In Görlitz kann man vier Wochen lang Probe wohnen – wir haben einen Berliner begleitet

Leonard ist gebürtiger Berliner. In einer mittelgroßen Stadt wie Görlitz hat er bisher noch nie gelebt. Was bringt einen 29-Jährigen dazu, die Hauptstadt in Richtung Sachsen zu verlassen?

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Wie lebt es sich als 29-jähriger Berliner in der ostdeutschen Provinz? Foto: © Tessa Högele / ze.tt

Leonard Ermel ist ein typischer Berliner: Er ist hier geboren, nie wirklich weggezogen und eigentlich davon überzeugt, dass keine Stadt Berlin ersetzen könnte. Der 29-Jährige mochte den Trubel in den Straßen Berlins, der hier vor der Corona-Krise herrschte. Dass man auch um 5 Uhr morgens noch Bier und eine Packung Nudeln kaufen kann, dass er sich sicher sein konnte, dass jede seiner Lieblingsbands einen Tourstopp in Berlin machen würde, die Bars, die Restaurants, die Diversität der Menschen.

Doch auch wenn er Berlin für schwer ersetzbar hält, nervt ihn seine Stadt manchmal – der Lärm, der mit dem Trubel einher geht, die langen Wege, der Stress. Wie sähe das Leben in einer kleineren Stadt aus? Wären dort die Ansprüche, die er ans Wohnen, Arbeiten und Kulturangebote hat, erfüllbar? Käme ein Umzug für ihn infrage? Diese Fragen trieben ihn um, als er beschloss, sich für das Projekt Stadt auf Probe zu bewerben.

Einen Monat Probe wohnen – für umsonst

Das Projekt ermöglicht es Menschen, einen Monat in der östlichsten Stadt Deutschlands
Probe zu wohnen: in Görlitz. Etwas mehr als 56.000 Menschen leben hier, 64-mal weniger als in Berlin. Teilnehmende des Projekts bekommen die Möglichkeit, einen Monat lang gratis in einer Gründerzeitwohnung in der Innenstadt zu wohnen und ihnen werden gratis Räume zum Arbeiten zur Verfügung gestellt. Ziel von Stadt auf Probe ist es, zu erforschen, welche Anforderungen Menschen an Städte mittlerer Größe stellen – und als Nebeneffekt neue Bewohner*innen für die Stadt zu gewinnen.

Constanze Zöllter vom Interdisziplinären Zentrum für ökologischen und revitalisierenden Stadtumbau (IZS) begleitet das Projekt: “Für die Stadt ist es wichtig, die innerstädtische Bausubstanz in Nutzung zu bringen, sonst hat man eine schöne Kulisse, die aber verfällt”, sagt sie.

Außerdem auf ze.tt: In keiner anderen Stadt spürt man den Sozialismus so sehr wie in Eisenhüttenstadt

Die Görlitzer Innenstadt ist bekannt dafür, wie eine Filmkulisse auszusehen. 4.000 gelistete Denkmäler befinden sich hier, die Innenstadt von Görlitz ist damit das flächengrößte zusammenhängende Denkmalgebiet Deutschlands. Hollywoodfilme wie Grand Budapest Hotel wurden hier gedreht – was der Stadt den Spitznamen Görliwood einbrachte. Das Problem: Nirgends in Görlitz steht so viel Wohnraum leer wie in der Innenstadt.

“Die Innen- und Altstadt wurden zu DDR-Zeiten sehr lange vernachlässigt”, sagt Constanze Zöllter. “Nach der Wende wurde sie mit großem Aufwand in großen Teilen saniert.” Auch wenn es inzwischen wieder Zuzug in die Innenstadt gibt, bevorzugen viele Görlitzer*innen die Randgebiete, in denen es moderne Wohnungen mit Balkonen, Fahrstühlen und Parkplätzen gibt und Grünflächen sowie Versorgungsstrukturen nah sind. Die Teilnehmenden des Projekts wohnen deshalb dort, wo sich in den meisten anderen deutschen Städten die Prime-Lage befindet: der Innen- und Altstadt.

Ich war erst mal überfordert von der großen Wohnung.

Leonard Ermel
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Während seines Probemonats wohnte Leonard in einer Gründerzeitwohnung in der Innenstadt. Foto: © ze.tt

Leonard wohnt in Berlin in einer Wohnung, um die ihn vermutlich viele beneiden würden: eine gemütliche Einzimmerwohnung mitten in Kreuzberg für nur 340 Euro Miete. Andere zahlen für ähnlichen Wohnraum das Doppelte oder gar Dreifache. In Görlitz bewohnt er alleine eine Dreizimmerwohnung. “Ich war erst mal überfordert von der großen Wohnung”, sagt Leonard. Schaut man aus dem Fenster, sieht man einen hochgewachsenen Baum, der sich sanft im Wind wiegt. Hören tut man – nichts. Keine hupenden Autos, keine vorbeizischende U-Bahn, keinen Straßentrubel. “Am Anfang ist mir die Ruhe noch aufgefallen”, sagt Leonard. “Zwei Wochen später hab ich mich schon daran gewöhnt.”

Die Ruhe und Entschleunigung der Mittelstadt sprach fast jede*r Teilnehmer*in gegenüber Constanze Zöllter an. “Mehr als zwei Drittel der Bewerbungen kommen aus Großstädten. Viele nehmen dort einerseits die Mietpreise als negativ wahr, andererseits den Stress, den Verkehr und den Lärm.” Sie empfänden das Wegfallen dieser Großstadtattribute als angenehm – auch, um mal in Ruhe arbeiten zu können.

Warum sind Mittelstädte für Kreative interessant?

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Leonards Arbeitsplatz: Das Kühlhaus am Rande von Görlitz. Foto: © ze.tt

Leonards Arbeitsplatz in Görlitz sieht ein bisschen so aus, als hätte man das Berghain genommen und irgendwo in die ostdeutsche Pampa gesetzt. Das Kühlhaus war zu DDR-Zeiten ein Lebensmittellager. Nach der Wende verwahrloste das Gebäude. In den 00er-Jahren wurde es von jungen Görlitzer*innen wiederentdeckt und zunächst für Technopartys genutzt.

Inzwischen ist das Gebäude der feuchte Traum kreativer Großstadthippies. Es gibt dort einen Veranstaltungsraum für Konzerte und Partys, eine Siebdruck- und Holzwerkstatt sowie ein Fotostudio, einen Workshopraum mit Bar und eine Skatehalle. Auf dem Gelände rund herum entstehen derzeit ein Campingplatz sowie Langzeit- und Kurzzeit-Ateliers. Überall stolpert man über Retrosofas und -sessel, alles sieht improvisiert und handgemacht aus.

Außerdem auf ze.tt: So sehen Berliner*innen aus, die gerade aus dem Berghain stolpern

Orte wie das Kühlhaus waren einer der Gründe, warum Leonard nach Görlitz wollte: “Durch den Leerstand gibt es hier viel städtischen Freiraum und damit viele Möglichkeiten, Projekte zu starten”, sagt er. Auf die Frage, warum sich Görlitz als Stadt für Kreative eignet, antwortet Zöllter: “Es ist umgekehrt: Viele der Teilnehmenden sagen, dass es die Großstadt nicht mehr tut.” Stattdessen seien sie auf der Suche nach alternativen Lebensformen. “Und da sehen wir die Chance für Mittelstädte, wie Görlitz eine ist”, so Zöllter. “Hier gibt es ausreichend urbanes Leben, Einkaufsmöglichkeiten, Kulturangebote, aber nicht die Stressfaktoren, die es in einer Großstadt gibt.”

Viele der Teilnehmenden sagen, die Großstadt eigne sich nicht mehr für Kreative.

Constanze Zöllter, Stadtumbau-Expertin

Infrage käme das Leben in einer Stadt wie Görlitz jedoch nur für diejenigen, die hier eine ökonomische Basis fänden. Leonard ist selbstständiger Grafikdesigner und Illustrator. Er kann seine Aufträge von überall aus bearbeiten, Kontakt zu Auftraggeber*innen findet überwiegend telefonisch oder digital statt. Müsste Leonard regelmäßig für Termine durch ganz Deutschland trudeln, sähe die Situation anders aus.

“Die Lage ist ideal für Leute, die in Richtung Osteuropa vernetzt sind: Nach Breslau und Berlin fährt man gleich lange. Aber wenn man im Großraum Deutschland unterwegs ist, ist es von Görlitz aus ein bisschen schwieriger”, sagt Zöllter. Gut sieben Stunden braucht man mit dem Zug von Görlitz nach Köln oder München. Die Verbindungen zwischen den Großstädten sind besser ausgebaut. Die meisten Menschen, die sich für das Projekt Stadt auf Probe bewerben, sind wie Leonard standortunabhängig: freischaffende Maler*innen, Bildhauer*innen, Fotograf*innen, aber auch Autor*innen, Journalist*innen oder Blogger*innen. Auch einige Onlinebusiness-Betreiber*innen waren dabei.

Was die Lebenssituation angeht, sticht Leonard als 29 Jahre alter Single aus dem Feld der Bewerber*innen heraus. Viele Bewerbungen kamen von Familien oder Menschen in festen Beziehungen zwischen 30 und 40, die sich überlegen, ob sie wirklich in der Großstadt eine Familie gründen oder Kinder großziehen möchten. Die zweite größere Gruppe waren Menschen zwischen 50 und 60 Jahren, deren Kinder bereits erwachsen sind und die noch mal etwas anderes machen und erleben wollten.

Auch in Görlitz gibt es alternative Bars und Punkkonzerte

Statt Kita-Plätzen und E-Biketouren interessierte Leonard stärker die Frage, wo man Gleichaltrige auf ein Bier trifft. Er hatte Glück: Bereits am ersten Wochenende kurz vor der Corona-Krise traf er jemanden, der ebenfalls in das Projekt involviert ist, zufällig in einer Bar und lernte dessen Freund*innen kennen. Nach der Bar ging es zu Fuß in einen Club in der Nähe der polnischen Grenze, wo ein Punkkonzert stattfand.

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In seinem Skizzenbuch hat Leonard Alltagmomente festgehalten: zum Beispiel in Bars mit Freunden. Foto © ze.tt / Illustration: © Leonard Ermel

“Wenn man sich mit Freunden treffen will, dann hat man nicht wie in Berlin das Problem, dass die vielleicht in einem ganz anderen Stadtteil abhängen, sondern sehr wahrscheinlich irgendwo in der Nähe sind”, sagt er. “Man kann auch in die von der linksalternativen Szene besuchten Bars oder Clubs gehen, ohne verabredet zu sein, und trifft jemanden, den man kennt.”

In Berlin könnte ich in einer Nacht in zehn Theater gehen. Aber meistens gehe ich doch nur alle drei Monate einmal.

Leonard Ermel

Überhaupt hat Leonard nach zwei Wochen Aufenthalt den Eindruck, jede*r kenne hier jede*n über ein paar Ecken. “Für mich als Großstädter, der nie länger in einer kleinen Stadt gewohnt hat, ist es auf jeden Fall auch befremdlich”, sagt er. “Für die kurze Zeit, die ich in Görlitz bin, ist das cool – aber ich weiß nicht, wie das auf Dauer wäre. Ich glaube, ich würde die Berliner Anonymität vermissen: Dass man machen kann, was man will, ohne sich Sorgen zu machen, dass es am nächsten Tag alle wissen.”

Das Berliner Überangebot vermisst er nicht: “Klar, da könnte ich in einer Nacht in zehn Theater gehen. Aber meistens gehe ich doch nur alle drei Monate einmal.” In Görlitz gäbe es prinzipiell fast alles, was es auch in Berlin gäbe – mit Ausnahme der Livekonzerte, denn anders als Berlin würden nur wenige bekannte Bands in der Mittelstadt Halt machen.

Wie ist es in einer Stadt zu wohnen, in der die AfD so stark ist?

Die Görlitzer*innen, denen Leonard erzählte, dass er Probebewohner sei, fanden das Projekt gut. Einer betonte explizit, wie wichtig es sei, dass junge Menschen in die Stadt kämen. Er selbst ziehe allerdings bald weg, ihm sei das politische Klima “zu krass”. Im Juni 2019 fand eine Stichwahl zwischen den Oberbürgermeister-Kandidaten von AfD und CDU statt. Die AfD verlor, dennoch stimmten fast 45 Prozent für den rechten Kandidaten. “Bevor ich herkam, hatte ich generell dieses Vorurteil über Sachsen, nicht speziell über Görlitz”, sagt Leonard. “Es hat sich insofern bewahrheitet, als dass es die jungen Leute, die ich hier kennengelernt habe, stark beschäftigt.”

“Viele Leute kamen mit einem sehr schlechten Bild zur politischen Lage hier her”, sagt auch Constanze Zöllter. Vor Ort würden sie die Erfahrung machen, dass es eben nicht so schwarz und weiß sei, wie es häufig durch die Medien transportiert würde. Für die Stadt sei es wichtig, dass diese Perspektive nach außen getragen werde – egal ob die Menschen sich dazu entscheiden, in Görlitz zu bleiben oder nicht.

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Für das Projekt Stadt auf Probe haben sich seit dem Start im Januar 2019 150 Haushalte beworben, 54 seien angenommen worden und vier bis Ende 2019 tatsächlich umgezogen. Aufgrund der Corona-Pandemie mussten die Durchgänge von April und Mai abgesagt werden. Im Juni soll der letzte Durchgang stattfinden, ob das klappen wird, ist noch unsicher. Für Constanze Zöllter ist nicht nur die Anzahl der Umzüge ein Erfolgskriterium – sondern auch, welches Bild von Görlitz nach außen getragen würde und welche neuen Projekte dadurch in der Stadt entstünden. “Die Kreativen kommen her, stellen fest, dass es hier durchaus eine Szene gibt und erzählen dann anderen von ihren positiven Erfahrungen. Das ist ein wahnsinniger Mehrwert für die Stadt”, sagt sie.

Andererseits gäbe es dank Stadt auf Probe inzwischen auch neue Initiativen in der Stadt. Zum Beispiel das Projekt Marktschwärmer: Ein Teilnehmer verbrachte die vier Wochen damit, vor Ort Strukturen aufzubauen, mit Bäuer*innen und Höfen Kontakt aufzunehmen, und jemanden zu suchen, der das Projekt weiter betreuen kann. Seit einem halben Jahr können Görlitzer*innen nun fair produzierte Lebensmittel aus der Region erwerben, die es so nicht im Supermarkt zu finden gibt. “Von diesen Ideen, die von außen in die Stadt getragen werden, profitiert die Stadt auch immens”, sagt Zöllter.

Womit sich Leonard auch nach vier Wochen nicht anfreunden konnte, waren die Öffnungszeiten in Görlitz: “An einem Wochenende waren Freunde aus Berlin da”, erzählt er. “Wir wollten was Essen gehen aber sind erst relativ spät losgekommen. Da hatte fast alles schon zu. Im Endefffekt waren wir dann in einem Dönerladen.” Auch die Bars oder Küfa-Projekte, in die er in Görlitz gerne gehe, hätten nicht an jedem Tag geöffnet, was das Angebot beschränke.

Leonard kann sich inzwischen vorstellen, irgendwann mal in einer mittelgroßen Stadt zu wohnen. Aber noch nicht jetzt. Jetzt zieht es ihn erst mal in seine Kreuzberger Wohnung zurück. Noch vermisst er den Trubel Berlins.


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