Ich habe mir dieses Jahr nur sieben Kleidungsstücke gekauft – und das hat völlig gereicht

Laut Greenpeace kaufen wir jährlich fast 60 Kleiderteile neu, ein Fünftel davon bleibt ungetragen. Unsere Autorin findet das verschwenderisch und hat sich 2017 nur sieben neue Stücke zugelegt.

Manchmal ist weniger mehr. Foto: Regina Steffens


Als ich Ende 2016 von der unkritischen und unkontrollierten Konsumflut auf Instagram genervt war, nahm ich mir für die kommenden 365 Tage eins vor: Ich faste Klamotten und setze mir ein Limit von zehn Teilen für 2017.

Meine Leitfrage: Was brauche ich wirklich? Mein Ziel: eine reduzierte, ausgewählte Garderobe, die lange hält, mir gefällt und dabei gut kombinierbar ist.

Ich bin eigentlich immer gerne bei schnellsterbenden Trends wie Patches-Jeans mitgegangen, habe zum Runterkommen bei Asos bestellt oder eine Klamotte oft nur halbherzig gekauft, weil ein 50%-Sale-Schild dranhing. So kam ein ganz ordentlicher Berg Kleider zusammen. Und das ging nicht nur mir so: 60 neue Stücke sind es im Jahr bei jeder erwachsenen Person in Deutschland, wie Greenpeace (PDF) herausgefunden hat. Ein Fünftel davon bleiben das ganze Jahr mit Preisschild auf der heimischen Kleiderstange hängen. Laut der Umweltschutzorganisation liegt eine Milliarde ungetragener Kleider in unseren Schränken (PDF). Auf den Müll kommen außerdem noch all die Kleider, die erst gar nicht verkauft werden: Marken wie Zara und H&M produzieren bis zu 24 Kollektionen im Jahr. Was nicht über die Ladentheke geht, wird weggeworfen oder sogar verbrannt.

„Könnte man ja noch an Karneval anziehen“

130 – so viele Teile bewohnten zu Jahresbeginn meinen Schrank, Schuhe inbegriffen, Unterwäsche und Socken ausgenommen. Ich begab mich also in einen zwölfmonatigen Prozess aus Um-, Aus- und Neusortieren: Kleider kamen entweder in die Schublade „Trage ich oft“ oder in die andere: „Trage ich nie“. Schublade zwei, in der vor allem T-Shirts liegen, staubte bald ein. Am Anfang konnte ich mich von einer sieben Jahre alten, grün bedruckten Jeansweste und anderen Geschmacksfiaskos nicht trennen. Denn seit Jahren hatte ich die Ausrede „Könnte man ja noch an Karneval anziehen“ im Hinterkopf.

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Da ich mir nichts Neues kaufen konnte, in dem ich mich mal auffallend und individuell, mal unauffällig und sicher fühlen konnte, mussten die alten Stücke diese Gefühle kompensieren. Also erweckte ich einige Textilien wieder zum Leben: Ich färbte ein mit Rotwein versautes Shirt neu ein und experimentierte mit Farbe und Batik. Das hatte den Effekt, dass ich zu meinen ohnehin schon liebsten Kleidern eine noch engere Bindung entwickelte, sie mehr pflegte, flickte und faltete. Überraschenderweise fuhr ein altes Glitzer-Shirt in diesem Jahr die meisten Komplimente ein. Ich klopfte meinem 18-jährigen Ich auf die Schulter.

Nach und nach verlor ich die Lust am Shoppen. Da ich Onlineshops aus meiner Favoritenleiste entfernt habe, den vielen Caro Daurs nicht mehr folge und auch mein Facebook-Algorithmus irgendwann verstand, dass ich nicht auf Sale-Banner stehe, wurde es noch einfacher.

Es gibt nichts Besseres als Ausmisten

Ich kann gar nicht mehr aufhören, auszumisten und Kleider wegzugeben. Es ist befreiend und zeitsparend, nur das zu behalten, was man tatsächlich trägt. Doch gelegentlich kommt meine Garderobe an ihre Grenze. Zum Beispiel als ich zu zwei Hochzeiten eingeladen wurde. Da dieser ganze Verzicht mich deutlich wählerischer gemacht hatte, fand ich kein Kleid. Und das obwohl Freund*innen mich sogar durch meinen neuen Erzfeind, die Fußgängerzone, schoben. Die Lösung hing letztendlich auf dem Speicher meiner Eltern: 30 Jahre hatte ein knallig bunt geblümter Jumpsuit auf sein Comeback gewartet. Ich wurde mehrmals gefragt, wo ich ihn gekauft hätte. Meine Mutter liebäugelte wieder mit ihm, meine Schwestern wollten ihn plötzlich auch unbedingt tragen.

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Und trotzdem sorgt sich mein konsumierendes Drumherum um meine geschrumpfte Kleider- und Schuhauswahl. Mein Freund schenkte mir ein Paar limitierte, wirklich schöne und bequeme Sneaker zum Geburtstag. Aber die Schuhe passten einfach nicht. Es machte mich weder traurig noch deprimiert: Ich brauchte die Schuhe ja überhaupt nicht. Außerdem brauchte ich auch nicht die Laufschuhe, die mir ein Freund für 30 statt 100 Euro besorgt hatte. Ich hasse Joggen und gehe sowieso nie laufen. Doch als er mir vom Preis erzählte, setzte mein Hirn aus und ich wurde schwach: Ich bildete mir ein, mir entginge ein unschlagbares Schnäppchen. Die Sporttreter verstaubten lange im Karton unter dem Bett, zogen sogar einmal mit mir um. Ich machte drei Kreuze, als ich sie endlich über Kleiderkreisel verscherbelt hatte.

Lässt Kleiderfasten die Lust an Mode sterben? 

Zehn Kleidungsstücke – diesen Vorsatz hatte ich gefasst, weil ich mit einem höheren Bedarf an notwendiger Mode gerechnet hatte. Letztendlich habe ich nur vier Klamotten tatsächlich neu gebraucht: eine Winterjacke, ein Kleid für Familienfeiern, eine Schürze und einen Sonnenhut. Alle Teile sind gut kombinierbar. Man kann sich darüber streiten, wie unabdingbar eine Secondhand-Schürze für die Wiesn ist. Ebenso der Sonnenhut: Er gehört zugegebenermaßen auch eher in die Kiste „Fehlkauf und Rückfall“. Auf Reisen durch Südafrika legte ich mir eine dieser heute als bucket hat bekannten Mützen zu. Könnte man auf Electro-Partys tragen, denk ich mir, auch wenn es sicher nicht dazu kommt.

Jetzt, im Dezember, hängen in meinem Schrank statt 130 nur noch 80 Teile. Dass ich die Lust am Shoppen verloren habe, heißt nicht, dass auch die an Mode gestorben ist. Fasten bedeutet für mich nicht Totalentzug, Selbstbestrafung oder den Verlust von Modebewusstsein. Der Verzicht öffnet mir einfach nur die Augen für das, was ich schon hatte und was ich tatsächlich brauchte. Er half mir, mich von Konsumgegaukel und scheinbaren Trends auf Instagram und Co. zu lösen.

Im nächsten Jahr werde ich so weitermachen – ohne Anglerhut und Laufschuhe.