Ich schäme mich fürs Fliegen – und ihr solltet das auch

Warum unsere Autorin ab jetzt am Boden bleibt. Ein Kommentar

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Wir sollten lieber Bahn fahren! Foto: Madeleine Ragsdale / Unsplash | CC0

Gerade erst bin ich geflogen. Ganz ungünstig lagen zwei Recherchetermine – einer ging in Köln bis spätabends, der andere schon am nächsten Vormittag in Bologna los. Verschieben war nicht möglich, der Job in Italien war wichtig und das Geld konnte meine Familie gut gebrauchen. Also flog ich.

Mit zwei ganz großen Unterschieden zu früher: Ich suchte zuerst lange und vergeblich nach einer passenden Nachtzugverbindung. Und: Ich hatte ein verdammt schlechtes Gefühl dabei. Das, obwohl der Flug nur 70 Euro kostete und ich sogar inklusive CO2-Ausgleich gegenüber der Bahnfahrt mindestens zwei Drittel gespart hatte.

Statt am Flughafen das Jetset-Gefühl zu genießen, betrachtete ich meinen Boardingpass trotzdem mit einem extrem miesen Gewissen. Denn ich weiß ja, dass ich damit zu einer globalen Minderheit von nur fünf Prozent der Weltbevölkerung gehöre, die in diesem Jahr ein Flugzeug betreten wird – und damit für hundert Prozent der Menschen den Planeten ein bisschen unwirtlicher macht. Mit meinem asozialen Verhalten trage ich zu zwei Prozent der globalen CO2-Emissionen bei, und meine Ausrede dafür ist eher schwach.

Wäre die allgemeine Flugscham noch größer, hätte ich den zweiten Termin wohl abgesagt. Noch habe ich aber seit Greta Thunbergs mehrtägiger Zugfahrt von Stockholm zum Weltwirtschaftsgipfel in Davos nur diesen privaten Vorsatz: Ich bleibe ab jetzt am Boden.

Flugscham heißt Verantwortung übernehmen

Şeyda Kurt schrieb in einem ze.tt-Kommentar kürzlich, so eine Ansage könnten eigentlich nur privilegierte Weiße mit zu viel Zeit und Geld machen. Sie zählt sich als Kind von türkischen Immigrant*innen nicht zu dieser Art von Klimaschutzbewegung: „Ich fliege regelmäßig, auch im Inland. Ganz ohne schlechtes Gewissen.“

Natürlich fühle ich mich ertappt: Genau zu den links-grünen, weißen und privilegierten Akademiker*innen gehöre ich. Der angestrebte Flugverzicht bedeutet für mich nur, dass es zum Surfen mit den Kindern eben künftig nicht nach Bali, sondern mit dem Zelt an die Atlantikküste gehen wird. Oder dass ich die Strecke Innsbruck-Berlin beruflich nicht mehr über Wien fliege, sondern morgens um sieben in Hannover aus dem Nachtzug stolpere und noch mal eineinhalb Stunden mit dem Zug weiterfahre. Trotz akuter Klimakrise bleibe ich nicht jeden Sommer auf Balkonien. Man sollte sich also tunlichst auch beim Flugverzicht nicht zu fest auf die eigene Schulter klopfen – selbst wenn die Österreichische Bundesbahn ihre Kund*innen auf jedem Ticket als Klimaheld*innen feiert.

Ich halte die #flygskam, den schwedischen Begriff für die Scham bei Flugreisen, dennoch für eine gute Erfindung des jungen Umwelt- und Klimaaktivismus. Bahnfahren war all die Jahre etwas für Loser*innen, die sich keinen Flug leisten konnten oder zu doof waren, im Internet einen Billigflieger zu buchen. Plötzlich ist es ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein und Stil.

Das Gegenteil von solcher Distinktion ist die Scham, die Menschen über die Grenzen von Einkommen oder Status hinaus empfinden können. Kritiker*innen halten sie für problematisch, weil sie uns lähme und kein positives Handeln ermögliche. Ich halte sie hingegen für den Leim, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Man muss die moralische Basis der Schande nur regelmäßig überprüfen und der Realität anpassen – das geschieht beim Fliegen erst jetzt.

Viele Menschen fänden es zum Beispiel bestimmt toll, wenn sie schamlos in der Öffentlichkeit Nasebohren dürften. Sie schaden damit allen anderen Menschen viel weniger, als wenn sie ein Flugzeug besteigen. Und doch rät der Benimmratgeber Knigge statt Nasebohren zu „einem flotten Spaziergang an der frischen Luft“, um die Schleimhäute zu befeuchten. Zum Fliegen gibt es auch allerhand Empfehlungen – vom rücksichtsvollen Verstellen der Sitzlehne bis zum erlaubten Ausziehen der Schuhe. „Pusten sie nicht verbrannte Kerosin-Partikel in die Atmosphäre. Das verhagelt Menschen im Existenzkampf auch noch ihre Ernten, flutet deren Lebensraum und versalzt ihr Grundwasser“ steht aber nicht drin. Obwohl die #flygskam schon um sich greift, gewinnen Vielfliegende gesellschaftlich gegenüber den Popelnden immer noch. Ich finde, das muss sich schleunigst ändern.

Wer arm ist, wird vom Klimawandel härter getroffen

Der deutsche Soziologe Harald Welzer gibt mir in seinem neuen Buch Alles könnte anders sein zwar nicht explizit in punkto Popel Recht – findet aber den gesellschaftlichen Status, den das Fliegen und nebenbei auch das deutsche Auto bisher hatte, mindestens so verrückt wie ich: „Vielflieger, Vielfahrer und Vielreisende genießen hohes Sozialprestige, weil sie so viel unterwegs sind, also den größten Weltverbrauch haben. Sie bekommen Bonusmeilen, Lounge-Zutritt, Prämien. Die Ärmsten gehen zu Fuß und bekommen nichts dafür, obwohl sie der Welt am wenigsten schaden.“

Ich glaube leider nicht, dass wir diese Ungerechtigkeit jemals umkehren werden, indem wir ein Menschenrecht aufs Fliegen für benachteiligte Personen ausrufen. Niemand möchte sich selbst zu den Privilegierten zählen. Nicht die Autorin Şeyda Kurt und noch nicht einmal jene, die mit 126.000 Euro Jahreseinkommen zu dem einen Prozent der reichsten Deutschen zählen. Die Grenze ließe sich also kaum ziehen und wir lieferten damit allen ein Argument für unbeirrtes Abheben.

Die wahre soziale Schieflage ist für mich darum nicht, wer künftig noch fliegen kann und wer nicht. Sondern, wer die Folgen von Starkregen oder Dürre und extremer Hitze als Erstes ertragen muss.

Wenn wir jedoch zu Gunsten der Bequemlichkeit einer sehr kleinen Weltelite am Fliegen in dieser Form festhalten – unbesteuert und unbegrenzt –, werden die Folgen der Klimakrise noch schneller eintreten. Wir alle haben in der vergangenen Woche das Bild von Huskies gesehen, die statt über Grönländisches Eis ihren Schlitten durch Schmelzwasser ziehen. Und wir haben gelesen, dass der Permafrostboden in Kanada nun doch schon siebzig Jahre früher auftaut als erwartet. Die wahre soziale Schieflage ist für mich darum nicht, wer künftig noch fliegen kann und wer nicht. Sondern, wer die Folgen von Starkregen oder Dürre und extremer Hitze als Erstes ertragen muss. Der Leiter des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer sagt dazu: „Wer reich ist, kann sich höhere Versicherungskosten gegen Starkregenschäden oder den Strom für die Kühlung der eigenen Wohnung gut leisten. Wer arm ist, den trifft der Klimawandel viel härter. Nicht nur in Bangladesch, auch bei uns.“

Sozial ist am demokratisierten, billigen Fliegen darum höchstens das gemeinsame Warten am Economy-Check-In. Die zunehmende Fliegerei bedeutet ja auch, dass Menschen, deren billige Wohnungen in Flugschneisen liegen, noch stärker unter den gesundheitlichen Schäden von Lärm leiden. Dass noch weitere Flugbegleiter*innen in prekären Arbeitsverhältnissen schwere Trolleys durch die Gänge schieben. Und dass Billigflieger-Städte immer mehr Tourist*innen anziehen, die kaum nachhaltige Entwicklungen bringen, aber zuverlässig für die Ärmsten das Wohnen in der Stadt unerschwinglich machen.

Wer sich beim Fliegen in moralischer Sicherheit wiegt, weil er sich gegenüber weißen Grünwähler*innen benachteiligt fühlt, sollte beim Abheben also nicht vergessen, dass er*sie dabei viele noch schlechter gestellte Leute unter sich zurücklässt. Fischer*innen auf der Pazifikinsel Kiribati ist es wahrscheinlich ziemlich egal, ob all die Passagier*innen in den Flugzeugen migrantische Arbeiter*innenkinder auf ihrem Flug in die alte Heimat sind – oder ob sie in jeder Lufthansa Lounge der Welt mit Vornamen begrüßt werden. Ihr Haus geht wegen beiden schneller unter.

Flugverzicht ist erst der Anfang

Natürlich ist es ungerecht, dass viele Leute jetzt nicht mehr nachholen sollen, was Besserverdienende all die Jahre genossen haben. Und doch sollten wir im Sinne unseres Überlebens auf dem Planeten hoffen, dass in Indien zum Beispiel weiterhin rund 300 Millionen Menschen kein Fleisch essen möchten und sie nicht auch auf die Idee kommen, jeden Tag Schnitzel in der Kantine wäre doch was Feines.

Wer weiter fliegen möchte, weil Zementindustrie, Containerschiffe oder Kohlekraftwerke ja noch schädlicher sind, vergisst dabei etwas Wichtiges: All das existiert nur, um unseren bequemen, industrialisierten Lebensstandard zu sichern. Die ganze böse Wirtschaft, das sind wir.

Nicht nur das Fliegen, auch unser alltäglicher Konsum wurde in den vergangenen Jahrzehnten in hohem Maße demokratisiert. Jetzt müssen wir diesen Standard den Menschen wieder wegnehmen, wenn wir überleben wollen: Wir sollten nicht nur aufs Fliegen verzichten, sondern auch unsere Wohnungen verkleinern, keine Klamotten aus Asien mehr kaufen und weniger tierische Produkte essen. Gebildete Grünwähler*innen dürfen das gern vormachen, denn sie müssen im Vergleich zu Menschen mit weniger Einkommen viel stärker ihren großzügigen Lebenswandel umstellen.

Das Schöne am allgemeinen Flugverzicht ist aber, dass wir ausgerechnet bei diesem vergleichsweise seltenen Ereignis einen unvergleichlich großen Hebel umlegen können: Auf einem Flug von Berlin nach Istanbul und zurück verursacht man laut dem CO2-Rechner von Atmosfair persönlich rund 0,85 Tonnen Kohlenstoffdioxid-Ausstoß. Bei nur einer Tonne pro Jahr sollte unser persönliches Limit liegen, wenn wir das Ziel von maximal zwei Grad relativer Erderwärmung noch einhalten wollen. Dieser Flug lässt sich also kaum vertreten. Wenn nun aber in Istanbul die Oma im Sterben liegt – wer möchte jemandem verbieten, so schnell wie möglich hinzufliegen?

Die 50-Stunden-Woche passt einfach nicht in eine Welt mit Klimakrise

Um manche solcher Ausnahmefälle auch künftig zu ermöglichen, sollten wir anderen uns planmäßig beschränken, wann immer es nur irgendwie geht. So zeigen wir den politischen Entscheider*innen, dass wir bereit sind, unsere Privilegien aufzugeben – und drücken grundlegende, gesellschaftliche Veränderungen von unten durch.

Denn ich glaube: Je mehr Menschen aus Verantwortungsgefühl am Boden bleiben, desto eher werden sich die Grünen mit ihrer Forderung für ein europäisches Nachtzugnetz durchsetzen. Desto ernsthafter werden wir über eine CO2-Steuer sprechen, die womöglich saubere Antriebe rentabler macht und verträgliche Verkehrsmittel so querfinanziert, dass sie für bedürftige Menschen günstiger werden.

Je mehr wir die gesellschaftlich akzeptable Dauer einer Reise wieder ausdehnen, desto schneller werden wir das Verhältnis von Arbeits- zur Lebenszeit verändern. Denn natürlich trifft Şeyda Kurt ins Schwarze, wenn sie schreibt, dass Menschen mit einer 50-Stunden-Woche und wenigen Tagen Urlaub im Jahr eine Abkürzung in der Luft verdient haben. Ich glaube nur, dass ein Billigflug hin und wieder dieses grundlegende Problem nicht lösen kann. Sondern, dass die 50-Stunden-Woche einfach nicht in eine Welt mit Klimakrise passt.

Nutzen wir doch die Debatte über das Fliegen, um genau solche existenziellen Fragen zu verhandeln. Aber passen wir unser soziales Verhalten trotzdem bitte schnellstmöglich an die Realität der Klimakrise an: Wir dürfen mobil sein und uns begegnen, aber wir sollten unschuldigen Menschen dabei nicht das Leben ruinieren. Man muss kein*e Klimaheld*in sein, um das fair zu finden.

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