„Ich höre Ihnen zu“: Ein Hamburger gründete den ersten Erzählkiosk in Deutschland

Es war einmal ein Mann, der hörte zu. Er beschloss, einen Kiosk zu mieten. In einer U-Bahn-Station in Hamburg. Dort lud er Fremde ein, ihm Geschichten zu erzählen. Ein Großstadtmärchen

In diesem Kiosk wird nichts mehr verkauft – nur Zeit geschenkt. © Alexandra Brucker

„Wenn Sie mal ‘ne Geschichte zu erzählen haben oder nur zwei Sätze, ich freue mich.“ Christoph Busch, 71 Jahre alt und Drehbuchautor, steckt seinen Kopf durch das Kioskfenster und spricht einen Passanten an, der sich gerade über das kuriose Häuschen an seiner U-Bahn-Station informiert. Es hänge viel von seinem Verhalten ab, erklärt Busch. „Wenn ich mich nicht präsentiere, nicht schaue, dann trauen sich die Menschen auch weniger, mich anzusprechen.“

Wir befinden uns im Herzen von Eimsbüttel, dem beliebten Familien- und Studierendenviertel der Hansestadt. Hier, am Kiosk der Haltestelle Emilienstraße, kauften die Fahrgäste bis vor Kurzem noch Snickers und Süddeutsche, Fanta und FAZ, bevor sie in die nächste rote Bahn hüpften und zu Kita, Uni oder Agentur düsten. Doch heute sieht der Kiosk anders aus: leergeräumt, ganz ohne Ware, dafür heimelig eingerichtet. Schwarzweiß-Fotografien an den Wänden, zwei Stühle im Raum, ein Keksteller auf dem Tisch.

Zum Jahresende machte sich Busch an dem Häuschen zu schaffen, kratzte Papier und Reklame ab, legte Fenster für Fenster frei. Außen befestigte er eine rote Fahne, die seit dem 2. Januar nun jedes Mal im Wind flattert, wenn die Hamburger U2 am Kiosk vorbeizischt. Auf der Fahne steht: „Ich höre Ihnen zu. Jetzt gleich. Oder ein anderes Mal. Das Ohr.“

© Alexandra Brucker

Ein Ohr, ein Mann, ein Momo

Das Ohr, das ist er, Christoph Busch. Die meisten Menschen vermuten, er sei von der Caritas, von der Berufsberatung, vielleicht auch ein Therapeut oder – moderner formuliert – ein Coach. „Nee, ich will einfach nur zuhören“, klärt er dann immer auf. Schaut einen dabei ruhig und freundlich an. Der Mann mit der vergoldeten Nickelbrille und den aufmerksamen Augen schenkt Menschen vor allem eines: Zeit. Eine Stunde, zwei Stunden, mal länger, mal kürzer. Wer Michael Endes Kinderklassiker gelesen hat, mag denken: Christoph Busch ist der Momo der Gegenwart.

Ich komme zurzeit gar nicht mehr dazu, meine eigenen Geschichten zu schreiben.“ – Christoph Busch

Für eine Artikelserie in der TAZ sprach Busch schon einmal fremde Menschen in Cafés an und ließ sich ihre Lebensgeschichten erzählen. In die U-Bahn-Station sei er aber einfach nur als Autor gekommen. Er wollte im Kiosk schreiben und Leute beobachten, ganz ohne Plan. Geschichtenhören und Stoffsammeln sollte so nebenbei passieren. Im Vertrag mit der Hamburger Hochbahn steht daher als Mietzweck auch „Schreibstube“. Das Nebenbei ist ausgeartet: „Ich komme zurzeit gar nicht mehr dazu, meine eigenen Geschichten zu schreiben, sondern bin voll damit beschäftigt, mir die Erzählungen von anderen Leuten anzuhören. Jetzt ist aus dem Stoffsammeln doch auch etwas sehr Persönliches zwischen den Gästen und mir geworden.“

Beichten am Bahngleis

Montags bis freitags sitzt der Geschichtensammler Busch zwischen den Gleisen. Wenn sich ein Mensch traut, den Kiosk zu betreten, geschieht Magie oder, weniger pathetisch formuliert, Begegnung. Es sitzen sich zwei Fremde gegenüber. „Diese Anonymität verleitet die Menschen dazu, etwas von sich preiszugeben“, erklärt Busch. „Das kennen wir zum Beispiel aus dem Taxi. Oder aus dem Beichtstuhl. Beides sind Orte, an denen man sich ziemlich garantiert nicht wiedersieht. Nur dass ich mir hier mehr Zeit nehme. Dadurch entsteht eine vollkommen andere Situation der Ruhe und Konzentration.“

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Die Ecke, in die sich die Besucher*innen setzen dürfen, hat tatsächlich etwas von einem Beichtstuhl. Während der gläserne Kiosk von außen gut einsehbar ist, hat Busch die Erzählecke geschützt und mit Gardinen ausgestattet. Diese Kombination macht aus dem Häuschen am Bahngleis einen einzigartigen Ort zwischen Öffentlichkeit und Intimität. Busch formuliert das Geheimrezept des Kiosks folgendermaßen: „Hier sitze ich im Glashaus. Jeder kann mich sehen. Wer neugierig ist, aber erst einmal schauen will, kann so tun, als warte er oder sie auf die U-Bahn.“ So bietet dieser Ort des Transits den eher schüchternen Menschen die Möglichkeit, zunächst um den Kiosk zu schlendern und – wenn die U-Bahn heranknattert – nicht in den Zug, sondern in den Kiosk zu schlüpfen, ganz unbemerkt.

Jede Geschichte ist anders

Jedes Gespräch fängt anders an, eher selten mit „Es war einmal“. Manchmal fragt Busch nur: „Sind Sie glücklich?“ Ältere Menschen wollen oftmals ihre komplette Biografie erzählen. Andere Gäste reden sich schwere Sätze und harte Erinnerungen von der Seele. Dann gibt es auch diejenigen, die eine Geschichte erzählen, hinter der sich eigentlich eine ganz andere verbirgt. „Wenn ich einen Zipfel von dem erkenne, was sich dahinter versteckt, bohre ich nach.“ Zum Beispiel war da der Mann, der schon so vieles besitzt: Erfolg, Wohlstand, einen guten Job in der IT-Branche. Doch er sehnte sich auch nach einer Partnerin. Während des gemeinsamen Gesprächs fiel Busch auf, dass sein Besucher Frauen stets als „Geschöpfen“ bezeichnete. An diesem Gedanken zog er einfach. Eine Diskussion über Frauenbilder und Mütter kam wie von selbst in Bewegung.

© Alexandra Brucker

Während die Bahnen anfahren und abfahren, während sich Fahrgäste annähern und weggehen, während Menschen manchmal, wer weiß, vielleicht eintreten, drängt sich die Frage auf: Sind es die ganz Einsamen, die das Gespräch suchen? „Die ganz Einsamen gibt es nicht“, vermutet Busch. „Ich glaube aber schon, dass das Abwickeln von persönlichen Fragen und Dingen übers Internet zu einem Gefühl der Einsamkeit beiträgt.“ Doch dieses Gefühl hätten oftmals auch Leute, die eigentlich Familie, Freunde und ein starkes Umfeld hätten. „Von dem Gefühl, es online doch nicht direkt mit Menschen zu tun zu haben, profitiere ich.“ So seien Buschs Besucher*innen bunt durchmischt: Frauen und Männer, Junge und Alte suchen ihn auf.

„Und seien es nur zwei Sätze“

Inzwischen sind die Medien auf den Erzählkiosk aufmerksam geworden. Gestern schob der Postbote den ersten Brief unter dem Türschlitz hindurch. Aus dem Umschlag purzelten begeisterte, lobende Worte eines Fans und ein Fünf-Euro-Schein zur Unterstützung. Manche Menschen senden Busch auch Wortwitze. „Ohra et labora“, sagt er und grinst. Zum Teil bekommt der Kioskbesitzer ganze Geschichten per E-Mail zugeschickt. Doch das sei nicht Sinn der Übung, meint der Drehbuchautor. „Wenn jemand seine Geschichte bereits toll formulieren kann, dann braucht er oder sie mich nicht. Ich suche nicht unbedingt großartige Erzählungen, sondern freue mich, wenn jemand hier sitzt und zum ersten Mal einen Gedanken zulässt, der noch nicht in der Welt war. Das ist toll.“

Ich möchte, dass die Leute kommen, die sich bisher nicht trauen. Diejenigen, die meinen, dass sie nicht reden können.“ – Christoph Busch

Busch sitzt nun bereits die achte Woche in seiner Schreibstube. 25 Geschichten hat er bereits erfasst, die „wirklich besonders“ sind. Was er daraus machen wird? Sicherlich ein Buch. Doch die Form und die Verknüpfung der Erzählungen hängen bisher noch in der Schwebe. Vor allem ein Kapitel komme dem Drehbuchautor viel zu kurz, und das ist die Frage: Was macht das Projekt eigentlich mit ihm selbst? Er weiß darauf noch keine Antwort. Sechs Monate geht sein Mietvertrag, Verlängerung offen. Für die nächsten Wochen wünscht sich Busch vor allem eines: „Ich möchte, dass die Leute kommen, die sich bisher nicht trauen. Diejenigen, die meinen, dass sie nicht reden können. Diejenigen, die denken, sie sind es nicht wert.“

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Busch springt von seinem Stuhl auf. Ein junger Mann, um die 18, blickt interessiert durch das Fenster. Busch macht die Tür auf.

– „Wollen sie mal vorbeikommen, ‘ne Geschichte erzählen?“
– „‘ne Geschichte erzählen? Ach sie wollen mir ‘ne Geschichte erzählen?“
– „Nein, ich nicht. Ich kenne keine Geschichten, aber ich sammle Geschichten.“
– „Ah, ok.“
– „Das muss nicht die große, runde Geschichte sein, sondern …“
– „Es war einmal?“
– „Nee, so muss das nicht sein. Es können auch zwei dumme oder kluge Sätze sein. Gefällt mir alles. Oder ein Erlebnis.“
– „Aber ich bin glücklich.“
– „Ich nehme auch Glück.“

Die Sätze fallen und rollen an, die zwei Männer reden, die U-Bahn rattert vorbei wie ein übergroßer Sekundenzeiger. Da lehnt ein Mensch am Türrahmen und schenkt dem anderen Menschen Zeit. Die zwei stehen nicht einmal im Häuschen, sondern an seiner Schwelle. Und wenn der Geschichtensammler aus Hamburg sein Ohr nicht verschließt, dann hört er wohl noch heute zu.