„Ich habe gelebt wie ein König“ – aus dem Highlife eines jungen Cannabisdealers

Mit 17 fängt Leon an, nach der Schule Cannabis zu verkaufen. Über 70.000 Euro nimmt er damit ein. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht.

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Zehntausende Euro verdient Leon als Grasdealer – und verprasst das Geld für Alkohol, Partys und Reisen. Illustration: Elif Küçük / ze.tt

Am Anfang ging es Leon* nur darum, seinen eigenen Cannabiskonsum mit dem Dealen zu finanzieren. Doch das Geschäft läuft besser, als gedacht. Damals ist er 17 Jahre alt, geht noch zur Schule und wohnt bei seinen Eltern in München. Sein Taschengeld von 80 Euro im Monat hätte ihm vorn und hinten nicht gereicht. Also fängt Leon an, nach der Schule Cannabis zu verkaufen.

Von einem Cannabislieferanten aus seinem Bekanntenkreis holt er sich zunächst 50 Gramm. Dafür blättert er seine Ersparnisse hin. Neun Euro kostet ihn ein Gramm Cannabis, für 15 Euro möchte er weiterverkaufen. Tatsächlich sind die ersten 50 Gramm Gras schnell vertickt. Bald holt er sich alle drei bis fünf Tage neue 100 Gramm und verkauft sie an seine Freund*innen und deren Bekannte.

Manche seiner Kund*innen kaufen nur wenig, andere 30 Gramm Cannabis auf einmal. Mengen- oder Freundschaftsrabatte gibt Leon nie. Er bleibt bei seinem, wie er zugibt, hohen Preis und seine Kund*innen zahlen ihn.

„Das ist mein Raumduft, der so riecht“

Als Grasdealer ist Leon vorsichtig. Außenstehende und seine Familie sollen nichts von seinem illegalen Nebenverdienst wissen. Seine Geschäfte wickelt er meist vor der Haustür ab. Nur Kund*innen aus seinem engen Freundeskreis gewährt er Zutritt ins Haus. Dort lagert und versteckt er in seinem Kinderzimmer das Cannabis möglichst luftdicht in Einmachgläsern oder in Koffern. Nichtsdestotrotz bemerken seine Eltern den penetranten Cannabisgeruch. Als sie ihn darauf ansprechen, behauptet er: „Das ist mein Raumduft, der so riecht.“

Nach seinem Abitur zieht Leon in eine eigene Wohnung im Zentrum Münchens. Etwa 4.000 Euro verdient er monatlich mit dem Dealen. Trotzdem lässt er seine Eltern für seine Miete aufkommen. Ein schlechtes Gewissen hat er dabei nicht.

Mit dem Geld vom Dealen tut und lässt er, was er will. Statt zu kochen, geht er immerzu essen. Er verprasst Tausende von Euros für Alkohol, Partys und Reisen. „Ich habe gelebt wie ein König“, sagt er. Um vor seiner Familie sein Highlife erklären zu können und legale Berufserfahrungen zu sammeln, fängt er an zu kellnern.

Leon sieht Cannabis zwar als Droge an. „Aber es ist für mich genauso eine Droge wie Alkohol und Zigaretten als gesellschaftlich anerkannte Drogen“, sagt er.

Illegales und legales Cannabis

In Deutschland zählt Cannabis zu den Betäubungsmitteln, deren Anbau und Herstellung, Handel sowie Besitz strafrechtlich verfolgt werden. Eine bundesweit einheitliche Höchstmenge gibt es aber nicht. Paragraf 31a des Betäubungsmittelgesetzes ermöglicht es den Ländern, eigene Mengen festzulegen, bis zu denen strafrechtliche Verfahren eingestellt werden können. In Bayern und elf anderen Bundesländern liegt die tolerierte Menge bei 6 Gramm Cannabis. Berlin, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Thüringen haben höhere Höchstmengen definiert.

Seit März 2017 sind  Cannabisblüten und -extrakte als Arzneimittel in Deutschland zugelassen. Der Anbau und Import von medizinischem Cannabis erfolgen unter staatlicher Kontrolle. Einem Report der Techniker Krankenkasse nach ist eine Therapie mit Cannabis etwa bei chronischen Schmerzen, Epilepsie, dem Tourettesyndrom und ADHS denkbar. Es kann bei Angst- und Schlafstörungen und gegen Übelkeit und Erbrechen nach Chemotherapien helfen sowie den Appetit von HIV- und AIDS-Patient*innen wieder steigern.

Auch in Leons Kund*innenstamm würden nicht alle des Rausches wegen kiffen. Ein Freund hätte wegen seiner Migräne-Kopfschmerzen Cannabis geraucht, ein anderer mit ADHS, um der aufputschenden Wirkung des Ritalins entgegenzuwirken und runterzukommen.

„Im Endeffekt sind sie nur nett zu dir, weil sie etwas wollen“

Leon legt großen Wert darauf, seinen Kund*innen keinen Scheiß zu verkaufen, wie er es nennt. Ist eine Lieferung gestreckt, nimmt er sie nicht. Dafür achtet er auf die Konsistenz und den Geruchs des Cannabis. Zudem zerreibt er die Asche des gerauchten Cannabis zwischen den Fingern. Hinterlässt sie einen schwarzen Ölfilm, weiß er, dass dem Stoff etwas zugesetzt wurde. Leon ist es wichtig, dass seine Kund*innen keine gesundheitlichen Schäden von seinem Gras nehmen. Er sagt, dass manche Lieferant*innen und Dealer*innen das Gras mit Haarspray ansprühen oder mit Flüssigkleber beschweren würden, um von höheren Gewinnspannen zu profitieren.

Mit seinen Kund*innen raucht Leon gerne mal einen Joint und pflegt einen lockeren Umgang. Gleichzeitig ist ihm klar, dass seine Kund*innen zu ihm kommen, weil er Dealer ist und nicht, weil sie mit ihm Zeit verbringen möchten. „Im Endeffekt sind sie nur nett zu dir, weil sie etwas wollen“, sagt er.

Schon damals sieht Leon ein, dass auch sein Leben als Dealer auf seinem Egoismus fußt. „Im Prinzip machst du die Leute ja abhängig“, sagt er. Andere Drogen als Cannabis verkaufe er aber nie. „Das Geld wäre natürlich besser, aber ich sehe Gras nicht als moralisch verwerfliche Droge. Kokain ist eine andere Nummer, damit kannst du Leben zerstören“, sagt er.

Von seinen Kund*innen verlangt er Diskretion. Über die Geschäfte mit ihm sollen sie mit niemandem sprechen. Zeigen sie sich uneinsichtig, droht er ihnen. „Wenn jemand versucht hätte, mich zu bescheißen, hätte ich ihm natürlich auf die Fresse gehauen“, sagt Leon. Zu einer solchen Situation sei es aber nie gekommen.

Ich sehe Gras nicht als moralisch verwerfliche Droge. Kokain ist eine andere Nummer, damit kannst du Leben zerstören.

Paranoia und fehlende Perspektive

Leon spürt die Schattenseiten seiner illegalen Geschäfte: Das Dealen und die Heimlichtuerei machen ihn paranoid. Er legt sein Handy immerzu in einen anderen Raum, ist sich sicher, von der Polizei abgehört zu werden. Seinen Führerschein verliert er mit 22 Jahren, als er in eine Polizeikontrolle gerät und man ihm das in Cannabis enthaltene THC im Urin nachweisen kann.

Danach kifft Leon kaum noch. Anders als Tony Montana in dem Film Scarface will er sich an den Rat „Don’t get high on your own supply“ halten.

Nüchtern ist Leon zwar klarer und vorsichtiger, gleichzeitig aber auch genervter von seinen Klient*innen. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht – dauernd fragt ihn jemand nach Gras. Die ständige Erreichbarkeit schränkt ihn ein. Um verkaufen zu können, muss er immer in der Nähe seiner Wohnung bleiben.

Insgesamt sechs Jahre lang vertickt Leon Cannabis. Immer wieder legt er über mehrere Monate Pausen ein, damit er nicht auffällig wird. Über 70.000 Euro nimmt er damit ein. Als er schließlich mit 23 Jahren nach Hamburg zieht, lässt er das Dealen hinter sich. Trotz des Risikos und der Schattenseiten seines Jobs wäre er in München nie aus dem Cannabisgeschäft ausgestiegen, sagt er. Doch in Hafenstädten wie Hamburg seien die Preise für Cannabis und Drogen generell niedriger und die Gewinnspannen daher zu klein.

Über sein früheres Dasein als Grasdealer sagt Leon: „Auf kurze Sicht verdienst du damit schnelles Geld und hast dabei viel Spaß. Den Aufwand und die psychische Belastung ist es aber nicht wert.“ Anstatt weiter Gras zu verkaufen, hat Leon mittlerweile einen legalen Beruf. „Das ist viel unkomplizierter und sinnvoller.“

* Name von der Redaktion geändert.