außerdem: Wer wie viel und welche Art von Sex mag oder auch nicht, ist eine hochgradig individuelle Angelegenheit und unterscheidet sich von Mensch zu Mensch.

„Dahinter steht oft auch ein Zweifel an der eigenen Sexualität“, erklärt die Sexexpertin weiter. Also in etwa: Ist das, was ich will, wie ich es will und wie oft echt okay, oder fühle ich mich selbst nicht ganz wohl damit?

Mit seiner Mutter schläft man nicht

Doch es sind längst nicht nur gesellschaftliche Konstrukte und Rollenbilder aus dem vorletzten Jahrhundert sowie eine gewisse Verklemmung, die eine derartige Einteilung in Lebens- und Bettgefährtin begünstigen können. Auch die individuelle psychologische Landschaft und Biografie spielen eine Rolle.

In manchen Fällen sucht sich ein Mann zum Beispiel auch aus Angst eine Partnerin, die mit hoher Wahrscheinlichkeit mutmaßlich treu ist. „Nach innen, also unter psychologisch-persönlichem Aspekt, stecken Verlustängste dahinter“, erklärt die Beziehungsexpertin und Paarberaterin Birgit Natale-Weber. Ursache dafür können beispielsweise Selbstwert-, Bindungs- und Vertrauensprobleme sein.

Ob die betreffende Lebensgefährtin, mit der wenig Leidenschaft ausgelebt wird, eine Art Mutterersatz darstellt, kommt vor allem auf die persönliche Lebensgeschichte an. Wenn jemand unerfüllte Bedürfnisse aus der Kindheit ins Erwachsenenleben mitnimmt und nicht bearbeitet, kann es tatsächlich passieren, dass eine lange, feste Partnerschaft teilweise Züge einer Eltern-Kind-Beziehung aufweist.

„Eltern sind für Kinder die ersten Bezugspersonen, insbesondere die Mutter. Wenn diese Bindung nicht befriedigend und erfüllend ist, suchen Männer in der Partnerin das, was sie gerne noch von der Mutter bekommen hätten“, meint Yella Cremer. Dann geht es in erster Linie um Sicherheit und Geborgenheit – und wilder Sex bleibt auf der Strecke.

„Eine Partnerin ist auf Augenhöhe, bei der Mutter kann man in die Kinderrolle schlüpfen und muss wenig Verantwortung übernehmen“, erklärt Yella Cremer. Um zu klären, ob und inwieweit das der Fall ist, ist laut Cremer ein gesundes Maß an Selbstreflexion und Selbsterforschung erforderlich: „Alte negative Erfahrungen oder eine große Bedürftigkeit lassen sich mit Begleitung durch Coaches oder Therapeuten aufarbeiten.“

Doch nicht immer wird ein Mutterersatz gesucht. „Wir dürfen dieses Verhalten auf keinen Fall generalisieren“, sagt Birgit Natale-Weber. Oft würden Männer, die Frauen in solche Rollenbilder einteilen, sich selbst und ihre Sexualität ausleben wollen, hätten aber nicht den Mut, das innerhalb ihrer Beziehung im offenen Gespräch zu thematisieren: „Einfacher ist dann eine Affäre – ein typisches Ablenkungsmanöver von der eigenen Unzulänglichkeit.“

Der viel beschrittene, heimliche Weg des geringsten Konflikts führt nur leider selten zum Glück. Zumindest nicht in einem klassisch-monogamen Beziehungsmodell.

Reden, reden, reden – und reden

Was also tun? Yella Cremer hat da einen Vorschlag: „Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, die Beziehung im Einverständnis zu öffnen.“ Allerdings funktioniert das auf Dauer nur dann, wenn beide gleichermaßen und aufrichtig bereit sind, es auszuprobieren und nicht nur um des lieben Friedens willen mitmachen.

Außerdem entscheidend: Kommunikation. „Viele Paare reden nie über Sex oder hören sofort wieder auf, wenn es die Harmonie gefährden könnte“, berichtet Yella Cremer. „Doch alles, was unter den Teppich gekehrt wird, vergrößert die Distanz in der Beziehung.“

Eine Integration dieser entgegengesetzten Rollenbilder ist jedoch durchaus möglich, wie Birgit Natale-Weber aus ihrer Erfahrung erzählt: „Ich kenne viele Paare, die es geschafft haben, diese Lücke zu schließen. Sie haben ein ausgeglichenes Familienleben und schaffen es als Liebespaar ihre Bedürfnisse gemeinsam auszuleben. Wichtigste Zutat: offen und ehrlich sein.“

Wenn jedoch langfristig trotz offener Gespräche und gemeinsamer Versuche das Sexleben beide dauerhaft frustriert und nicht befriedigt, kann eine Trennung nicht die schlechteste Lösung sein – eine Frage der Prioritäten. Birgit Natale-Weber: „Eine Trennung ist immer dann angebracht, wenn die Vorstellungen der beiden so weit auseinander gehen, dass sie sich auf keine Kompromisse einigen können.“ Manche Menschen sind zwar zusammen ein tolles Team oder gute Eltern – aber keine leidenschaftlichen Liebenden.

Der Frust ist schließlich selten einseitig. Oder wie jemand auf Tellonym schrieb: „Vielleicht wollen diese vermeintlich braven Frauen ja auch viel mehr oder anderen Sex – aber halt nicht unbedingt mit diesem Typen.“