In keiner anderen Stadt spürt man den Sozialismus so sehr wie in Eisenhüttenstadt

In der brandenburgischen Peripherie sollte zu DDR-Zeiten die Utopie eines besseren Lebens verwirklicht werden. Was ist daraus geworden?

Etwas mehr als eine Stunde braucht die Regionalbahn von Berlin nach Eisenhüttenstadt. Kurz vor dem Zielbahnhof schnurrt die Bahn an einem riesigen Fabrikgelände vorbei: dem Stahlwerk ArcelorMittal. Kurz darauf wird man unter weißen Wattewolken in die flirrende Hitze ausgespuckt. Mit einem „Ich bin kein Rassist, aber ich hasse euch alle“-Graffiti begrüßt einen die Bahnhofsmauer herzlich. Die AfD-Plakate rundum hängen beängstigend tief.

Blick auf das Eisenhüttenkombinat, aufgenommen am 09.08.1960. Foto: dpa

In den 50er-Jahren beschloss die DDR-Führung den Bau des Eisenhüttenkombinats Ost, kurz EKO, wie das Stahlwerk früher hieß. Neben der Fabrik sollte eine komplett neue Stadt für die Arbeiter*innen des Werks entstehen – die erste sozialistische Stadt Deutschlands, so der Plan. Karl-Marx-Stadt sollte diese Wohnsiedlung ursprünglich heißen, aber dann starb Josef Stalin. Also überließ man den Philosophen den Sächs*innen und benannte Eisenhüttenstadt nach dem sowjetischen Führer. Erst in den 60er-Jahren, als man sich in der Sowjetunion und der DDR zunehmend vom Stalinismus distanzierte, erhielt die Stadt ihren heutigen Namen: Eisenhüttenstadt.

Die Idee

Mit Eisenhüttenstadt versuchte die DDR-Führung, Ideen von einer besseren Stadt zu realisieren. Wir befinden uns in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Viele Großstädte sind insbesondere in den Kiezen der Arbeiter*innen geprägt von überfüllten Mietskasernen, schlechten Wohnverhältnissen, wenig Grün- und Freiflächen, von sozialen oder kulturellen Angeboten ganz zu schweigen. Der Reporter Egon Erwin Kisch beschrieb das Leben in der Industriestadt Berlin in den 20er-Jahren so: „Tag und Nacht ist Berlin, die Großstadt, tätig, in der die Gegensätze sinnfällig beisammen wohnen, ohne daß Tausende es merken, daß dem, der die Arbeiten leistet, die Genüsse versagt sind.“

In der ersten sozialistischen Planstadt sollte alles anders werden. Hier sollte es weder privaten Grundbesitz noch Klassenunterschiede geben, Ingenieur*innen neben Arbeiter*innen wohnen. Gleichheit und die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse standen im Mittelpunkt der Planung. Moderne Wohnungen, Theaterbesuche, eine gute Schulbildung, Kleinkinderbetreuung, Erholung in ausgedehnten Grünflächen und exzellente gesundheitliche Versorgung sollten nicht nur einigen wenigen, sondern allen ermöglicht werden.

Eisenhüttenstadt war damit auch ein wichtiges Propagandaprojekt. Es sollte eine ästhetisch vollendete Stadt werden. „Die Widerspiegelung der Realität in der baulich-räumlichen Umwelt sollte die Menschen im Geiste des Sozialismus umformen und erziehen“, schreibt Andreas Seidel 1995 in seiner Diplomarbeit zur Stadtplanung Eisenhüttenstadts. Das Ziel, eine schöne Stadt zu schaffen, sollte nicht nur ein menschliches Bedürfnis befriedigen, sondern die Überlegenheit des politischen Systems transportieren. Die Pracht der Stadt sollte dazu beitragen, von der Richtigkeit des sozialistischen Modells insgesamt zu überzeugen.

Die Utopie, die in Eisenhüttenstadt realisiert werden sollte, schlug sich in einer für Deutschland bis dato einzigartigen Stadtplanung und Architektur nieder. Was ist heute, 30 Jahre nach Ende des deutsches Staatssozialismus, noch davon übrig?

Die Magistrale

Die Leninallee, heute Lindenallee, in Eisenhüttenstadt, aufgenommen am 12.06.1975. Foto: ADN/dpa

Der Bahnhof liegt bei Fürstenberg, früher ein eigener Ort, der seit 1961 Teil der Stadt ist. Um zur Planstadt, dem eigentlichen Kern Eisenhüttenstadts, zu gelangen, muss man einer vielbefahrenen Einfallstraße folgen, die aussieht wie jede Einfallstraße Deutschlands: Autohäuser reihen sich an noch mehr Autohäuser.

Nach etwa 20 Minuten Fußmarsch kreuzt die Lindenallee – einst Leninallee –, die Magistrale der Stadt. Böge man rechts ab, käme man zum Stahlwerk, links geht es mitten hinein in die Planstadt. Alte Stadtentwürfe sehen an dieser Stelle ein Werkstor vor, das die Arbeiter*innen zu ihren Schichten empfangen sollte. Skizzen zeigen einen prunkvollen Bau, der an adlige Schlösser erinnert. Gebaut wurde es nie. Heute versammeln sich lose um die Kreuzung der Ableger einer Fast-Food-Kette, eine Dönerbude, ein Einkaufszentrum und einzelne Hochhäuser.

Die linksabbiegende Lindenallee sollte die Paradestraße Eisenhüttenstadts werden, eine prächtige Verbindungsstraße zwischen der Wohnstadt und dem Stahlwerk. Der einzige repräsentative Bau an der Magistrale, der tatsächlich verwirklicht wurde, ist das Friedrich-Wolf-Theater. Der Rest ist beeindruckend unbeeindruckend. Läden reihen sich geduckt aneinander, Imbiss, Blumenladen, die Zentrale der Linkspartei, eine Eisdiele, in der es neongrünes Vodka-Energy-Eis gibt, für dessen Konsum man 18 Jahre oder älter sein muss.

Der Zentrale Platz

Geht man die Lindenallee weiter entlang, gelangt man zum Zentralen Platz. Dieser sollte mehrere Funktionen erfüllen, vom „Versammlungsplatz für die Bevölkerung bis zum Platz für die Selbstdarstellung des Staates“, schreibt Elisabeth Knauer-Romani in ihrem Buch Eisenhüttenstadt und die Idealstadt des 21. Jahrhunderts. Monumentale Gebäude sollten ihn säumen, ein Kulturhaus, das eine Art Gemeindezentrum mit vielfältigem kulturellen Angebot sein sollte, ein Rathaus samt Turm und ein barock-klassizistisches Haus der Partei. Die pompöse Gestaltung sollte nicht allein ästhetisch ansprechend sein, sie sollte auch „die Stärke und Geschlossenheit der demokratisch-antifaschistischen Ordnung“ repräsentieren, schreibt Knauer-Romani.

Einzig das Haus der Partei wurde tatsächlich gebaut, heute ist es das Rathaus. Ansonsten wird der Platz heutzutage überwiegend als zentraler Parkplatz genutzt und damit dürfte Eisenhüttenstadt eine der wenigen Städte Deutschlands sein, in der es keinen Parkplatzmangel im Zentrum gibt. „In der Ausführungsgeschichte des Zentralen Platzes spiegelt sich exemplarisch für die gesamte Stadt die unüberbrückbare Kluft zwischen den utopischen sozialpolitischen Ansprüchen und den realen Kapazitäten des Bauwesens der DDR wider“, schreibt Knauer-Romani.

Für unbelesene Besucher*innen, die nicht wissen, was hätte werden sollen, wird diese Kluft am sichtbarsten, wenn man einen Spaziergang durch die vier Kernkomplexe der Planstadt unternimmt. Jeder Wohnkomplex stellt eine in sich abgeschlossene Siedlung dar. Bedeutet: Alles, was die Arbeiter*innen für den täglichen Bedarf benötigten, befand sich in direkter Nähe: Kindergärten, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten, Gaststätten. Leitgedanke war es, eine Stadt der kurzen Wege zu kreieren, ausgerichtet an Fußgänger*innen und Fahrradfahrer*innen, statt dem Autoverkehr.

Die Wohnkomplexe I bis III

Steht man vor den Wohnanlagen des I. und II. Wohnkomplexes, drängt sich bis auf wenige Ausnahmen das Gefühl auf, hier vor einer kleinen Palastanlage zu stehen – Paläste für Arbeiter*innen. Die drei- bis viergeschossigen Gebäude mit flachen Dächern tragen muntere Pastellfarben.

Wie auch in der heutigen Karl-Marx-Allee in Ostberlin knüpft der Architekturstil an den Klassizismus an: Es dominieren klare Linien, alles ist sehr symmetrisch angeordnet, teilweise verzieren feine Ornamente die Fassaden. Manche Gebäude tragen Säulenhallen als Vorbau an der Haupteingangsseite, die an die römische und griechische Antike erinnern. Die Häuser sind nicht in Reihen, sondern in Blöcken angeordnet, sodass ausgedehnte, begrünte Innenhöfe zwischen den Quartieren entstehen, die man durch torartige, geschwungene Durchgangsbögen erreicht.

Die Architektur der Gebäude des III. Wohnkomplexes ähnelt deutschen Fachwerkbauten und wirkt weniger monumental als die neoklassizistischen Bauten. Die Bauweise erinnert an den Heimatstil der 1930er Jahre: Erker, Tordurchgänge, die Dächer sind nicht mehr flach, sondern trapezförmig, an den Fassaden sind Reliefdarstellungen mit Motiven deutscher Märchen angebracht.

Kinder zwischen den Wohnblocks. Aufnahme vom August 1965. Foto: dpa

Gärten gibt es keine, die Innenhöfe können alle Bewohner*innen nutzen. Zwischen den Quartieren verlaufen verkehrsberuhigte Grünachsen, an denen sich öffentliche Gebäude wie Schulen, Kindergärten oder Museen befinden und in denen radelnde ältere Frauen einen ähnlich aggressiv aus dem Weg klingeln wie libanesische Hochzeitsgesellschaften auf der Berliner Sonnenallee. Dazwischen findet man alte Spielplätze, Wäschestangen, Bolzplatztore. Überall stehen Bänke herum, auf denen nur selten jemand sitzt. Der gesellschaftlich nutzbare Freiraum sollte, „im Gegensatz zu dem privaten Freiraum kapitalistischer Prägung, das kollektive Bewusstsein schärfen“, schreibt Andreas Seidel. Die Grünflächen boten keine privaten Rückzugsmöglichkeiten, sondern dienten der Kommunikation und Gemeinschaftsbildung.

Wollte man einen positiven Film über den Sozialismus drehen, dann wären die ersten Wohnkomplexe der Ort, an dem man dies tun sollte. Die sanierten Bauten sehen vermutlich besser aus, als sie es zu DDR-Zeiten je taten. Sie verzückten sogar Tom Hanks, der in der US-Talkshow von David Letterman von der „Iron Hut City“ schwärmte.

Die Wohnkomplexe IV bis VII

Die Sozialismusidylle endet zwischen dem III. und IV. Wohnkomplex. Hier sieht man eindrucksvoll die Schere zwischen dem Selbstbild, das die DDR schaffen wollte und der ökonomischen Lebensrealität. 1955 beschloss die DDR-Führung einen Richtungswechsel für Architektur- und Städtebau. Die Losung lautete: besser, schneller und billiger bauen. Es sollten keine neoklassizistischen Monumentalbauten mehr entstehen, sondern funktionale und wirtschaftliche Gebäude. Die Wohnblocks staffeln sich hintereinander, Grünflächen wurden reduziert. Statt freundlichen Pastelltönen dominieren triste braun-graue Farben. Teile des Wohnkomplexes werden aktuell saniert, was den trüben Eindruck verstärkt.

Kinder spielen im August 1974 auf einem Kinderspielplatz vor Plattenbauten in einem Neubauviertel in Eisenhüttenstadt. Foto: dpa

Die Wohnkomplexe I bis IV waren Teil des Gesamtkonzepts für Eisenhüttenstadt, ausgelegt für 30.000 Bewohner*innen. Doch das Stahlwerk benötigte weit mehr Arbeiter*innen, woraufhin die Wohnkomplexe V bis VII rund um die Kernstadt entstanden – in ähnlich funktionalem Stil wie auch der IV. Wohnkomplex. Auf ihrem Höhepunkt Ende der 80er-Jahre zählte die Stadt über 53.000 Einwohner*innen. Dann kam die Wende, das Stahlwerk schrumpfte von 16.000 auf etwa 2.500 Beschäftigte und mit ihm auch die Stadt. 2017 hatte die Stadt mit gut 27.000 Einwohner*innen ungefähr den Bevölkerungsstand des Jahres 1960.

Dieses Schrumpfen zeigt sich in allen Wohnkomplexen rund um den sanierten Kernteil: Schulen verfallen, Ladenzeilen sind durch zersprungene Glasfronten begehbar, Graffiti und Birken erobern Fassaden und Dächer. In den Wohnkomplexen V und VI, denen die Eleganz der Innenstadt fehlt, wurden ganze Häuser abgerissen. Vom Wohnkomplex VII ist fast nichts mehr übrig.

Fazit

Eisenhüttenstadt enthält einen zum Staunen bringenden Dualismus: Einerseits die Idylle der sanierten Wohnkomplexe. Andererseits den Verfall, der in den 90er-Jahren in die Stadt einzog. In Konzept und Architektur der Stadt spiegelt sich die jüngere deutsche Geschichte wider. In dem Stadtplanungskonzept erkennt man die humanistischen und egalitären Ideale, auf denen sich das sozialistische Deutschland einst gründete. Im Prunk erkennt man die ideologische Verblendung, das Diktatorische, das die Gemeinschaft über das Individuum stellte. In der Schere zwischen Entwurf und Umsetzung erkennt man die ökonomischen Grenzen, an die das System stieß. Und am heutigen Verfall erkennt man das Versagen der Bundesrepublik den Menschen Ostdeutschlands gegenüber.


ze.tt erzählt Geschichten über Ostdeutschland – abseits von Stasi und Neonazis. Mehr dazu findest du auf unserer Themenseite.