„Ich bin ein richtiger Junge. Ich mag keine Blumen.“ – Collien Ulmen-Fernandes kämpft für diversere Geschlechterrollen

In der Sendung No More Boys And Girls fragt Collien Ulmen-Fernandes, welche Rollenbilder Kinder haben und was man dagegen tun kann. ze.tt hat sich mit ihr darüber unterhalten. Ein Interview

In der Sendung No More Boys And Girls fragt Collien Ulmen-Fernandes, welche Rollenbilder Kinder haben und was man dagegen tun kann. Ze.tt hat sich mit ihr darüber unterhalten. Ein Interview

"Einige Mädchen sagten mir, sie wussten gar nicht, dass auch Frauen ein Flugzeug fliegen können", erzählt Collien Ulmen-Fernandes im Interview. Foto: ZDF/Martin Rottenkolber

„Frauen sind zum Kochen und Putzen eher geeignet. Männer sind so zum Reparieren und andere Sachen“, erklärt ein kleiner Junge sein Männer- und Frauenbild. Viele seiner Mitschüler*innen bestätigen diese Aussagen. Das ist erschreckend, vor allem wenn man daran denkt, wie jung diese Kinder noch sind. Doch wie entstehen diese Rollenbilder? Warum gilt es bereits unter Kindern als unmännlich, Ballett zu tanzen oder Blumenkränze zu binden? Und warum sind junge Mädchen felsenfest davon überzeugt, dass eine Frau niemals Pilotin werden kann?

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Diesen Fragen geht die Schauspielerin, Autorin und Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes in einem Sozialexperiment auf den Grund: Zusammen mit einem Fernsehteam besucht sie in der zweiteiligen Doku-Sendung No More Boys And Girls eine Schulklasse und möchte wissen, wie sehr Kinder schon in Rollenbildern denken – und wie sie reagieren, wenn man die stereotypen Rollenbilder aufbricht.

Wir haben uns mit Collien Ulmen-Fernandes über Vielfalt, Offenheit, eine gendergerechte Welt und darüber, warum kleine Jungen öfter Blumen-Shirts tragen sollten, unterhalten.

ze:tt Inwiefern sind Sie persönlich mit Rollenbildern groß geworden?

Collien Ulmen-Fernandes: Ich glaube, es war damals noch nicht ganz so schlimm wie heute. Gender-Marketing ist ja erst in den letzten 15 Jahren so extrem geworden. In dem Spielwarenladen, in dem wir damals waren, war alles recht wild durcheinandergemischt: Ich habe sowohl mit Autos, als auch mit Dinos, Robotern und Puppen gespielte.

Aber es gab diesen einen Moment bei meiner Erstkommunion: Ich wollte in einer Hose hingehen, aber es wurde mir untersagt. Mädchen mussten dort Kleider tragen. Ich habe aber nie Kleider getragen und mich darin auch nicht wohl gefühlt. Als ich dann dazu gezwungen wurde, habe ich mich erstmal lauthals geweigert und den ganzen Laden zusammengeschrien. Ich stehe auf allen Bildern in diesem Kleid mit verschränkten Armen da und man sieht mir an, dass ich das überhaupt nicht gut finde.

Sie sind selbst Mutter. Wie gehen Sie gegenüber Ihrer Tochter mit Rollenbildern um?

Mir ist bei meiner Tochter aufgefallen, dass man das Rollenverständnis der Kinder als Eltern nur bedingt beeinflussen kann, weil es so viele Einflussfaktoren gibt. Meine Tochter kommt aus dem Kindergarten und erzählt mir, dass gewisse Dinge eine Jungssache und nichts für Mädchen sind. Zum Beispiel Hip-Hop, Skateboarding, Roboter – die Liste war endlos. Das hat mich aufhorchen lassen, deckte sich aber mit dem, was wir auch in der Sendung beobachten konnten.

Die Sendung heißt No More Boys And Girls. Was denn dann?

Der Titel ist sehr provokant gewählt. Es geht nicht darum, Junge und Mädchen als Begriff abzuschaffen. Es geht viel mehr darum, den Kindern alle Optionen und Möglichkeiten, die sie haben, aufzuzeigen. Es geht darum, die Verknüpfung, also das, was mit Junge und mit Mädchen verbunden ist, zu lösen.

Und wie macht man das konkret?

Ich habe den Kindern zum Beispiel die Aufgabe gestellt, eine Person zu zeichnen, die ein Flugzeug fliegt. Diese Person war dann bei den meisten Kindern männlich. Daraufhin habe ich den Kindern eine Pilotin vorgestellt.

Was mich wirklich erstaunt hat: Einige Mädchen sagten mir, sie wussten gar nicht, dass auch Frauen ein Flugzeug fliegen können. Diese Vorstellung war tatsächlich so in ihren Köpfen. Sie sind bis dahin davon ausgegangen, dass Frauen ein Flugzeug nicht fliegen können. Das hat mich doch sehr überrascht. Es ging also darum, den Kindern eine breite Palette zu eröffnen. Dass Mädchen Balletttänzerinnen werden können, das wussten sie schon vorher. Wir wollten ihren Horizont erweitern und zeigen: Von Ballerina bis Pilotin, alles ist möglich. Jetzt entscheidet ihr, was eine Mädchen- und Jungensache ist.

Wie sieht es bei den Jungs aus? War ihnen bewusst, dass sie auch Balletttänzer oder Floristen werden können?

Ich habe am Anfang eine Vorstellungsrunde mit der Klasse gemacht und saß bei einem Jungen. Ihm gegenüber saß ein Mädchen, das eine Blume malte, und er sagt: „Ih!“ Und ich habe ihn gefragt: „Warum sagst du denn jetzt ‚Ih'“? Daraufhin sagte er mir, Blumen seien eklig und eine Mädchensache. „Ich bin ein richtiger Junge. Ich mag keine Blumen.“ Einige Tage später habe ich der Klasse einen Floristen vorgestellt – und genau dieser Junge ist total auf den angesprungen, ist ihm den ganzen Tag hinterher gelaufen und hat ihn ausgefragt. Später meinte er dann: „Es hat so Spaß gemacht, diese Blumenkränze zu binden.“

Hat es etwas mit dem Alter zu tun, dass sich diese Kinder so extrem von bestimmten Dingen abgrenzen?

Wir haben uns in der Sendung bewusst dafür entschieden, mit Kindern im Alter von sieben Jahren zu arbeiten, weil das ein Alter ist, in dem die Identitätsfindung nochmal eine ganz andere Rolle spielt. Die Kinder setzen sich damit auseinander: Wer bin ich eigentlich? Wie bin ich eigentlich? Sie wollen ein „richtiges“ Kind sein. Und wenn sie spüren, dass etwas nicht richtig ist, dass richtige Jungs keine Blumen mögen, dann müssen sie das noch stärker betonen, dass sie Blumen verdammt schlimm finden.

Ein anderes Beispiel: Wir sind in der Fußgängerzone mit einer Kleiderstange voller T-Shirts unterwegs, darauf waren Roboter, Skateboards, Totenköpfe, aber eben auch Blumen. Und da waren dann mehrere kleine Jungs, zwischen zwei und vier Jahren alt, und die griffen nach den Blumen-Shirts, weil sie die schön fanden. Daraufhin haben ihre Mütter ihnen die T- Shirts aus den Händen gerissen und meinten: „Nein, das ist nichts für dich, das ist ein Mädchen-T-Shirt.“ Wenn man den Kindern sowas sagt, dann ist das eine Beeinflussung. Denn es ist nicht so, dass Jungs natürlicherweise keine Blumen mögen. Sie wollen einfach ein richtiger Junge sein. Und wenn man ihnen sagt, das ist nichts für Jungen, dann lernen die das so und betonen nochmal, wie verdammt blöd sie eigentlich Blumen finden.

Also wird es den Kindern häufig einfach vorgelebt?

Es gibt einen Part in der Sendung, da haben wir Bücher vorliegen: „100 Dinge, die ein Junge wissen muss.“ Und „100 Dinge, die ein Mädchen wissen muss.“ Und bei den Mädchen geht’s direkt in Kapitel 1 los mit Schönheit und Pflege. Wie bekomme ich schöne Haare? Wie bekomme ich schöne Nägel? In den ersten Tipps geht es nur darum, wie man sein Äußeres pflegt. Bei den Jungs geht es darum, wie man das Taschengeld richtig verhandelt. Da muss man sich dann auch nicht mehr wundern, warum das Rollenbild bei den Kindern so ist, wie es ist.

Sie haben auch ein Kinderbuch darüber geschrieben, dass Kinder sich ihre Rollen selbst aussuchen sollen, dass Mädchen Monsterjägerinnen sein und Jungs Kuchen backen und basteln können, wenn sie wollen. Wie kamen Sie auf die Idee zu dem Buch?

Mir ist vor allem aufgefallen, dass die Rollenbilder in den Kinderbüchern meiner Tochter sehr stereotyp sind. Mir fehlte die Diversität im Bücherregal. Wenn man sich mal anschaut, was im Spielwarenkatalog oder in den Bücherregalen geboten wird, muss man sich auch nicht wundern, dass dabei rauskommt: „Jungen sind schlau und Mädchen sind schön.“ Das hat meine Schulklasse mir tatsächlich genau so gesagt. Ich wollte zeigen: Jungen können auch Blumen mögen und genauso gut auch Skateboard fahren und sich für Roboter interessieren und das gleiche gilt für Mädchen.

Also die Optionen aufzeigen und die Kinder entscheiden lassen?

Es geht darum, den Kindern eine Vielfalt aufzuzeigen. Wir haben in der Sendung den Mädchen Sachen geschenkt, die wir in der Jungsabteilung gekauft haben, und andersrum. Wir haben den Kindern offengelassen, ob sie das tauschen. Die Jungs haben eine Nähmaschine bekommen, die Mädchen einen Kran. Und beide wollten das behalten, weil sie Spaß daran hatten. Es wäre auch okay, wenn sie keinen Spaß daran gehabt hätten. Es ging darum, allen Kindern alle Optionen aufzuzeigen und zu sagen: Ihr könnt alles machen, was auch immer ihr wollt. Wir schreiben euch nicht vor, was Mädchen- und Jungssache ist.

Welche persönlichen Erfahrungen nehmen Sie aus der Sendung mit?

Ich hab mich schon davor intensiv mit dem Thema befasst. Mich hat aber erschreckt, wie extrem die Rollenbilder auseinandergehen – damit hab ich nicht gerechnet. Es gibt diesen alten Werbe-Clip aus den 1950er Jahren, in dem es heißt: „Eine Frau hat zwei Lebensfragen. Was soll ich kochen? Was soll ich anziehen?“ Und dieser Werbespot wird gerne mit dem Kommentar rumgeschickt: „Guckt mal, so war das damals in den 1950ern.“ Wenn ich ganz ehrlich bin: Ich hab das Gefühl, dass wir nicht wesentlich weiter sind. Wir sollten uns alle ständig hinterfragen, was dieses Thema angeht. Es ist wichtig, dass man ein Bewusstsein dafür schafft, sich damit auseinandersetzt, denn nur dann erschaffen wir wirklich eine gendergerechte Welt.