In diesen Situationen wurde euch das Deutschsein abgesprochen

„Deutscher, wenn wir gewinnen, aber Immigrant, wenn wir verlieren“, lautet ein Satz, mit dem Mesut Özil seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft begründet. Wir wollten von euch wissen, ob ihr ähnliche Erfahrungen gemacht habt. 

Der Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sorgt für viele Diskussionen. Wir wollten von euch wissen, wann euch das Deutschsein abgesprochen wurde.

Nach dem Rücktritt von Messt Özil habt ihr uns geschrieben, in welchen Situationen euch das Deutschsein abgesprochen wurde. Fotos: Catherine Ivill / Getty Images | Christian Wiediger / Unsplash | CC0 | Collage: ze.tt

Vergangenen Sonntag schrieb der Profifußballer Mesut Özil in einem dreiteiligen Statement auf Twitter über seine Erfahrungen mit Rassismus und Anfeindungen und gab schließlich seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft bekannt. Er sei ein Deutscher, wenn die Mannschaft gewinne, und er sei Einwanderer, wenn die Mannschaft verliere, schreibt er in dem Statement. Seit der Veröffentlichung des Rücktritts wurde viel diskutiert: über Özil, über Rassismus, über Deutschland.

Falls ja, in welcher Situation? Erzählt es uns anonym.https://tellonym.me/zett

Gepostet von ze.tt am Dienstag, 24. Juli 2018

Wir haben das zum Anlass genommen und euch auf Tellonym gefragt, ob euch jemals das Deutschsein abgesprochen wurde. Das sind eure Antworten:

Schubladendenken

„Eigentlich jedes Mal, wenn die Frage aufkommt ‚Woher kommst du?‘ und ich sage, ich bin Deutsch. Es kommt eigentlich zu 95 Prozent ein ‚Nein, woher kommst du wirklich?‘ Die Menschen müssen einen in eine Schublade stecken können, sonst scheinen sie oft extrem überfordert. Extrem nervig und anstrengend. Wozu fragen, wenn die Antwort eh nicht zählt?“

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„Meine Familie hat in weiter Tiefe polnische Wurzeln, während ich mindestens die dritte Generation bin, die kein Wort Polnisch spricht, ist der Nachname hängengeblieben. Meine Eltern und somit auch ich sind nicht im örtlichen Dialekt aufgezogen worden. Während das in der Regel nur mit ‚Wie, du sprichst kein platt?‘ oder ‚Ach, biste nicht aus der Stadt?‘ kommentiert wird und wurde, durfte ich mir auch schon ‚Achso, sowas kennt man ja bei Ihnen nicht‘ und Ähnliches anhören. Sätze in der Art kommen übrigens meiner Erfahrung nach nur von Leuten, die, wie ich auch, ein sehr regional gefärbtes Sprachbild haben und weder die deutsche Rechtschreibung noch Grammatik im Ansatz beherrschen.“

Vorurteile

„Ich war zur Befragung auf einem Polizeirevier. Nachdem ich dem Polizisten meinen (deutschen) Personalausweis vorgelegt hatte und dieser meinen Namen lesen konnte, fragte er mich, woher ich denn kommen würde. Ich antworte, dass meine Mutter Deutsche sei und mein Vater bosnische Wurzeln habe. Die Antwort des Polizisten: ‚Und welche Art von Bosnier sind Sie nun?'“

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„Ich habe schwarze Haare und braune Augen. Im Kindergarten in den Sechzigern bekam ich Dresche, weil ich angeblich ein Spanier bin. In den siebziger Jahren hieß es, ich sei ein Italiener. Im Schulpraktikum in den Achtzigern wurde ich gefragt, woher ich denn käme (immerhin), ich spräche ja sehr gutes Deutsch. Auf dem Wochenmarkt wurde ich lange so angesprochen, als ob Deutsch für mich eine Fremdsprache sei. Der Witz daran: Ich komme aus einer Familie, die mindestens die letzten 200 Jahre in Niedersachsen als Bauern, Buchbinder und Buchhändler ansässig war. Jede Menge NS-Verstrickung und der ganze Dreck, erzprotestantische Leute mit ur(nieder)deutschen Namen. Aber schwarze Haare und braune Augen. In Griechenland wurde ich mal angemacht, ich solle nicht so tun, als ob ich kein Griechisch verstünde – die Vorurteile unterscheiden sich nicht sehr.“

Mensch ist Mensch

„Die Klassiker halt: ‚Hallo, sprechen Sie Deutsch?‘, ‚Ihr Deutsch ist aber wirklich gut!‘ oder eben grundsätzlich auf Englisch angesprochen zu werden, weil es keine Afro-Deutschen gibt. Es sind diese indirekten Absprachen, diese kleinen Stiche, die gehäuft große Schäden anrichten. Es ist nervig, es ist unangenehm, es ist traurig und zeigt, wie unkreativ die Menschheit ist. Eine dunkle Mutter mit hellem Kind zu fragen ‚Oh, wie süß! Sind Sie die Babysitterin?‘ oder einer weißen Alleinerziehenden mit dunkelhäutigen Kindern Adoption ‚vorzuwerfen‘ … Leute, denkt weiter! Die Welt ist (größtenteils) nicht mehr farblich unterteilt. Benutzt mal euer Köpfchen: Für die Sprecher ist es vielleicht nur mal eine unbedachte Bemerkung, für den Empfänger ist es der every-day-shit, den er zu händeln hat. Auch die Frage ‚Wie sagt man denn richtig? Schwarz? Farbig? Maximalpigmentiert? N**** ist ja nicht okay, aber wie sagt man denn richtig?‘ Uncool! Man muss auch einfach manchmal gar nichts sagen! Hautfarbe spielt keine Rolle! Mensch ist Mensch. Punkt.“

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„Das passiert mir ungefähr ein Mal in der Woche. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, genau so wie meine Eltern. Allerdings ist ein Elternteil adoptiert und ich sehe ’südländisch‘ aus. Ich habe auch längere Zeit im Ausland gelebt, aber nirgends war mein Aussehen für die Leute so ein großes Thema wie hier. Es fühlt sich fast so an, als ob für die meisten Deutschen ‚Reinrassigkeit‘ wirklich das Einzige ist, was als Deutsch gilt… Auch ist immer wieder davon die Rede, dass es in Deutschland ja ‚keinen Rassismus gibt‘, was aber auch nur weiße Deutsche sagen … Komisches Land.“