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In Bremen hat sich die Zahl der Tötungsdelikte laut Statistik verdoppelt – was ist da los?

Wenn in Deutschland über Sicherheit und Verbrechen diskutiert wird, wird häufig auf die polizeiliche Kriminalstatistik zurückgegriffen. Doch ein Beispiel aus Bremen zeigt, warum man die Zahlen genau prüfen sollte.

Kriminalitaetsstatisik_Bremen_Verbrechen_Toetungsdelikte

Was ist in Bremen passiert? Illustration: © ze.tt / Elif Küçük

Der Termin Anfang April 2019 war einer der angenehmeren für Innenminister Horst Seehofer. Vor der Bundespressekonferenz stellte er die aktuelle polizeiliche Kriminalstatistik für das vergangene Jahr vor. Der Tenor seiner Rede: Die Zahlen sind die niedrigsten seit 1992, Deutschland ist eines der sichersten Länder der Welt.

Kurz darauf begann das übliche Ausschlachten: rechte Blogs und Medien warfen einen Blick auf die Anzahl der tatverdächtigen Asylbewerber*innen, die Polizei kritisierte die zunehmende Gewaltbereitschaft gegen ihre Beamt*innen, andere Medien empfahlen, generell nicht zu dramatisieren.

Tatsächlich liefert die kurz PKS genannte Statistik „kein exaktes Spiegelbild der Kriminalitätswirklichkeit“, wie eine Sprecherin des Bundeskriminalamts zu ze.tt sagt. Das Amt erstellt den Bericht jährlich auf Basis der Meldungen aller Landeskriminalämter. Es handele sich um eine mehr oder weniger starke Annäherung an die Realität, sagt die Sprecherin. Das liegt vor allem daran, dass nicht alle Straftaten polizeilich registriert werden. Nicht jede*r geht zur Polizei, wenn das Fahrrad geklaut wurde oder sie*er beleidigt wurde.

Aber auch bei schwereren Verbrechen wie Morden landen nicht alle Fälle in der Statistik, wie Heribert Ostendorf sagt. Er ist Autor des Informationsbandes Kriminalität und Strafrecht der Bundeszentrale für politische Bildung. Er nennt folgendes Beispiel: In der Regel stellten Hausärzt*innen einen Totenschein aus. Wenn sie gerade bei alten Menschen nach einer kurzen Untersuchung keine Spuren von Gewalt feststellten, kreuzten sie natürliche Todesursache an. Dann würde der Körper nicht eingehender untersucht. Eine Garantie, dass die Person nicht beispielsweise vergiftet wurde, gebe es in diesem Fall aber nicht. „Gerichtsmediziner erzählen manchmal: ‚Wenn wir jede Leiche obduzieren würden, hätten wir viel mehr Tötungsdelikte'“, sagt Ostendorf.

Nagelbretter und Steine auf der Straße

Doch selbst in offensichtlicheren Fällen ist die Statistik nicht auf Anhieb verständlich. Das zeigt ein Beispiel aus Bremen: Dort ist die Anzahl der Tötungsdelikte laut Statistik von 2017 zu 2018 gestiegen – und zwar um mehr als die Hälfte. Im Jahr 2017 waren es 34 Fälle, im Jahr 2018 dann 71. Ist Bremen auf einmal die gefährlichste Gegend Deutschlands geworden? In keinem anderen Bundesland gab es einen derartigen Anstieg, wie die folgenden Grafiken zeigen.

Wie die Bremer Polizei mitteilt, haben zwei Besonderheiten zu diesem Anstieg geführt. Die erste: Im Laufe des Jahr 2017 hatten zwei junge Männer nachts Steine und Nagelbretter auf Straßen gelegt. 24 Fälle registrierte die Polizei im Stadtstaat und 16 im benachbarten Niedersachsen. In einem Fall wurde jemand verletzt, in zwölf Fällen entstand ein Sachschaden.

Monate später fand die Sondereinheit Steine die beiden und nahm sie fest. Die Polizei ermittelte weiter und übergab die Unterlagen im Jahr 2018 schließlich an die Staatsanwaltschaft. Von diesem Moment an ist die Arbeit der Polizei erledigt und landet in der Statistik – und zwar als Tötungsdelikte, denn auch die Versuche von Straftaten sind in der Statistik erfasst. Obwohl nur in einem Fall jemand verletzt wurde, hatte die Polizei Bremen die Taten als Tötungsdelikte eingestuft, weil ihrer Einschätzung nach durch die Bretter und Steine Menschen hätten sterben können.

Wenig später erhob die Staatsanwaltschaft in 23 Fällen Anklage wegen versuchten Mordes. Das Landgericht verurteilte die beiden Täter schließlich wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, Sachbeschädigung und Körperverletzung. Wie der Weserkurier schreibt, sah das Gericht keine Tötungsabsicht. Das Beispiel zeigt, wie 23 Fälle, in denen niemand gestorben ist, als Tötungsdelikte in der Kriminalstatistik landen und wenig später von einem Gericht sogar nur noch als gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr gewertet werden.

Ein späterer Abgleich zwischen Polizeistatistik und Gerichtsurteil findet nicht mehr statt. Aus Polizeisicht ist dies auch nicht nötig. Denn die Statistik enthält die jene Straftaten, welche der Polizei bekannt geworden sind – unter dem Straftatbestand, unter dem die Polizei zunächst ermittelt.

Ähnliches gilt für die zweite Besonderheit, die nach Polizeiangaben zu einem Anstieg in der Statistik geführt hat: Die Polizei und die Staatsanwaltschaft gehen nun bei Körperverletzungen mit Tritten gegen den Kopf oder Stichen in den Oberkörpern in den Ermittlungen zunächst von einem Tötungsvorsatz aus. „Früher wäre das eher noch unter gefährlicher Körperverletzung gelaufen“, sagt eine Sprecherin der Polizei. Frank Passade, Sprecher der Staatsanwaltschaft Bremen bestätigt diese Version, schränkt aber zugleich ein: „Das ist nicht erst seit vergangenem Jahr so.“ Ob auch Staatsanwaltschaften in anderen Bundesländern so urteilen, ist Passade nicht bekannt. Ob Tritte gegen den Kopf oder Stiche mit dem Messer am Ende als gefährliche Körperverletzung oder versuchten Totschlag bewertet werden, liegt aber ohnehin in der Entscheidung des Gerichts, welches den Fall verhandelt.

Bessere Statistiken

Wenn die PKS also nur so ein unzureichendes Bild liefert, was lässt sich tun, um ein besseres Verständnis der Sicherheitslage zu bekommen? Kriminologe Ostendorf sagt: „Hundertprozentig wissen wir natürlich nicht, welche und wie viele Straftaten begangen wurden.“ Es gibt jedoch Möglichkeiten, sich der Realität anzunähern. Dafür hilft es, die Zahlen mit der Polizeilichen Kriminalstatistik mit den Verurteiltenstatistiken der Gerichte abzugleichen. Dann kann – wie im Bremer Fall – aus einer Zahl von 23 Tötungsdelikten schnell eine Null werden.

Neben der PKS und den Zahlen der Gerichten gibt es noch einen dritten Baustein: die Dunkelfelduntersuchungen. Dafür werden Personen anonym befragt, ob sie in jüngster Zeit Opfer oder Täter*in eines Verbrechens waren. So lassen sich Fälle erfassen, die in der PKS nie auftauchen. Gerade für Straftaten wie Diebstähle, Sachbeschädigungen oder Beleidigungen steigen die Zahlen dadurch.

Aus diesen drei Quellen ließe sich ein halbwegs repräsentatives Lagebild der Kriminalität zeichnen, wenn es jährlich erhoben würde. Doch tatsächlich gibt es abseits der PKS kein Standardwerk, dass diese Ansprüche erfüllt. „Es wäre die Aufgabe der Bundespolitik, seriöse Dunkelfelduntersuchungen durchzuführen“, sagt Ostendorf. Bis dahin gilt seiner Meinung nach: „Mit der PKS lässt sich viel Unheil anrichten.“

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