„In den Skatepark habe ich mich als Mädchen nie getraut“

Jahrelang wollte Celina nicht in Skateparks, weil sie dachte, Männer würden blöd schauen. Heute fährt sie dort regelmäßig. Wie es dazu kam und welche Erfahrungen Frauen in der männlich dominierten Szene machen.

"In den Skatepark habe ich mich als Mädchen nie getraut"

"Ich möchte, dass wir Frauen uns in Zukunft nicht mehr hinter den Männern verstecken müssen", sagt Celina. Foto: © Laura Dahmer

Celina wartet vor der Münchner Bar, an der wir uns verabredet haben. Auf dem Kopf eine Beanie, ein Fuß auf ihrem Skateboard. Als sie mich sieht, winkt sie mir zu, kickt ihr Board hoch und fängt es mit der Hand auf. Klischee, könnte man meinen. Cool, denke ich, irgendwie authentisch. Ein paar Leute laufen an uns vorbei und drehen sich nach ihr um. „Ich weiß nie, ob es daran liegt, dass ich skate, oder dass ich eine Frau bin“, sagt sie mir später. Frauen in der Skateszene, ist das mittlerweile normal? Oder kämpfen sie nach wie vor um Anerkennung in einer Männerdomäne?

Celina Lucas ist 24, arbeitet im Marketing und hat erst vor drei Jahren mit dem Skaten angefangen – obwohl der Sport sie schon als Kind gefesselt hat. „Ich bin da schon oft aufs Board und hin und her gerollt, habe mir viele Videos angeschaut. Aber in den Skatepark habe ich mich nie getraut“, erzählt Celina. „Ich dachte mir immer: Da stehst du ja nur im Weg. Als Mädchen, da müsste man doch richtig was draufhaben, damit die Jungs nicht blöd gucken.“ Stattdessen spielte sie Fußball. Da gab es ja eine Mädchenmannschaft. Was Celina fehlte, war ein Vorbild. Eine Frau, die skatet, das gab es für sie lange Zeit nicht.

Ich dachte immer, ich werde da auf mein Geschlecht reduziert. Dabei habe ich mich die ganze Zeit selbst darauf reduziert.

Celina

Zehn Jahre hat es gedauert, bis sie das erste Mal Fuß in einen Skatepark setzte, mit ihrer Mädelsgruppe vom Snowboarden. „Wir haben uns alle beim Boarden kennengelernt. Mal zusammen Skaten gehen, das war dann irgendwie der logische Schritt.“ In den Skatepark gingen sie aber nur morgens um neun Uhr, weil dann noch niemand da war. „Wir konnten alle nicht fahren, keiner konnte uns was zeigen. So richtig vorangegangen ist das daher nie, ich habe mich kaum verbessert“, erinnert sie sich. Bis sie eines Tages am Skatepark auf eine Freundin wartete, die sich verspätete. „Mir war das total peinlich, ich dachte mir: Die starren mich bestimmt alle an.“ Plötzlich kam ein Typ zu ihr. „Der meinte: ‚Voll cool, dass du da bist.‘ Und hat mich einer Freundin vorgestellt, die mit ihm im Park war.“

Skaterinnen sogar in der Vogue

Daraus entstand eine Gruppe aus jungen Frauen, die bis heute stetig wächst. 30 bis 40 sind sie mittlerweile in ihrer WhatsApp-Gruppe, schätzt Celina. „Eigentlich ist das nur passiert, weil die Jungs das angestoßen haben“, bemerkt sie lachend. Mit einem Mal wandelte sich ihr Bild von der Skateszene. „Ich dachte immer, als Frau werde ich da in eine Schublade gesteckt, auf mein Geschlecht reduziert. Dabei habe ich mich die ganze Zeit selbst darauf reduziert.“ Klar, in der Skateszene gebe es nach wie vor deutlich mehr Männer. Aber: „Skater*innen haben alle die gleiche Lebenseinstellung, es geht weniger ums Sportliche, mehr ums Menschliche. Und wenn jemand geil fährt, kriegt er*sie dafür Anerkennung. Egal, ob Mann oder Frau“, meint Celina.

In der Szene also sind Frauen und Mädchen zwar in der Unterzahl, aber dennoch angekommen. Und in der gesellschaftlichen Wahrnehmung? „Auch da scheinen Skaterinnen mittlerweile Teil des Mainstreams zu sein. Selbst in der Vogue war letztens eine Fotostrecke“, sagt sie. Einerseits freut es sie zwar, dass skatende Frauen sichtbar werden. Andererseits blickt sie auch mit Bauchweh auf die Entwicklung. „Ich habe das Gefühl, das ist 50:50. Zu 50 Prozent kriegen sie die Aufmerksamkeit, weil sie gut fahren. Aber zu 50 Prozent, weil sie gut aussehen“, gibt Celina zu bedenken. Wenn es mehr Frauen zum Skaten bringt, würde sie das in Kauf nehmen. Aber manchmal, da frage sie sich schon: „Wenn Feminismus gerade nicht so ein Trendthema in der Imagebildung der Unternehmen wäre, wären wir Skaterinnen dann trotzdem so relevant?“

Lea unterschrieb ihren ersten Sponsorendeal mit 19 – die meisten Jungs sind da 13

Gerade mit Blick auf die Profikarriere und das Geld ist es beim Skaten wie eigentlich überall anders auch: Frauen kriegen nicht nur weniger Geld, sondern auch weniger Angebote. Das weiß vor allem eine, die schon lange dabei ist und den Sprung zu Sponsorendeals trotzdem erst spät schaffte. Lea Schairer ist heute 30 Jahre alt, deutsche Profiskaterin und steht auf dem Board, seit sie 11 ist. Damals war die Skateszene noch eine andere. „Meine älteren Brüder haben mich mitgenommen, als sie auch angefangen haben, Skateboard zu fahren. Viele andere Mädels haben immer gesagt, dass sie alleine keinen Respekt kriegen von Männern. Das hatte ich einfach nie, weil ich mit den beiden unterwegs war“, stellt Lea fest. „Aber natürlich hab ich schon öfter einen dummen Spruch abgekriegt.“ Für sie gab es auch nie wirklich andere Skaterinnen, kein Social Media für Vergleichsmöglichkeiten.

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Ihren ersten Sponsorenvertrag unterschrieb Lea mit 19. Bei den Jungs passiere das meistens deutlich früher, mit 13 oder 14 Jahren. „Ich hätte rückblickend auch locker mit 15 schon Sponsoren kriegen können. Aber die Option bestand einfach noch nicht“, sagt Lea. Und auch nach den ersten Deals ging es lange Zeit nur schleppend vorwärts. „Ich habe dann vielleicht Schuhe bekommen oder so. Dass ich in meiner Skateentwicklung unterstützt worden bin, war aber eher nicht der Fall.“ Das kam so wirklich erst vor etwa zwei Jahren, sagt sie, mittlerweile verdient sie damit zumindest ein bisschen Geld und kann sich mehr aufs Skaten konzentrieren. „Ich fühle mich generell heute als Frau deutlich angesehener in der Szene“, sagt Lea. Auch das deutsche Skateboard-Magazine SOLO erzählt mittlerweile Geschichten wie ihre. Erst kürzlich brachte das Magazin eine Ausgabe heraus, in der es vor allem Frauen ging.

Als Celina 16 Jahre alt war, ist sie im Internet auf Lea gestoßen: „Ich weiß noch, damals habe ich ihre Videos gesehen und gedacht: Ich will mal so sein wie sie.“ Heute will Celina vor allem, dass es jungen Mädchen nicht so geht wie ihr damals, und sie sich nicht in den Skatepark trauen. Auch nicht, dass es ihnen geht wie Lea, und sie ewig auf Sponsoren und Förderung warten. Neben dem Skaten engagiert sich Celina deshalb für Events und Contests, die Mädchen und Frauen eine Plattform geben sollen. „Bei vielen Contests kriegen Frauen gar kein Preisgeld, sondern nur Gutscheine. Die Frauenkategorie ist früh morgens, weil das ‚ja eigentlich gar keiner schauen will. Ich möchte, dass wir Frauen uns in Zukunft nicht mehr hinter den Männern verstecken müssen“, sagt die junge Skaterin entschlossen.

Bei den olympischen Spielen im kommenden Jahr werden Skaterinnen vertreten sein

Hilfe könnte da zukünftig von ganz anderer Seite kommen: 2020 wird Skaten olympisch, zum ersten Mal werden die Tricks aus den Skateparks auf die große, internationale Bühne gebracht. Während das in der Skateszene längt nicht alle begrüßen, bietet das für die Skaterinnen eine riesige Chance. Denn nach Tokio werden nächstes Jahr 40 Männer fahren, und mit ihnen 40 Frauen. Ein Verhältnis also, das in der Szene aktuell noch lange nicht besteht.

In München trägt Celina ihren Teil dazu bei, dass sich das ändert: Sie organisiert das Hot Curbs and Cool Pools, einen Contest, bei dem ausschließlich Skaterinnen fahren. Celinas Traum ist, dass es irgendwann mal europaweit eine Anlaufstelle für begeisterte Fahrerinnen wird. „Damit wir präsent sind. Und damit auch die Eltern junger Mädchen nicht mehr denken: Skaten, das machen eh nur versoffene Punks. So machen wir den Mythos Skaten für Mädchen zugänglich, die so verunsichert sind wie ich damals.“

Ich möchte, dass wir Frauen uns in Zukunft nicht mehr hinter den Männern verstecken müssen.

Celina

Celina schaut mich zufrieden an. Sie hat viel erzählt, ihre Spezi ist mittlerweile leer. „Willst du sonst noch was wissen?“, fragt sie. „Ich will jetzt nämlich noch kurz zum Hauptbahnhof.“ Ich verneine, wir verabschieden uns. Ihr Board hat sie wieder unter den Arm geklemmt, sie geht noch zu einer Rampe, die gerade am Bahnhof aufgebaut ist. „Mal schauen, vielleicht sind ja noch ein paar andere Mädels da“, sagt sie und lächelt.