Ich bin Lehrerin und habe Angst vor der Zukunft unserer Gesellschaft

Toleranz und Respekt sind im Schulalltag rar, findet unsere Autorin, die Lehrerin ist. Viele Schüler*innen würden zwar einen Abschluss bekommen, aber jegliche Sozialkompetenzen vermissen lassen. Ein Erfahrungsbericht

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Lehrer*innen erleben in ihrem Schulalltag extreme Situationen, mit denen sie nie gelernt haben umzugehen. | Foto: David-W- / Pixabay

Wir erinnern uns alle noch an dieses Gefühl: Schule endlich fertig! Ab jetzt wird alles besser. Wir lernen nur noch das, was uns wirklich interessiert und haben keine Lehrer*innen mehr vor der Nase, die das Sagen haben. Endlich frei von den Zwängen der Schule.

Als Lehrerin habe ich eine andere Perspektive. Ich sehe jeden Tag mit eigenen Augen, dass man vielen Schüler*innen eigentlich ihren Abschluss verwehren müsste. Nicht, weil sie das mit dem Citratzyklus und der Stochastik immer noch nicht verstanden haben und ihr Englisch-Vokabular zu wünschen übrig lässt. Sondern weil der Erziehungsauftrag der Schule noch nicht abgeschlossen ist. So ist zum Beispiel im zweiten Paragraf des Schulgesetzes des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen folgendes verankert: „Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung. Die Jugend soll erzogen werden im Geist der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit, zur Duldsamkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des Anderen, zur Verantwortung für Tiere und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen (…) zur Völkergemeinschaft und zur Friedensgesinnung.“ Ähnliches findet sich in abgewandelter Form in den Schulgesetzen aller Bundesländer wieder.

Eine Überprüfung dieses vornehmsten Ziels der Erziehung ist derzeit nicht vorgesehen – abgesehen von manchen Schulen, die Kopfnoten in Sozial- und Arbeitsverhalten vergeben, die weder versetzungsrelevant noch in klare Kriterien aufgeschlüsselt sind – und mit Noten generell auch schlecht widerzuspiegeln. Würden diese Kriterien jedoch ernsthaft eine Rolle spielen, dann müssten viele Schüler*innen noch ein paar Jährchen länger die Schulbank drücken.

Ist es wirklich so schlimm? Szenen während der Schulzeit

Es beginnt mit harmlosen Dingen. Ich teile Arbeitsblätter aus und finde nach dem Unterricht zwei davon zerknüllt auf dem Boden. Auch das hätte ich mich früher nicht getraut, aber nun gut.

Es ist Dienstagmorgen. Ich gehe runter in den Keller, wo sich die meisten Fachräume befinden. Mich empfängt Geschrei. Ich sehe aus der Ferne, wie zwei Jungs sich am Schlafittchen haben und der eine von beiden gerade mit seiner Faust ausholt. Ich laufe und schaffe es gerade noch so, die beiden auseinanderzuziehen. Was ist hier los? „Der hat gesagt, die Kurden ficken sich alle in den Arsch und für so was polier’ ich dem die Fresse. Wenn nicht hier, dann eben später.“ Zehnte Klasse. So viel zu Respekt, Toleranz und dem sozialen Handeln. Und nein, wir befinden uns hier nicht im Brennpunktviertel.

Auf dem Weg zum Lehrer*innenzimmer kommt mir ein Kollege entgegen und erzählt, dass schon wieder jemand die Toilettenwände mit Scheiße beschmiert hat.

Ich gehe in meine nächste Stunde und erkläre den Arbeitsauftrag. Eine Schülerin weigert sich, ihre Materialien überhaupt zu öffnen. „Nee, ich mach das nicht. Seh’ ich gar nicht ein. Sie haben mir gar nichts zu sagen. Ich hab’ keinen Bock. Ja, dann schicken Sie mich doch nach Hause. Mir eh egal.“ Danach anerkennungsheischende Blicke zu den Mitschüler*innen, um den gestiegenen Coolness-Faktor zu checken.

Auf dem Pult liegen die letzten Fetzen eines verbrannten Klassenbuchs. Kein Einzelfall. Ich habe Kolleg*innen, die für solche Fälle jeden Freitag die aktuelle Doppelseite kopieren.

Ich klappe die Tafel auf und höre Gelächter, wegen der Penis-Schmierereien an der Tafel. Die habe ich im Laufe meiner Karriere schon in allen Formen und Variationen gesehen: Klein, groß, krumm, spritzend, behaart und mit Frauenmund davor. Dazu werden nicht selten sexistische Kommentare genuschelt. Allerdings hören die meisten Lehrer*innen viel besser, als ihre Schüler*innen denken. Von „Kriegt die wenigstens auch mal einen vors Gesicht“ bis hin zu „Meiner is’ viel schöner. Wollen Sie den mal sehen?“ war schon alles dabei.

Die Schulstunde ist zu Ende. Ich packe meine Sachen zusammen. Die Schüler*innen machen sich auf den Weg zur nächsten Stunde. Bis auf einen Schüler, der langsam zum Pult schlendert. „Wissen Sie, ich koche richtig gut Sucuk. Kann ich mal für Sie machen. Als Vorspeisenwurst, wenn Sie wissen, was ich meine.“ Ahja.

Es ist Pause. Schüler*innen werfen ihren Verpackungsmüll auf den Boden statt in den Mülleimer. „Nee, ich heb’ das nicht auf. Kann der Hofdienst machen. Dafür sind die doch da.“

Die nächste Stunde ist zu Ende. Der Raum sieht aus wie ein Schlachtfeld. Überall liegt Müll, leere Essenspackungen, zerknüllte Blätter, Tische und Stühle stehen kreuz und quer, neben dem Mülleimer liegen Obstreste und alle möglichen Oberflächen sind voll mit Schmierereien. Niemanden stört das. Alle trotten ohne sich umzuschauen aus dem Raum. Jemand tritt bei der Aufforderung, sich beim Aufräumprozess zu beteiligen, wutentbrannt gegen seinen eigenen Ranzen und wirft seine Jacke auf den Boden. „Kann ich dagegen treten, wie ich will. Is’ ja mein Eigentum. Haben Sie mir gar nix zu sagen.“ Am nächsten Tag prangen an den Außenwänden des neuen Gebäudes hässliche Graffiti-Tags. Die Hauswirtschaftslehrer*innen haben derweil die Messer aus den Küchen entfernt – wegen Selbst- und Fremdgefährdung.

Es ist Pause. Ein Schüler steht heulend vor dem Lehrer*innenzimmer. Ein anderer Schüler habe ihn gerade gebissen, weil er nicht von seinem Platz aufstehen wollte.

Ich fahre mit der Bahn nach Hause und bin dabei umringt von Schüler*innen. Es ist brechend voll. Eine alte Dame mit Gehstock steigt ein, findet keinen Platz mehr und versucht sich irgendwie an der Stange festzuhalten. Von den Schüler*innen steht keine*r auf. Die meisten starren auf ihr Smartphone und spielen Fortnite.

Wie gehen wir damit um? Ein Versuch

Alle Lehrer*innen sind bestens ausgebildet. Wir können Beethoven-Sonaten spielen, kennen uns mit Differentialtopologie und Quantenphysik aus und können Shakespeare rezitieren und analysieren. Wir sind Expert*innen in unserem Fachbereich. Der Knackpunkt ist nur, dass die Vermittlung von Fachwissen nicht (mehr) den größten Teil unserer Arbeit ausmacht.

Wie ich reagiere, wenn mich ein*e Schüler*in anpöbelt und sich respektlos verhält, das habe zumindest ich in meinem Studium nicht gelernt. Was ich mache, wenn ein*e Schüler*in sich plötzlich einen Stuhl schnappt und damit auf andere Kinder zurast, das habe ich nicht gelernt. Was ich unternehmen kann, wenn ein*e Schüler*in in einem Wutanfall den eigenen Tisch umwirft und dabei rumschreit, das habe ich nicht gelernt. Wie wahre ich mein Gesicht, wenn Schüler*innen mich beschimpfen, mir den Mittelfinger zeigen und mich in den aggressivsten Tönen anschreien? Dazu hätte ich gerne mal eine Fortbildung.

Derzeit muss man das einfach irgendwie so zwischendurch aus dem Ärmel schütteln. Denn vorbereiten kann man sich auf diese Situationen nur bedingt. Die Vorfälle werden gefühlt täglich extremer. Wenn also Schüler*innen zukünftig anfangen zu beißen, bin ich darauf jetzt vorbereitet. Bis zum ersten Zwischenfall kam mir das aber überhaupt nicht in den Sinn.

Bei manchen Schüler*innen helfen noch die Klassiker. Man schickt sie ein paar Minuten vor die Tür, fordert einen Entschuldigungsbrief, informiert die Klassenlehrer*innen, lässt in einer Pause die Mensa fegen, Kaugummis unter den Tischen abkratzen und schreibt eine Notiz an die Eltern oder ruft am besten gleich an. Doch bei vielen hilft auch das nicht mehr. Das liegt einerseits daran, dass manche Elternhäuser so zerrüttet sind, dass es da kaum auffällt, wenn das Kind sich in der Schule daneben benimmt. Andererseits gibt es ebenfalls die Sorte Eltern, die selbst mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind und, um Konflikten aus dem Weg zu gehen, zu Hause keine konsequenten Maßnahmen durchsetzen.

Es ist ein tagtäglicher Eiertanz. Bei den einen hilft respektvolles, autoritäres Auftreten und das gelegentliche Lauterwerden. Bei den anderen hilft positive Verstärkung und Verständnis als Vorbeugungsmaßnahme. Immer freundlich sein und lächeln. Nicht selten komme ich mir vor wie der irre Joker aus The Dark Knight, der sich sein Lächeln ins Gesicht geschnitten hat. Denn manchmal brennt es mir auf der Zunge, den Schüler*innen mal auf ihrem Sprachniveau zu entgegen. Vielleicht würde das helfen.

Was den Schüler*innen fehlt

Aus den oben geschilderten Situationen zeigt sich ganz klar, dass das vornehmste Ziel der Erziehung bei vielen Schüler*innen längst nicht ansatzweise erreicht ist. Es fehlt gewaltig an Respekt gegenüber ihren Mitschüler*innen, aber auch gegenüber den Lehrer*innen. Es fehlt die Achtung des eigenen oder fremden Eigentums. Es fehlt Toleranz gegenüber Homosexuellen oder Menschen anderer Kulturen. Es fehlt an Verantwortung und dem Verantwortlichsein für das eigene Verhalten. Verantwortung gegenüber dem Zustand des Lernorts und dem Gemütszustand der Mitmenschen. Es fehlt an dem Gemeinschaftsgedanken, der das eigene Wohl nicht ausschließlich als oberste Priorität setzt.

Um es auf den einfachsten Vergleich herunterzubrechen: Es fehlt daran, dass man auch mal die Stühle seiner Mitschüler*innen hochstellt, wenn sie es vergessen haben, oder den Müll aufhebt, wenn man ihn nicht selbst runtergeworfen hat. Oder eben der alten Dame in der Bahn den Sitzplatz anbietet.

Verfehlen die Lehrer*innen ihren Job?

Somit ist klar, dass viele Schüler*innen, auch wenn sie ihr Abschlusszeugnis in den Händen halten, längst nicht über ausreichende Sozialkompetenzen verfügen. Für viele gibt es dafür eine logische Schlussfolgerung: Die Lehrer*innen haben ihren Job nicht ordentlich gemacht. Denn in jedem Schulgesetz ist schließlich auf die ein oder andere Weise verankert, dass die Lehrer*innen diese Fähigkeiten zu vermitteln haben. So einfach, wie sich das anhört, ist das aber nicht. Denn wenn im Elternhaus die Basis fehlt, dann fehlt in der Schule ganz einfach die Zeit, eine*n Schüler*in mit dem kompletten Set an Werten auszustatten.

In den meisten Fällen gibt es an weiterführenden Schulen neben dem Fachunterricht eine einzige Klassenlehrer*in-Stunde, die man nach freier Verfügung gestalten kann. Meistens rauben organisatorische Dinge den Großteil der Zeit, sodass für die erzieherische Arbeit bestenfalls 20 Minuten übrig bleiben. Bei einer Klassenstärke von durchschnittlich 28 Schüler*innen bleibt da nicht mal eine Minute pro Kind. Selbst mit mehr Zeit wäre in den wenigsten Fällen möglich, die komplette Erziehungsarbeit in der Schule zu leisten, wenn im Elternhaus nicht die Basis gelegt wird. Liegt also der Fehler, dass zu viele Kinder heute kein Benehmen mehr haben, an der mangelnden Erziehung im Elternhaus? Mit Sicherheit auch.

Also was jetzt? Kapitulieren?

Es gibt Tage, da bin ich kurz davor, den Glauben an die Gesellschaft zu verlieren. Von unserem Bildungssystem ganz zu schweigen. Denn für das, was mir in der Schule tagtäglich begegnet, hat die Universität mich nicht ansatzweise ausgebildet. Es gibt Tage, da will ich mich einfach nur in meinem Bett zusammenrollen und morgens nicht aufstehen, weil ich nicht schon wieder pöbelnde Kinder ertragen kann, die mir ohne mit der Wimper zu zucken ins Gesicht lügen und ausschließlich Ansprüche an Lehrer*innen stellen und nicht an sich selbst. Manchmal wünschte ich mir einfach nur, ich wäre männlich. Denn – traurig, aber wahr – den Lehrern wird generell mehr Respekt entgegengebracht als den Lehrerinnen. Früher war ich Sportmuffel. Mittlerweile gehe ich mindestens dreimal die Woche zum Training, um Dampf abzulassen und meine Sorgen für einen Moment stumm zu schalten.

Täglich wirft sich bei mir die Frage auf, wie unsere Zukunft aussehen soll, wenn wir im Alter abhängig sind von Menschen, für die Respekt, Toleranz und Verantwortung Fremdwörter sind. Ich habe keine Antwort darauf. Ich bin mir aber sicher, dass wir das als Lehrer*innen nicht alleine geradebiegen können. Wenn das Elternhaus keine Werte vermittelt und den Lehrer*innen in der Schule die Zeit fehlt, wer übernimmt dann diese wichtige Aufgabe? An manchen Lerneinrichtungen gibt es mittlerweile immerhin Fächer wie Soziales Lernen. Wir witzeln im Lehrer*innenzimmer öfter mal darüber, dass man eigentlich das Fach „Leben“ unterrichten müsste. Vielleicht wäre das ein Anfang.

Ein weiterer Arbeitstag beginnt. Es regnet. Ich entscheide mich deswegen für die Bahn und gegen das Fahrrad und treffe so die ersten meiner Schützlinge schon unfreiwillig vor Schulbeginn. Ich betrete das Abteil. Einer meiner Schüler*innen sitzt bereits und bemerkt mich: „Sind Sie schon so alt, dass ich für Sie auch aufstehen muss? Nee, oder?“ Immerhin ein Anfang.