Im Berlinale-Film „Blue Boy“ beschreiben sieben Sexarbeiter aus Rumänien ihren Job

Für seine Kurzdoku Blue Boy traf der Filmemacher Manuel Abramovich sieben Sexarbeiter. Mithilfe eines simplen Tricks konfrontierte er sie mit ihren eigenen Gedanken.

Auf der 69. Berlinale feiert die Kurzdoku "Blue Boy" ihre Premiere.

Das Publikum soll bei Blue Boy durch nahe Aufnahmen und lauten Ton die Rolle von Klienten der Sexarbeiter einnehmen. Filmstill: © Manuel Abramovich 2019

Zur 69. Berlinale in Berlin stellen wir euch Kurzfilme und Dokumentationen vor, die gesellschaftliche Strukturen hinterfragen, Minderheiten Sichtbarkeit geben und zum Nachdenken anregen. Die Übersicht aller Beiträge findet ihr hier.


Die Blue Boy Bar in Berlin-Schöneberg hat den Ruf, ein Aufreißerladen zu sein. Meist ältere Männer suchen hier den Kontakt zu jüngeren Sexarbeitern. Viele der Jungs, wie sie in der Szene heißen, stammen aus Rumänien.

„Die Sexarbeiter und ihre Klienten in der Kneipe zu beobachten, ist auf gewisse Weise wie im Theater“, beschreibt Manuel Abramovich die Atmosphäre in der Blue Boy Bar. Als der argentinische Filmemacher mit den Sexarbeitern ins Gespräch kam, stellte er fest, dass viele zu Schauspielern würden, um ihre Klienten zu verführen. „Manche spielen jede Nacht die gleiche Rolle, andere wechseln sie ständig.“ Die Fähigkeit, diese Rollen klar vom Privatleben abzugrenzen, habe ihn beeindruckt. „Viele haben Babys in Rumänien, und verdienen in Berlin in kurzer Zeit möglichst viel Geld für sie, um dann in ihren normalen Alltag zurückzukehren“, erzählt Abramovich. „Sie führen in verschiedenen Städten unterschiedliche Leben mit unterschiedlicher Sexualität.“ Der Großteil der Sexarbeiter würde sich nicht als homosexuell definieren, obwohl sie regelmäßig Sex mit Männern haben.

Blue Boy soll die vielen Facetten der Sexarbeit beschreiben

Manuel Abramovich war wichtig, die Machtstrukturen zwischen den Sexarbeitern und ihren Klienten nachzuzeichnen sowie die Sexarbeiter dazu zu bringen, ihren Job zu reflektieren. Dafür griff Abramovich zu einem simplen Trick. „Ich habe die Jungs zunächst in einem Hotelzimmer getroffen, um Interviews mit ihnen zu führen“, erzählt der 31-Jährige, „allerdings nur mit einem Tonaufnahmegerät.“

Ohne die Kamera erzählten die Männer losgelöster von ihrem Job. Sie spielten für Abramovich Erlebnisse nach, in denen sie in Rollen schlüpften und Klienten anmachten. Sie erzählten, wie sie Preise verhandelten und sich herunterhandeln ließen. Und manche sprachen darüber, wie sie mit der Stigmatisierung umgehen, weil sie als Mann Sexarbeit machen.

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Ein rumänischer Mann hört sich eine Tonaufnhame von sich selbst an. Filmstill: © Manuel Abramovich 2019

In der Blue Boy Bar traf Abramovich die Sexarbeiter erneut, diesmal mit der Kamera. Er spielte seinen Protagonisten die Tonaufnahmen vor und filmte ihre Reaktionen. Diese Szenen zeigt Abramovichs 19-minütiger Film Blue Boy schließlich. Einer der Sexarbeiter lacht über seine Schauspielerei, ein anderer Mann hält dem Blick in die Kamera kaum Stand und nippt ratlos an seiner Cola. Die Porträtaufnahmen zeigen überraschte Mienen, ernste Blicke, stolze Gesichter.

Der Ton ist so sensibel eingestellt, dass jedes Schlucken, jedes Kratzen im Gesicht laut ins Ohr dringt. Auf diese Weise entsteht eine Nähe zwischen den Protagonisten und dem Publikum, die beinahe unangenehm ist. Wie bei einem Verhör. So hat es Abramovich gewollt: „Das Publikum soll in die Rolle der Klienten schlüpfen. In die Rolle der Mächtigen, die über diese Jungs verfügen.“

Der Kurzfilm leistet es erwartungsgemäß nicht, die individuellen Lebensgeschichten der sieben Protagonisten zu erzählen. Aber Blue Boy schafft auf mehreren Ebenen ein besseres Verständnis der Lebenswelt von Sexarbeitern in Berlin. Im Rahmen der Berlinale Shorts Competition hat der Film seine Weltpremiere gefeiert. Abramovich plant, ihn auf mehreren Festivals zu zeigen, bevor er Blue Boy auf seinem Vimeo-Account veröffentlicht.

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