Ich pfeife auf eure Selbstoptimierung

Unsere Autorin beobachtet in der Bahn Jugendliche, die Influencer*innen auf Instagram feiern. Und denkt sich: Ich bin zu alt für den Scheiß. Ein Kommentar

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Mir egal, wie dein Superfood aussieht. Foto: Daria Shevtsova / Pexels | CC0

„Du, sage mal … wie funktioniert das eigentlich genau mit diesem Instagram?“ fragt mich meine Mutter. Für ihre 70 Jahre wippt ihr blonder Bob doch sehr modisch hin und her. Ihr Gesicht verrät Interesse und Irritation. Gleichzeitig. WhatsApp ist ja mittlerweile in der Generation 65+ Gang und Gäbe, wenn da nicht sofort die blauen Häkchen auftauchen, gibt’s ’nen besorgten Kontrollanruf. Aber über meine Mutter und ihre technischen Fähigkeiten berichte ich ein anderes Mal mehr.

„Instagram? Naja, das ist sowas wie Facebook. Auch ein soziales Netzwerk. Aber da kann man nur Fotos posten“, das mit den Instastorys lasse ich bewusst unter den Tisch fallen. Bei meiner Mutter fahre ich seit Jahren erfolgreich eine Salamitaktik frei nach Christian Wulff.

„Ach so … na weil die ganzen Promis posten doch immer so viel. Sehe ich bei Leute heute immer. Und warum machen die das?“, meine Mutter ist bereits an der Grenze ihres Interesses, das sehe ich am Stirnrunzeln. Emotional ist sie auf jeden Fall schon ganz woanders. Wir handeln das Thema schnell ab, schließlich muss Mutter noch dringend erzählen, was die Marianne von nebenan neulich über Hartmanns berichtet hat.

Ich schiele gern heimlich auf andere Displays

Ich sitze in der U-Bahn zurück nach Hause. Meine Eltern wohnen weit südlich im beschaulichen Stadtteil Rudow, das ist eine Einfamilienhausgegend kurz vor der Stadtgrenze. Das Berlin, das man aus dem Fernsehen kennt, hat mit Rudow gar nichts zu tun.

Neben mir sitzen drei Mädchen im Teenageralter, sie scrollen sich zombiesk durch Instagram-Newsfeeds. Kreativ gestaltete Gelnägel klackern geübt. Ein schwerer Geruch von Vanilleparfum umgibt die jungen Frauen. Ich weiß, man macht das nicht, aber ich schiele gerne heimlich auf andere Displays. Auf dem meiner Sitznachbarin sehe ich glückliche, schlanke, junge Frauen. Sie essen Quinoa-Bowls, genießen Proteindrinks und sind stark sportlich, pflegen ihr Haar. Bilder im kalifornischen Sonnenschein, fast computeranimiert.

Ich mach da nicht mit.

Ich kann die abgebildeten Frauen nicht auseinanderhalten. Alle die gleichen Lippen. Die Augen der Teenagerinnen glänzen verzückt. Gegenseitig zeigen sie sich die neusten Posts der aktuellen Influencerinnen. Begeistertes Kieksen schallt durch die Bahn.

„Boah, die hat voll schöne Wimpern, oder!?“

Aha.

Später steige ich in den Bus um, es ist eine weite Reise aus Rudow zurück in die Zivilisation. Vor mir sitzt eine Gruppe halbstarker Jungs, jeder versucht, sehr männlich zu wirken. Manspreading, Daunenjacken mit Fellkragen, Jogginghosen. Vier verschiedene Sorten Axe machen den Bus zu einem olfaktorischen Festival der Pubertät. Gleiches Phänomen, anderes Geschlecht.

Mein Interesse ist geweckt. Was scrollt sich denn da über die Bildschirme der Smartphones? Instagram und TikTok sehe ich. Hauptsächlich Gangsta-Rapper, die sich in martialischen Posen üben. Da werden Muskeln gespannt, Shishas geraucht und fette Autos präsentiert. Die jungen Männer schwanken zwischen Neid und Fandom.

„Krasser Bizeps, weißt du, was ich mein? Der kriegt jede, Bro!“

Aha.

Alle kopieren alle

Nachdenklich verlasse ich den Bus und schlurfe die Potsdamer Straße runter zu meiner Wohnung. Meine Aufmerksamkeit ist sehr geschärft, ich inspiziere. In der leicht zu beeinflussenden Altersgruppe von zwölf bis 19 Jahren kopiert eigentlich jede*r jede*n. Daher kommt dann wohl auch das Wort Influencer, ich habe eine Erleuchtung. Der blasse Anton kopiert den breiten Burak, Burak kopiert Fitness-Instagramer Tim, der wiederum Capital Bra kopiert. Der hat nämlich ein neues YouTube-Video on und ist Rapper.

Alina und Sarah kopieren Schmink-Uschi Shirin, Shirin kopiert den Look von Cardi B, die kopiert das Contouring von Kim Kardashian. Und so weiter. Kim Kardashian wird von Schminkboys auf YouTube kopiert. Die Schminkboys vermarkten dann eigene Lidschattenpaletten, die wiederum von amerikanischen Drags gekauft werden, diese Looks kopieren dann deutsche Drags. Und somit landet dann die ganze Scheiße bei mir.

So viele Vorgaben, so viele Ideale, mit denen man sich vergleichen muss.

Ich mach da nicht mit. Ich bin bockig. Ich bin 40. So viele Macho- und Tussi-Archetypen tummeln sich auf der Potsdamer Straße, ich lege einen Zahn zu, fühle mich von einer Art Gender-Rollback verfolgt. Erschöpft erreiche ich mein Haus. Nebenan frohlockt ein Nagelstudio (immer voll), gegenüber der Herrenfriseur (immer voll).

Es geht um Äußerlichkeiten. Muskeln, Lippen, Wimpern. Dreimal die Woche zum Fitness, Food-Blogs wissen, was du essen solltest. So viele Vorgaben, so viele Ideale, mit denen man sich vergleichen muss.

Ach, Jurassica. Sei nicht so. Ich höre mich an wie meine Mutter. Ist das ein Generationending? Verdammt. Oh je, ich werde tatsächlich alt und schreibe über „die Jugend“. Kacke. Ich muss damit aufhören. Interesse und Irritation, da sind wir wieder bei meiner Mutter und so schließt sich der Kreis.

Erschöpft erklimme ich meine 100-Quadratmeter-Dachgeschosswohnung und setze mich vor meinen 27-Zoll-iMac, auf dem ich diesen Kommentar schreibe. Mit 40 muss man sich eben andere Statussymbole suchen, da reichen Haare und Lippen nicht mehr aus. Ich greife zum Telefonhörer, werde meine Mutter anrufen und mich für den schönen, unaufgeregten Nachmittag bedanken.

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