Illegale Partys in Berlin: „Es fällt einfach so schwer zu verzichten“

Vor zwei Wochen legte der Instagramer @crazyandwildboy bei einem U-Bahn-Rave auf. Da stieg die Zahl der Covid-19-Erkrankten schon wieder gefährlich. Er kann die Feierlust seiner Generation verstehen – auch wenn er den Rave bereut.

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Der Instagramer crazyandwildboy spielt Musik auf Pop-up-Partys in Berliner U-Bahnen. Ansteckungsgefahr: hoch. Foto: © crazyandwildboy

Dicht an dicht drängen sich die Leute in dem Berliner U-Bahnabteil. Sie stehen auf den Gängen, auf den Sitzplätzen, halten sich an den Stangen fest, um nicht runterzufallen. Sie springen und tanzen wie wild zur Musik. Viele tragen Maske, viele tragen sie unter der Nase, manche tragen keine, zwei Frauen knutschen.

Das Video, das der Instagram-Nutzer @crazyandwildboy am 27. September hochlädt, dauert nur 20 Sekunden. Zu diesem Zeitpunkt steigen die Fallzahlen in Berlin schon wieder deutlich an. Der Regierende Bürgermeister der Stadt, Michael Müller, hatte einen Tag zuvor strengere Kontrollen der Berliner Partyszene gefordert – insbesondere auch der illegalen Veranstaltungen. Dass geschlossene Räume entscheidend für das Infektionsgeschehen sind, ist längst bekannt. Warum feiern die jungen Menschen dennoch weiter?

Das haben wir den jungen Berliner @crazyandwildboy gefragt, den DJ des U-Bahn-Raves im September. Auf Instagram hat er über 8.000 Follower*innen, er postet ausschließlich Fotos und Videos von Partys in U-Bahnen und Innenhöfen. Der Instagramer will unerkannt bleiben, nicht mal sein Alter verrät er. Wie auf den Fotos und Videos seines Instagram-Profils trägt er während des Zoom-Gesprächs eine Skimaske.

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ze.tt: In den vergangenen Monaten hast du auf deinem Instagram-Account zwei Videos von wilden U-Bahn-Partys veröffentlicht. Du spielst die Musik und zeigst dich in den Videos auch selbst beim Feiern. Seither wirst du in den Boulevardmedien als „König der illegalen Raves“ gehandelt. Ein passender Titel?

Crazyandwildboy: Es gibt die Wahrheit, es gibt etwas, das nah an der Wahrheit ist, und es gibt die BILD-Zeitung.

Und was ist die Wahrheit? Die Videos sehen nach ziemlich hemmungsloser Feierei aus.

Auf keinen Fall bin ich der König der Corona-Partys. Während der Pandemie bin ich zweimal mit Freund*innen spontan in U-Bahn-Waggons gegangen und habe Musik gespielt. So entstanden die Pop-up-Partys, die man in den Videos sieht. Inzwischen weiß ich: Das war ein Fehler. Ich komme nicht aus der Club- oder Musikszene und würde mich auch nicht als DJ bezeichnen. Ich kenne mich nicht aus mit Musik, ich stelle zu Hause Playlists zusammen, ich suche Songs, die gute Stimmung machen und spiele sie dann von meiner Musikbox ab.

Fünf Stationen, dachte ich, möglichst spät, damit die U-Bahn leer ist.

crazyandwildboy

Crazyandwildboy ist eine Social-Media-Figur, die Inhalte wie zum Beispiel meine Instagram- oder TikTok-Videos produziert. Gute Raves zu organisieren, davon habe ich keine Ahnung, was man anhand der eskalierten U-Bahn-Partys ja gemerkt hat.

Nach dem letzten U-Bahn-Rave im August sagtest du dem Tagesspiegel, du würdest das nicht noch mal machen, der Rave sei ein Fehler gewesen. Jetzt hast du doch wieder einen organisiert. Also doch kein schlechtes Gewissen?

Doch. Ich bereue auch die zweite Party und das Video dazu. Noch mal: Das war ein Fehler. Ich habe nicht nachgedacht, mich zu sehr von meinen Emotionen leiten lassen. Aber anders als bei der ersten Party war es nicht meine Idee. Eine befreundete Person hat mich auf Instagram angeschrieben, einer von ihnen hatte Geburtstag und sie baten mich, etwas Musik von meiner Box zu spielen.

Alle fremden Leute, die mit in der U-Bahn waren, haben entweder mitgetanzt oder gefilmt.

crazyandwildboy

Fünf Stationen, dachte ich, möglichst spät, damit die U-Bahn leer ist. Alle müssen Masken tragen, schrieb ich der Person. Ich habe sowieso ein neues Video für meinen Account gebraucht, also bin ich mit meiner Musikbox losgezogen. Die Beschränkung auf maximal fünf Personen zwischen 23 und sechs Uhr galt in dieser Woche noch nicht. Aber natürlich hatte ich die Situation nicht unter Kontrolle.

War dir in dem Moment bewusst, dass du mit deinem Handeln andere Menschen in Gefahr bringen könntest?

Das war mir nicht wirklich bewusst. Ich war ja selbst da und habe mich nicht gefährdet gefühlt. Ich hatte auch nicht den Eindruck, dass sich jemand anderes bedroht gefühlt hat. Alle fremden Leute, die außer dem Freund*innenkreis in der U-Bahn waren, haben entweder mitgetanzt oder gefilmt. Die Situation wirkte nicht gefährlich. Mir ist klar, dass das ein Denkfehler ist. Der Freund*innenkreis hängt sowieso zusammen ab, dachte ich. Und, dass die U-Bahn um acht Uhr morgens oft genauso voll ist.

Foto: © crazyandwildboy

Stimmt, aber da sind die meisten Menschen nüchtern. Sie sitzen auf ihrem Platz. Sie tanzen und knutschen nicht. Und sie tragen Maske.

Natürlich. Letztlich ist es so: Jede*r, der*die sich bewusst entscheidet, einen illegalen Rave zu machen und sagt, das würde niemanden gefährden, belügt sich selbst.

Dein Video wurde auch auf Twitter geteilt. Ein User schrieb: “Das sind Menschen, die ihre Großeltern hassen.” Denkt ihr gar nicht an die ältere Generation, für die das Risiko weitaus höher ist?

Wenn eine Lawine der Euphorie einen erfasst, kann man noch so vernünftig sein, dann passieren eben Fehler. Das heißt aber nicht, dass junge Menschen grundsätzlich unverantwortlich mit der Situation umgehen. Ich glaube, niemand möchte seine Großeltern bewusst gefährden.

Trotzdem scheinen viele den Eindruck zu haben, dass junge Menschen das Virus nicht so ernst nehmen wie andere. Meinst du nicht, dass du diesen Eindruck mit deinen Videos verstärkst?

Mir schreiben viele Corona-Leugner*innen und Menschen aus der rechten Szene. “Das machst du toll”, sagen sie und sprechen abfällig von “Menschen, die an Corona glauben”. Die packen mich in die komplett falsche Ecke und das stelle ich dann auch klar. Ich bin kein Leugner, ich habe immer an das Virus geglaubt. Ich kenne einige Menschen, die davon betroffen waren, und habe von vielen gehört. Ich bin kein politischer Rebell. Überhaupt bin ich keine politische Figur.

Fühlst du dich als Veranstalter nicht auch verantwortlich für die jungen Menschen, die an deinen Raves teilnehmen?

Letztlich ist jede*r für sich selbst verantwortlich. Mir war es aber immer sehr wichtig, dass die Regeln bei meinen Veranstaltungen eingehalten werden. Ich nehme jedes Mal ein Mikro mit und sage, dass sich die Leute an die Abstands- und Hygieneregeln halten sollen. Aber meine Erfahrung zeigt, ich krieg’s nicht immer hin.

Am vergangenen Wochenende wurden in mehreren deutschen Großstädten illegale Raves aufgelöst. Dass vor allem größere Indoor-Veranstaltungen wie private Feste, Hochzeiten, Gottesdienste oder Partys das Infektionsgeschehen vorantreiben, ist bewiesen. Besonders häufig werden zurzeit Menschen zwischen zwanzig und vierzig positiv auf Corona getestet. Wieso hören junge Menschen nicht einfach auf zu feiern?

Man braucht es halt. Man braucht es. Ich weiß, das klingt widersprüchlich. Es fällt einfach so schwer zu verzichten, auch wenn den meisten ja klar ist, dass es nur für einen begrenzten Zeitraum ist. Irgendwas muss doch passieren. Trotzdem finde ich es richtig, dass Partys, bei denen Menschen saufen und kuscheln, in der aktuellen Situation verboten sind. Ich befürworte auch die neuen Auflagen, die jetzt wegen der hohen Infektionszahlen in Berlin gelten. Auch wir jungen Menschen müssen die Lage ernst nehmen und trotzdem braucht es Lösungen, wie Partys stattfinden könnten.

Was könnte eine Lösung sein?

Ich habe zum Beispiel während des Lockdowns (Anm. d. Red.: Gemeint sind die verschärften Ausgang- und Kontaktbegrenzungen im Frühjahr) etwa zehn Balkon- und Fensterpartys in ganz Berlin veranstaltet. Im April hatte ich überlegt, wie ich mein Konzept der aktuellen Lage anpassen kann. Inspiriert haben mich die Balkonkonzerte in Italien und Spanien. Ich spiele die Musik von meiner Box in Innenhöfen und über mein Mikro kann ich mit den Bewohner*innen kommunizieren. Am Abend vorher hänge ich Plakate auf, damit jede*r Bescheid weiß. Falls es jemandem zu laut ist, ist dort auch meine Nummer notiert, da kann man sich beschweren.

Wie haben die Menschen reagiert?

Das kam super an. Die Menschen standen auf den Balkonen und haben getanzt. Manche haben Lichterketten aufgehängt. Auch die Polizei hat keinen Stress gemacht. Außer einmal in Kreuzberg, da hat sich jemand beschwert. Die Polizei kam und wies darauf hin, dass ich die Musik ausmachen und den Platz verlassen muss. Alles klar, habe ich gesagt, sie schicken zwar sehr viele Leute weg, die Lust auf Tanzen haben, aber ich folge natürlich dem Befehl.

Die Berliner Clubs veranstalten Anfang Oktober den Tag der Berliner Clubs. Eine der Projektleiterinnen meinte, es solle lieber offizielle Veranstaltungen mit Hygienekonzept geben als illegale Raves. Wie stehst du zu Partys mit Hygienekonzept: Wäre das eine Möglichkeit für junge Leute, trotzdem weiterzufeiern?

Partys mit Hygienekonzept funktionieren nicht, zumindest sobald Alkohol im Spiel ist. Das ist meine Erfahrung. Ich glaube, es braucht Konzepte wie die Balkonpartys. Ich habe auch mal von einem Fahrradanhänger aus Musik gemacht, die Leute konnten hinterherfahren und die Stimmung mit Abstand genießen. Zur Not müssen wir eben zurück zu Onlinepartys.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte vergangene Woche: “Partys muss man nicht feiern, arbeiten und lernen schon.” Er rief zu einem Partyverzicht auf. Ist das nicht am Ende die einzige Lösung?

Partykultur wird oft belächelt und nicht richtig ernst genommen. Es gibt wenige Politiker*innen, die bereit sind, sich dafür einzusetzen. Besonders junge Menschen haben viel Energie. Wo sollen sie damit hin, wenn alles zum Stillstand kommt? Die Energie braucht eine Richtung, wenn es keine Richtung gibt, kommen Leute auf blöde Ideen.