#IchbinkeinVirus: „So offenen Rassismus wie in Corona-Zeiten habe ich noch nie erlebt“

Seit dem Ausbruch des Coronavirus sind südostasiatische und südostasiatisch gelesene Menschen vermehrt Rassismus ausgesetzt. Einige von ihnen berichten hier von ihren Erfahrungen. Vier Protokolle

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Ich bin kein Virus. Illustration: © Elif Küçük / ze.tt

Krisen führen oft dazu, dass marginalisierte Personen verstärkt diskriminiert und entmenschlicht werden. In der Corona-Pandemie kommt es derzeit weltweit täglich zu Ausgrenzungen, Beschimpfungen und sogar physischen Angriffen auf südostasiatische und südostasiatisch gelesene Menschen. Pauschal werden sie als Krankheitsträger*innen definiert, die Gefahr durch das Virus auf diese Weise personifiziert.

Dabei leben auch altbekannte Feind*innenbilder gegen südostasiatische Menschen auf. Beispielsweise wenn das Nachrichtenmagazin Der Spiegel titelt Coronavirus – Made in China und dabei die Schlagzeile in gelber Schrift abdruckt. Zu Kolonialzeiten wurden Chines*innen als „gelbe Gefahr“ bezeichnet.

Vier Menschen haben uns von rassistischen Erfahrungen berichtet, die sie in der Corona-Krise machen mussten.

Mai-An Nguyen, Theaterpädagogin

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Mai-An Nguyen. Foto: © Albrecht Klink

Auf einmal habe ich sehr viel Platz in öffentlichen Verkehrsmitteln, selbst in eigentlich sehr vollen Bussen und Bahnen. Und Leute setzen sich weg, letztens auch bei meiner Frauenärztin. Im Wartezimmer standen die Stühle schon recht weit auseinander, aber als ein Stuhlpaar frei wurde, rückte ein Mann mit seiner schwangeren Frau weiter von mir ab. Er hatte mich schon die ganze Zeit beobachtet.

Es ärgert mich, dass ich mitdenke, dass andere Angst vor mir haben könnten.

Mai-An Nguyen

Auch auf dem Spielplatz mit meinem Sohn werde ich sehr beäugt. Ich habe keine Lust, die Leute damit zu konfrontieren oder auf irgendwelche dummen Gespräche. Jedes vermeintliche Argument, das da kommen würde, wäre unsinnig. Ich habe nicht die Kraft, dem entgegenzutreten. Stattdessen komme ich plötzlich in den Modus, dass ich noch mehr Acht gebe, wie ich mich bewege. Dass ich mich fast selbst als Gefahr lese. Ich halte viel Abstand und habe immer meinen Mundschutz dabei. Es ärgert mich, dass ich mitdenke, dass andere Angst vor mir haben könnten und mich so zu verhalten versuche, dass sie das nicht müssen.

Früher haben regelmäßig Grenzüberschreitungen stattgefunden. Rassistische Erfahrungen haben sich oft auf mein Frausein bezogen: „Du bist so exotisch“ und „Ich steh‘ auf Asiatinnen.“ Oder ganz Banales, wo man merkt, dass es aus einer totalen Unbedarftheit dieser Menschen herauskommt – zum Beispiel die Frage, ob ich Hunde esse. Jetzt werde ich in der Öffentlichkeit isoliert.

Victoria Kure-Wu, User Experience Designer

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Victoria Kure-Wu. Foto: © privat

Einige Meter von meiner Haustür entfernt wurde ich mit den Worten „Dich müsste man mit Sagrotan einsprühen, ich hab nur grad keins dabei“ bedroht. Etliche Male wurde mir „Corona“ hinterhergerufen und in der Bahn setzten sich Menschen von mir weg. Ich gehe angespannter durch die Straßen, weil ich permanent damit rechne, angefeindet zu werden. Durch diese Erfahrungen und das rassistische Framing in den Medien stellt sich eine emotionale Gelähmtheit ein. Ich bin noch mal die Überschriften durchgegangen, die im Kontext mit Bildern von asiatisch gelesenen Menschen gesetzt wurden. Mit Begriffen wie „Gefahr“, „Angriff“, „Schuld“, „Schaden“ in Verbindung gebracht zu werden, verletzt mich.

Es wäre schön, wenn Diversität nicht nur gelobt, sondern gelebt werden würde.

Victoria Kure-Wu

Unser Projekt Ich bin kein Virus war beim Hackathon der Bundesregierung das einzige von über 1.500 Projekten, das sich mit dem Thema Rassismus in Zeiten von Corona auseinandergesetzt hat. Die Jury war komplett weiß, wir haben es nicht einmal unter die Top 200 geschafft. Wir haben auf YouTube im Rahmen des Publikum-Votings sogar die meisten Dislikes erhalten und uns Beleidigungen anhören müssen. Der Veranstalter hat nichts unternommen.

Es wäre schön, wenn Diversität nicht nur gelobt, sondern gelebt werden würde. Ich möchte mir nichts von der Gesellschaft wünschen müssen, ich möchte selber mitmachen können oder wenigstens meine Bedürfnisse vertreten sehen.

Minh Thu Tran, Radiojournalistin und Podcasterin

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Minh Thu Tran. Foto: © Meklit Fekadu Tsige

Anti-asiatischer Rassismus ist kein neues Phänomen, das erst mit Corona aufkam, sondern hat eine lange Geschichte in Deutschland: von der Kolonialzeit, wo Chines*innen als „gelbe Gefahr“ bezeichnet wurden, über Straßennamen, die bis heute nach deutschen Militärs benannt sind, die an der Niederschlagung des Boxeraufstands 1900 beteiligt waren, das Chines*innenviertel auf St. Pauli, das im Nationalsozialismus zerschlagen wurde, bis zur Behandlung vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen in der DDR und rassistischen Anschlägen wie in Rostock-Lichtenhagen oder auch dem Brandanschlag auf ein Geflüchtetenheim in Hamburg 1980, bei dem zwei vietnamesische Boatpeople starben.

Anti-asiatischer Rassismus ist kein neues Phänomen, sondern hat eine lange Geschichte in Deutschland.

Minh Thu Tran

So offenen Rassismus auf der Straße wie in Corona-Zeiten, die Dimension und auch die Feindseligkeit, habe ich aber noch nie erlebt.

Ich fand sehr bezeichnend, wie in Deutschland lange diskutiert wurde, ob Masken etwas bringen oder nicht. Man hat gar nicht nach Asien geschaut, als möglichen Ort, um zu lernen. Die Kultur, dass in der Öffentlichkeit vermehrt Mundschutz getragen wird, hat sich dort auch erst nach dem SARS-Virus durchgesetzt. Viele Asiat*innen in Deutschland haben berichtet, dass sie Angst haben, mit Mundschutz rauszugehen, weil sie dann noch mehr als vermeintlich Kranke markiert sind. Ich hatte selbst ein Erlebnis mit Mundschutz auf der Straße, als es hier noch keine Pflicht war und wurde prompt beschimpft. „Ah, schon wieder so eine, die das Zeug hier rübergeschleppt hat“, hat der Mann zu mir gesagt. Ich habe für mich entschieden, so wenig wie möglich draußen unterwegs zu sein, sobald die Sonne untergegangen ist.

Von weißen Menschen ist schon Betroffenheit zu spüren, aber die größte Solidarität habe ich von People of Color erfahren – teils auch ein bisschen problematisch, wenn zum Beispiel gesagt wird: „Oh, jetzt erlebt ihr Asiat*innen das auch mal.“ Alle nicht-weißen Menschen erfahren in Deutschland Rassismus – das sind verschiedene Perspektiven, die gehört werden müssen. Ich finde schwierig, wenn das gegeneinander ausgespielt wird.

Thi Minh Huyen Nguyen, freie Autorin und Studentin der Medienwissenschaft

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Thi Minh Huyen Nguyen. Foto: © Pim Rinkes

Ich wurde einige Mal mit „Corona“ beschimpft, im Bus und in der U-Bahn angehustet und ausgelacht. Von anderen Deutschen mit internationaler Geschichte erfahre ich Solidarität – wohingegen viele weiße Bekannte sich enthalten und still beobachten. Das finde ich persönlich sehr enttäuschend. Nur weil es sie nicht betrifft, heißt es nicht, dass es nicht auch ihre Verantwortung ist, für mehr Gerechtigkeit einzustehen. Ich wünsche mir, dass wir über Rassismus sprechen, gemeinsam (ent-)lernen und unseren BIPOC-Freund*innen zuhören.

Ich fordere ein, dass Rassismus nicht nur Thema für Menschen mit Migrationsgeschichte ist.

Thi Minh Huyen Nguyen

Es gibt den Begriff Model Minority. Das heißt, es wird uns Asiat*innen das Narrativ aufgesetzt, dass wir die besseren Migrant*innen seien, die sich nicht widersetzen, gute Studierende oder Arbeiter*innen seien und uns sozusagen dem kapitalistischen und eurozentristischen Ideal unterwerfen würden. In der Vergangenheit wurde ich in der Stadt, in der ich aufwuchs – einer mehrheitlich weißen Gesellschaft – so sozialisiert, dass ich unsichtbar und gut assimiliert sein sollte. Natürlich habe ich rassistische Angriffe und Anfeindungen erlebt, von Kindheit an. Aber erst sehr spät konnte ich diese als solche identifizieren und benennen. Momentan habe ich das Gefühl, dass durch den Anstieg des Rechtsextremismus und durch Corona in unserer Gesellschaft die Menschen einfach viel offensichtlicher und aggressiver rassistisch sein dürfen.

Ich fordere ein, dass Verantwortung übernommen wird, dass Rassismus nicht nur Thema für Menschen mit Migrationsgeschichte ist, sondern es Bestandteil des Schulunterrichts ist, weiße Menschen sich bewusst werden, welche Privilegien sie haben und dass sie mithelfen können, eine gerechtere Zukunft zu schaffen. Das fängt im Privaten an und geht über ins Öffentliche.

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