In Nordirland wurde eine Journalistin erschossen – dahinter steckt ein 400 Jahre alter Konflikt

Im Jahr 1998 galt der Konflikt um Nordirland als beendet. Nach dem Brexit-Referendum flammt die Gewalt wieder auf, vor wenigen Tagen starb die Journalistin Lyra McKee. Was steckt hinter dem Konflikt?

Es ist der Abend des 18. Aprils in Nordirland, in der Stadt, die Derry oder Londonderry genannt wird – je nachdem, ob man für ein vereinigtes Irland ist oder loyal zu Großbritannien steht. In dem Viertel Creggan kommt es zu Ausschreitungen. Die Polizei durchsucht Häuser nach Waffen. Mitglieder oder Sympathisant*innen der New Irish Republican Army (New IRA) werfen selbstgebastelte Benzinbomben. Autos brennen. Schüsse werden abgefeuert. Einer davon trifft die 29-jährige Journalistin Lyra McKee. Später stirbt sie im Krankenhaus.

Lyra McKee ist Opfer eines Konflikts geworden, dessen Wurzeln bis ins 16. Jahrhundert zurückgehen. Der Konflikt verläuft seitdem entlang verschiedener Linien: Katholik*innen gegen Protestant*innen, irische Unabhängigkeit und Wiedervereinigung gegen britisches Empire, irische Republikaner*innen gegen pro-britische Loyalist*innen.

Woher kommt der Hass zwischen Katholik*innen und Protestant*innen?

Im 16. Jahrhundert wurde Irland Teil des englischen Königreichs. Es kam zu ersten religiösen Auseinandersetzungen: Die meisten Ir*innen waren Katholik*innen – der englische König Heinrich VIII. brach jedoch mit dem Papst in Rom und errichtete die Anglikanische Staatskirche, die dem Protestantismus zugerechnet wird. Der irische Wunsch, ein unabhängiges Land zu sein, keimte auf.

Ursprünglich aus der Angst heraus, katholische Mächte wie Spanien könnten Fuß in Irland fassen, begannen ab 1560 Ansiedlungsprogramme von Engländer*innen. So entstanden insbesondere im Norden der Insel protestantische Gemeinden. 1613 wurde beispielsweise die irische Stadt Derry mit Engländer*innen besiedelt und der Hauptstadt London zugeteilt – und von den Neuankömmlingen in Londonderry umbenannt. Die meisten katholischen Ir*innen bezeichnen die Stadt bis heute als Derry.

Die Große Hungersnot

Im 19. Jahrhundert wurde die irische Unabhängigkeitsbewegung zu einer Massenbewegung. Grund dafür war die Große Hungersnot (Great Famine) zwischen 1846 und 1849, bei der sich die irische Bevölkerung um fast 2 Millionen Menschen verringerte. Viele Menschen verhungerten oder wanderten in die USA aus. Die britische Regierung tat wenig, um die Hungersnot zu bekämpfen. Um die Jahrhundertwende entstanden unzählige Unabhängigkeitsgruppen, wie Sinn Féin, eine heute noch aktive Partei.

Der Osteraufstand im April 1916 gilt als letzter Meilenstein auf dem Weg zur irischen Unabhängigkeit. Am Ostermontag kam es zu einem Aufstand in Dublin, Gebäude wurden besetzt und eine provisorische Regierung der Republik Irland ausgerufen. Britische Truppen schlugen den Aufstand blutig nieder und richteten die Anführer hin. Der Osteraufstand gilt als Geburtsstunde der alten IRA, zu der sich verschiedene anti-britische Widerstandsgruppen zusammenschlossen. Es folgte der irische Unabhängigkeitskrieg, in dem die alte IRA in einer Art Guerillakampf gegen die britische Regierung kämpfte.

Der Unabhängigkeitskrieg führte zum Anglo-Irischen Vertrag, der 26 der insgesamt 32 irischen Countys die Unabhängigkeit von Großbritannien gewährte. Nicht ganz Irland wollte die Unabhängigkeit: Weite Teile des protestantisch geprägten Nordens wollten weiterhin Teil des Vereinigten Königreichs sein. Seitdem ist Irland zweigeteilt – in einen katholisch geprägten Süden, die Republik Irland, und einen protestantischen, pro-britisch geprägten Norden.

Eine geteilte Insel

Der Konflikt war damit jedoch nicht beigelegt. Denn obwohl der Norden protestantisch geprägt ist, lebte und lebt dort eine katholische Minderheit, von denen wiederum viele mit der Idee eines vereinigten Irlands sympathisierten. Diese Haltung wurde befördert durch eine restriktive Politik und strukturelle Diskriminierung vonseiten der nordirischen Loyalist*innen und der britischen Armee gegenüber Katholik*innen. Die Arbeitslosenquote bei Katholik*innen war beispielsweise deutlich höher als bei nordirischen Protestant*innen, katholische Nord*irinnen hatten einen schlechteren Zugang zu Bildung und schlechtere Wohnbedingungen (PDF). Der in den 60er-Jahren aufbrechende Bürger*innenkrieg hat also nicht nur konfessionelle Gründe: Auch ökonomische, soziale und politische Ungleichheiten förderten den Konflikt.

Der sogenannte Nordirlandkonflikt (The Troubles) begann in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Ab 1966 kam es wiederholt zu blutigen Zusammenstößen zwischen pro-britischen Loyalist*innen, der britischen Armee und pro-republikanischen Iri*innen, die ein geeintes Irland forderten, sowie Bürgerrechtsaktivist*innen. In dieser Zeit bildeten sich insbesondere in Belfast und Derry/Londonderry strikt voneinander getrennte katholische und protestantische Wohnviertel.

Bloody Sunday, Bloody Friday

1969 formierte sich die sogenannte Provisional IRA (PIRA), eine Splittergruppe der alten IRA. Sie verschrieben sich dem Kampf für ein vereinigtes Irland sowie für Gleichberechtigung der katholischen Bevölkerung Nordirlands – und schreckten nicht davor zurück, Gewalt anzuwenden, um diese zu erreichen. Großbritannien stufte die Organisation als illegale terroristische Gruppe ein. Britische Truppen wurden nach Nordirland geschickt, um die PIRA zu bekämpfen. Die Soldaten verfuhren relativ unglimpflich, insbesondere mit katholischen Ir*innen. Ständige Hausdurchsuchungen und Ausgangssperren führten dazu, dass die PIRA immer mehr Zulauf bekam.

Zur Eskalation kam es am 30. Januar 1972 in Derry/Londonderry, dem sogenannten Bloody Sunday. Aktivist*innen hatten eine Demo gegen die Praxis der sogenannten Internierung organisiert: Menschen, von denen vermutet wurde, dass sie Mitglied einer paramilitärischen Gruppe wie der IRA waren, konnten ohne Gerichtsverfahren eingesperrt werden. Die Demonstration sollte friedlich ablaufen, ganze Familien nahmen an dem Marsch teil. Dennoch warfen jugendliche Demonstranten Steine auf die britischen Truppen – bis diese eingriffen. Am Ende waren 13 unbewaffnete Demonstranten tot. Der Bloody Sunday schockierte die ganze Welt und gab der IRA und der irischen Wiedervereinigungsbewegung Auftrieb.

Die PIRA schlug mit unzähligen Bombenanschlägen zurück, bei denen nicht nur Angehörige der britischen Armee oder nordirischen Polizei, sondern auch Zivilist*innen ums Leben kamen. Katholische Viertel wurden zu Free Derry oder Free Belfast erklärt, die IRA kontrollierte Checkpoints und errichtete Barrikaden. Am sogenannten Bloody Friday am 21. Juli 1972 detonierten in Belfast 22 Bomben, die neun Menschen töteten und 130 verletzten.

Der Friedensprozess

Der Friedensprozess begann in den 80er-Jahren und mündete 1998 in das Karfreitagsabkommen. Bestandteil dessen war unter anderem, dass die Republik Irland nicht weiter auf eine Wiedervereinigung pocht. Gleichzeitig wurde die Möglichkeit einer Wiedervereinigung nicht ausgeschlossen, sollte sich eine Mehrheit der Nordir*innen dafür aussprechen. Weite Teil der IRA und andere paramilitärische Einheiten erklärten sich bereit, ihre Waffen abzugeben. Großbritannien sicherte zu, Truppen aus Nordirland abzuziehen.

Im Laufe des Bürger*innenkriegs starben in Nordirland 3.300 Menschen, etwa die Hälfte davon waren Zivilist*innen. Über 40.000 wurden verletzt. 350.000 Häuser wurden durchsucht und 10.000 Bomben explodierten.

Der Brexit und die New IRA

Seit dem Brexit-Referendum 2016 kocht der Nordirlandkonflikt wieder hoch. Mehr als die Hälfte aller Nordir*innen stimmte für den Verbleib in der EU. Ein kleiner radikaler Teil der IRA hat bis heute überlebt, und rief die New IRA aus. Am 18. April 2019 starb Lyra McKee durch eine Schussverletzung – die New IRA bekannte sich zu dem Anschlag, der eigentlich den Polizist*innen und nicht der Journalistin gegolten hatte.

Die New IRA soll sich aus etwa 200 Mitgliedern zusammensetzen, teils alte IRA-Kämpfende, teils unerfahrene Jugendliche. Anders als noch vor vierzig Jahren hat die New IRA keinen Rückhalt in der nordirischen Bevölkerung, auch nicht unter dem katholischen Teil. In Derry/Londonderry prangern in den katholischen Stadtteilen bis heute Graffiti mit Slogans der ehemaligen Freiheitskämpfer*innen. Auf einer Hauswand steht: „Sie betreten jetzt das freie Derry“. Trauernde haben darunter geschrieben: „Not in our name“ – nicht in unserem Namen.