Ihr wohnt schon lange zusammen? Dann wird eine Hochzeit immer unwahrscheinlicher

Das ist zumindest das Ergebnis einer britischen Studie. Davon sollten wir uns allerdings nicht zu sehr beeindrucken lassen.

liebe-corona-hochzeit
Wie wichtig ist so ein Trauschein überhaupt? Foto: Thought Catalog / Unsplash | CC0

Für die meisten Paare steht die Frage über kurz oder lang im Raum: Wollen wir nicht zusammenziehen? Denn irgendwann wird das Rumschleppen von Klamotten und das Vergessen von Ladekabeln zu nervig und die Vorstellung, sich jeden Abend ohne Umweg in den Armen liegen zu können, einfach zu verführerisch.

„Wir wollen zusammenziehen“ gilt als wichtiger Schritt in einer Beziehungsbiografie. Zusammenwohnen heißt was. Wer zusammenzieht, sagt: Lass uns zusammenbleiben.

Für unsere Großeltern stellte sich diese Frage gar nicht. Denn damit, einem unverheirateten Paar eine Wohnung zu überlassen, machte man sich Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch strafbar. Eine Heirat war Voraussetzung für eine gemeinsame Wohnung. Aber seitdem ist viel passiert. Nicht nur die Gesetzeslage hat sich geändert, auch gesellschaftliche Tabus sind gefallen. „Wilde Ehe“ wird von den wenigsten noch als sonderlich wild angesehen. Eine Heirat ist für viele Paare nicht mehr der verbindliche letzte Schritt auf der Beziehungsleiter. Knapp drei Millionen Paare leben in Deutschland unverheiratet zusammen, knapp 35 Prozent aller Kinder werden in nicht-ehelichen Verhältnissen geboren.

„Wir brauchen keinen Trauschein für unsere Liebe“ ist dabei eine Erklärung, die immer wieder fällt, wenn man mit unverheirateten Paaren spricht. Aber eine neue Studie aus Großbritannien weist in eine andere Richtung: Vielleicht macht ein Trauschein eine Liebesbeziehung ja doch stabiler.

Die Studie wurde von Steve McKay von der University of Lincoln und Harry Benson von der Marriage Foundation, einer Denkfabrik für Familienpolitik, durchgeführt. Sie analysierten Daten von 25.000 zusammenlebenden Paare in Großbritannien: Was passierte mit diesen Paaren über einen gewissen Zeitraum, wenn sie heirateten und wenn sie nicht heirateten?

Wer zügig zum Standesamt ging, blieb länger zusammen

Dabei stellte sich heraus, dass die Wahrscheinlichkeit zu heiraten sinkt, je länger ein Paar zusammenwohnt. Fünf von zehn Paaren, die bis zu einem Jahr zusammengewohnt haben, haben in Folge geheiratet, wohingegen drei von zehn Paaren, die zehn Jahre zusammengelebt haben, noch heirateten.

Wer zügig zum Standesamt ging, blieb länger zusammen: Paare, die heirateten, aber weniger als ein Jahr zusammengelebt hatten, hatten eine 75-prozentige Chance in den nächsten zehn Jahren zusammenzubleiben – im Gegensatz zu 23 Prozent, wenn sie nicht heirateten. Paare, die schon acht bis neun Jahre zusammenlebten, konnten die Wahrscheinlichkeit, zusammenzubleiben, durch eine Heirat erhöhen. Und zwar um 95 Prozent.

„Die Studie zeigte außerdem, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Paar entweder heiratet oder sich trennt, im zweiten oder dritten Jahr des Zusammenlebens am höchsten ist“, heißt es weiter.

Mit Zweijahresplan zum Happy End?

Sollten sich Paare also für diesen Zeitpunkt eine Deadline setzen? Entweder Standesamt oder Trennung? Laut Harry Benson keine ganz schlechte Idee. Seine Publikation zu dem Thema trägt sogar den Titel Commit or Quit (etwa: „Leg‘ dich fest oder trenne dich“), denn für ihn sprechen die Zahlen eine eindeutige Sprache. Die Dauer einer Beziehung sage nichts über ihre Stabilität und das Abwarten bis zu einem Zeitpunkt, an dem man sich vermeintlich sicher sein könne, sei eher Augenwischerei:

„Unsere Forschung zeigt die Risiken [des Zusammenziehens] auf: Dass die Wahrscheinlichkeit, zusammenzubleiben, nicht mit der Zeit höher wird und dass die Wahrscheinlichkeit, eine langfristige Bindung einzugehen [zu heiraten], sogar mit der Zeit sinkt.“

Benson rät, dass junge Paare sich einen klaren Plan machen: Wenn sie zuverlässig lieben wollen, sollten sie sich an die Zweijahresregel halten. Wenn nach dieser Zeit keine Entscheidung für eine Hochzeit anstehe, könne man davon ausgehen, dass die Bereitschaft für langfristiges Sich-Aufeinander-Einlassen fehle.

Immer wieder zeigt uns die Forschung, dass – so anziehend Zusammenleben ohne Trauschein für viele auch sein mag – es langfristig risikoreich ist.

Paul Coleridge, Marriage Foundation

Paul Coleridge, der Gründer der Marriage Foundation, ergänzt: „Immer wieder zeigt uns die Forschung, dass – so anziehend Zusammenleben ohne Trauschein für viele auch sein mag – es langfristig risikoreich ist. Nicht nur, dass die Beziehung dann ein dreimal so hohes Risiko zu scheitern hat wie eine Ehe. Wir haben auch festgestellt, dass ab einer gewissen Zeit die Wahrscheinlichkeit für eine längerfristiges Commitment sinkt.“

Also bloß schnell heiraten, um die Beziehung nicht zu gefährden? Diese Zahlen wirken auf den ersten Blick beeindruckend. Aber wir sollten uns von der Heiratslobby auch nicht verrückt machen lassen. Denn: Man könnte die Zahlen zwar so lesen, dass eine Ehe ein Paar stabil macht. Man könnte aber auch schließen, dass nur die Paare geheiratet haben, die eh schon stabiler waren, deren Beziehungen also auch ohne Eheversprechen länger gehalten hätten. Erkennen, welche Auswirkungen die Ehe auf die Beziehungsdauer hat, können wir so also nicht.

Heirat als Prüfstein?

Aber kommen wir noch einmal zurück zur Zweijahresregel. Laut Benson sollten sich Menschen in Beziehungen nach zwei Jahren fragen, ob beide genug Bereitschaft für eine längerfristige Bindung haben. Heirat als Prüfstein für eine Beziehung: Wer nicht bereit ist, zu heiraten, offenbart also zu wenig Engagement?

Normalerweise sollte ein Trauschein nichts an einer Partnerschaft ändern.

Diana Boettcher

Es gibt viele Menschen, die das durchaus ähnlich sehen. So erklärt Charlotte, eine der Personen, mit denen wir über Was macht Heiraten mit einer Beziehung? gesprochen haben, dass der Sicherheitswunsch für sie durchaus eine Rolle gespielt hat: „Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich auch geheiratet, weil sich das für mich irgendwie noch eine Ecke sicherer anfühlt. Ich weiß natürlich, dass eine Ehe keine Garantie für eine lebenslange Beziehung ist. Aber ich wünsche mir schon, dass es das jetzt war.“

An der Bindung sollte sich nichts ändern

Dabei sollte sich eine Beziehung durch eine Ehe eigentlich nicht ändern, also auch nicht sicherer werden, wie die Paartherapeutin Diana Boettcher erklärt: „Normalerweise sollte ein Trauschein nichts an einer Partnerschaft ändern. Wenn das Paar sicher gebunden ist und warum auch immer heiraten möchte, sollte sich an der emotionalen Bindung nichts ändern.“

Aber natürlich kann der fehlende Wunsch zu heiraten trotzdem ein Indiz für fehlendes Vertrauen in eine Beziehung sein. Ein Schluss, den die Studie von Benson und McKay durchaus zulässt. Schließlich lehnen nicht alle Menschen die Ehe aus Überzeugung ab und latente Unsicherheit über die Stabilität der Partner*innenschaft lässt vielleicht vor dem Gang zum Standesamt zurückschrecken. Wer also die Zweijahresregel auf die eigene Beziehung anwenden möchte, könnte das durchaus tun und schauen, ob man gemeinsame Ziele und Wünsche hat.

Doch sollte man sich zugleich klar darüber sein, dass eine Ehe an sich keinen Triumph der dauerhaften Partnerschaft darstellt – Scheidungszahlen sprechen da eine sehr deutliche Sprache. Eine Ehe kann eine Beziehung nicht dauerhaft absichern und ist auch keine unkaputtbare Zusicherung der Liebe: „Denn eine Ehe ist ja nicht mit der Hochzeit vorbei. Man wächst, man arbeitet an sich und der Partnerschaft, es ist ein ständiges Kommunizieren und Synchronisieren“, sagt Paartherapeutin Boettcher.

Und das nicht nur nach zwei, sondern auch noch nach zehn Jahren.

Außerdem auf ze.tt