Warum die Zahl der Anfragen in Frauenhäusern trotz Corona nicht gestiegen ist

Trotz der Corona-Krise ist die Zahl der Anfragen in Frauenhäusern nicht gestiegen – obwohl die häusliche Gewalt mutmaßlich zugenommen hat. Zwei Frauenhausleiterinnen erklären, woran das liegt und mit welchen Problemen die Häuser aktuell zu tun haben.

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In Frauenhäusern fehlen nicht erst in der Corona-Pandemie die Plätze. Foto: Sofia Garza / Pexels | CC0

Hat die Corona-Krise die Lage der Frauenhäuser in Deutschland verschärft? Diese Frage bekommt Lydia Dietrich in letzter Zeit oft gestellt. Ihre Antwort: „Wir sind voll. Wir waren vor Corona voll und sind es immer noch.“ Dietrich ist Geschäftsführerin der Frauenhilfe München, und damit eines der größten Frauenhäuser Deutschlands. Ähnlich ist die Situation etwa 300 Kilometer nordwestlich von München, in Heilbronn. Dort sitzt Alexandra Gutmann, sie leitet das wesentlich kleinere Frauen- und Kinderschutzhaus der Diakonie. Beide Frauen bekommen gerade häufig Presseanfragen.

Denn wie sich auch in einigen anderen Ländern beobachten ließ, ging man nach Beginn der Corona-Krise von einem massiven Anstieg von Fällen häuslicher Gewalt aus. Und damit auch an Frauen, die zu Einrichtungen wie denen von Dietrich und Gutmann kommen würden. Beide müssen dann den Journalist*innen sagen, dass sie nicht mehr Anfragen von Frauen bekommen als vorher. Dass das die Wirklichkeit widerspiegelt, glaubt aber keine von beiden.

„Es mag klingen wie lustige Mathematik, aber ich glaube, dass der Umstand, dass wir nicht mehr Anfragen bekommen als vorher, genau der Beweis dafür ist, dass die Fälle angestiegen sind“, sagt Gutmann. Sie vermisst die Anrufe vieler Frauen, die sich sonst regelmäßig gemeldet haben. Lydia Dietrich glaubt, dieser Umstand hänge mit der erschwerten Kontaktaufnahme zusammen. „Die Frauen sind in den Wohnungen mit ihren Partner*innen so gefangen, dass sie gar keine Möglichkeit haben, unbemerkt zu telefonieren oder sich Hilfe zu suchen.“

Auch eine kürzlich veröffentlichte Studie der TU München kommt zu dem Ergebnis, dass etwa drei Prozent der Frauen in Deutschland während der strengen Kontaktbeschränkungen Opfer körperlicher Gewalt wurden, gar 3,6 Prozent wurden vergewaltigt. Und nur ein Bruchteil der betroffenen Frauen hat sich Hilfe gesucht. Im Laufe der Zeit, Hand in Hand mit den Lockerungen der Corona-Beschränkungen, rechnet das Frauenhaus in München deshalb mit mehr und mehr Zulauf. Die Stadt München arbeitet daran, für diese Frauen Notunterkünfte zu finden, in Hotels zum Beispiel.

Der Istanbul-Konvention zufolge fehlen in Deutschland knapp 15.000 Frauenhausplätze

Aber das Platzproblem der Frauenhäuser war schon vorher da. „Die aktuelle Krise ist gerade eigentlich nur eine Lupe für Probleme, die es schon lange gibt“, sagt Alexandra Gutmann. Denn die Zahlen sind alarmierend, aber nicht neu: Statistisch gesehen stirbt in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau durch ihren Partner, jede dritte Frau hat schon Gewalt in ihrer Beziehung erlebt. In Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt 42,1 Millionen Frauen, die Dimension lässt sich also erahnen.

Die Anzahl der Plätze in Frauenhäusern liegt bei etwa 6.800. Laut der Istanbul-Konvention, einem 2011 vom Europarat ausgearbeiteten, 122-seitigen, völkerrechtlichen Vertrag gegen Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt, müsste es mindestens einen Familienplatz pro 10.000 Einwohner geben. Ein Familienplatz heißt: Eine Frau plus Kinder, gerechnet wird nach der Geburtenrate des jeweiligen Landes. Nach diesen Richtlinien fehlen in Deutschland aktuell rund 14.600 Betten. Die Istanbul-Konvention ist eine Art Checkliste, die bei der Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt helfen und dabei genügend Schutzunterkünfte für betroffene Frauen schaffen soll.

Es sind dramatische Zahlen in einer Gesellschaft, die von sich glaubt, dass sie gleichgestellt ist.

Lydia Dietrich, Geschäftsführerin der Frauenhilfe München

Am Beispiel München: Das Frauenhaus der Frauenhilfe München hat immerhin 45 Plätze für Frauen und bis zu 60 für Kinder, in der ganzen Stadt gibt es insgesamt drei Frauenhäuser mit 145 Plätzen für Frauen und Kinder. Laut der Istanbul-Konvention müssten es aktuell mehr als 400 sein. Dazu kommt: Nur etwa 20 Prozent der Frauen, so besagt es eine Studie des Bundesfamilienministeriums, suchen sich überhaupt Hilfe.

Sieben Jahre lang wartet eine Frau im Durchschnitt, bis sie sich welche holt. „Das sind dramatische Zahlen in einer Gesellschaft, die von sich glaubt, dass sie gleichgestellt ist“, sagt Dietrich – und schätzt, dass die Dunkelziffer in Wirklichkeit noch höher liegt. „Wir haben ein Riesenproblem mit dem Thema Gewalt gegen Frauen und Kinder. Ich würde mir wünschen, dass wir viel mehr hinschauen. Und uns auch fragen, woher das kommt: Was sind gesellschaftliche Strukturen, die dieser Gewalt zugrunde liegen?“

Die Istanbul-Konvention wurde 2018 in Deutschland ratifiziert. Geändert hat sich bis heute wenig

Jetzt, mit der Corona-Krise, verschärft sich die ohnehin schon angespannte Situation der Frauenhäuser. Eigentlich hätte Alexandra Gutmann die Belegung ihrer Einrichtung anfangs auf die Hälfte runterfahren müssen, es gibt nur zwei Wohneinheiten, die Räumlichkeiten sind eng. „Aber wo hätten wir die Frauen denn hinschicken sollen? Viele andere Häuser waren auch schon voll belegt, hatten einen Corona-Fall oder haben die Kapazitäten heruntergefahren.“

Gutmann hat einen Grundsatz: Sie schickt niemanden fort, wenn sie keine Alternative für die Frauen findet. Das hat schon dazu geführt, dass bei ihr Neuankömmlinge über Wochen im Flur oder in Gemeinschaftsräumen wohnen mussten. Seit Mitte März hat sie insgesamt mehr als zehn Frauen und ihre Kinder im Frauen- und Kinderschutzhaus aufgenommen. Manche konnten weitervermittelt werden oder haben eine Wohnung gefunden, zu jeder Zeit waren maximal drei Frauen und ihre Kinder in Überbelegung. Plätze gibt es dort insgesamt maximal 20, sieben für Frauen, dreizehn für ihre Kinder.

Für Gutmann ist klar, dass die Frauen eine Lösung brauchen. „Mal ganz ehrlich, was ist gefährlicher? Dass eine hochbedrohte Frau an Corona erkrankt oder dass ihr im eigenen Zuhause etwas zustößt?“ Schnell hat das Frauen- und Kinderschutzhaus in Heilbronn deshalb eine coronakonforme Lösung gesucht: Mit der Krise haben sie sich räumlich so erweitert, dass sie die gleichen Kapazitäten anbieten können wie vorher. Quarantäne bei Neueinzug ist Pflicht.

Kommt eine neue Anfrage rein, wenn sie gerade keine Kapazitäten hat, kann Alexandra Gutmann auf einer internen Karte nachsehen, wie die Frauenhäuser in Baden-Württemberg aktuell ausgelastet sind und wo noch Platz sein könnte. Manchmal, sagt Gutmann, ist die Karte über Wochen komplett rot. „Und wir möchten die Frauen und ihre Kinder, bei denen das nicht wegen hoher Gefährdung notwendig ist, eigentlich nicht quer durch Deutschland schicken, nur weil vielleicht in Norddeutschland gerade ein Platz frei ist. Das ist aus sozialer und beruflicher Sicht schwierig, aber oft unvermeidbar.“

Die Istanbul-Konvention soll die Situation von Frauenhäusern verbessern. Obwohl sie in Deutschland 2018 ratifiziert wurde, hat sie bis heute wenig am Status Quo geändert – da sind sich die beiden Frauen einig.

Die Corona-Krise wurde für Frauen und Kinder in ohnehin schwieriger Situation zur zusätzlichen Belastung

Im Frauenhaus der Frauenhilfe München gibt es eine Warteliste. Die Frauen, sagt Dietrich, würden in der Regel zwei bis vier Wochen lang auf einen Platz warten – momentan ein bisschen länger. Denn jetzt, während der Corona-Pandemie, zieht kaum eine Frau aus. In Städten mit angespannten Wohnungsmärkten, wie München oder Heilbronn, wird die oft langwierige Suche noch komplizierter.

Im Haus der Frauenhilfe gelten Ausgangsbeschränkungen, Besuchsverbot, es gibt keine Kinderbetreuung. Auch persönliche Beratung konnten die Bewohner*innen aufgrund der Abstandsregelungen bis zuletzt nicht in Anspruch nehmen, die Mitarbeiterinnen blieben aber trotzdem rund um die Uhr erreichbar. Für Frauen und Kinder, die aus einer solch schwierigen Situation in den eigenen vier Wänden entflohen sind, sind die aktuellen Umstände eine zusätzliche Belastung.

In den 1970er-Jahren haben Frauen um die Daseinsberechtigung von Frauenhäusern gekämpft. Heute kämpfen wir um räumliche und finanzielle Ressourcen.

Alexandra Gutmann, Leiterin des Frauen- und Kinderschutzhauses Heilbronn

Haben Menschen, die für ein Frauenhaus arbeiten, eigentlich eine 40-Stunden-Woche? Alexandra Gutmann lacht. „Nein.“ Sie und ihre Mitarbeiter*innen machen vieles, was sie tun, ehrenamtlich und außerhalb der offiziellen Arbeitszeiten. „Anders geht es auch gar nicht. Unser Budget ist zu knapp.“ Sie bekommen zwar kommunale Mittel und Geld vom Land Baden-Württemberg, aber die sind begrenzt. Ein Beispiel: Für die ambulante Beratung, die für Stadt und Landkreis Heilbronn und damit knapp eine halbe Million Menschen zuständig ist, bekommt die Diakonie eine knappe Vollzeitstelle zu zwei Dritteln befördert. „Was wir bekommen, ist nicht annähernd kostendeckend. Wir sind auf Spenden angewiesen“, sagt Alexandra Gutmann. Für sie bedeutet das: zusätzliche Arbeitszeit.

Trotz aller finanziellen Bemühungen der Kommunen fehlen Wohnungen und Frauenhausplätze

Sie wünscht sich für die Zukunft eine zwar leistungsorientierte, aber gesicherte Finanzierung der Frauen- und Kinderschutzhäuser. „Unsere Überlegung ist immer: Lebe ich hier Nächstenliebe und hoffe, dass ich am Jahresende trotzdem alle Rechnungen bezahlen kann – oder lehne ich die Frau ab?“, sagt Gutmann. Ersteres funktioniere nur, weil sie und ihre Mitarbeiterinnen ständig über ihre Grenzen hinaus arbeiten. „Kommt dann so etwas wie ein Coronavirus dazu, geht es sehr weit über die Kraftgrenzen. Das darf nicht sein“, sagt sie. „Wir brauchen auch innovative Ansätze und Grundsatzüberlegungen, wie sich die Situation von gefährdeten Frauen verbessern lässt. In den 1970er-Jahren haben Frauen um die Daseinsberechtigung von Frauenhäusern gekämpft. Heute kämpfen wir um ausreichend Plätze und finanzielle Ressourcen.“

Die Stadt München ist ein Beispiel, bei dem die Finanzierung relativ gut läuft. In den vergangenen Jahren steckte die Landeshauptstadt mehr als drei Millionen Euro pro Jahr in die Einrichtungen. Und obwohl die Stadt, wie Dietrich sagt, sich seit vielen Jahren bemüht, ist vieles auf Kante genäht, für die Frauen fehlen Wohnungen und Frauenhausplätze.

Weil die Finanzierung der Frauenhäuser in Deutschland ein Flickenteppich aus Bundes-, Landes- und kommunalen Mitteln ist, müssen Lydia Dietrich und Alexandra Gutmann jedes Jahr einen Haufen von Anträgen stellen, um ihr Budget zu bekommen. Dass sie zuletzt noch in Ausrüstung für Hygienekonzepte investieren mussten, verschärft die Lage zusätzlich. „Das Gute: Wir haben während der Krise viele Spenden bekommen, mehr als sonst“, bemerkt Dietrich. „Dadurch konnten wir unter anderem Frauen, die sich in Quarantäne befanden, mit Essen versorgen und Kindern Spielzeuge kaufen.“

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