Inspiration Porn: Wenn behinderte Menschen als Motivationskick dienen

Unser Autor erklärt, warum nicht-behinderte Menschen aufhören müssen, Menschen mit Behinderung für alltägliche Dinge zu bewundern.

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Ein Mann in einem Rennrollstuhl düst eine Straße entlang. Foto: Seth Kane / Unsplash | CC0

Ein Freund und ich sitzen in einer WG-Küche. Er starrt auf sein Smartphone, mit Tränen in den Augen. Als ich ihn frage, was er sich ansehe, zeigt er mir ein YouTube-Video, in dem eine junge Sängerin und Pianistin in der Gesangsshow Românii au talent auftritt, der rumänischen Version von DSDS. Auch das Live-Publikum und die Jury wischen sich Tränen aus den Augen. Wodurch sind diese Leute so bewegt? Das Lied, das die junge Rumänin Lorelai Moşneguţu singt, ist nicht sonderlich traurig, eher motivierend und aufbauend. Der Titel des Videos verrät mir schließlich den Grund für die Gesten der Betroffenheit: Girl With No Arms Sings & Plays Piano With Her Feet. Die Leute sowie mein Freund in der WG-Küche sind so bewegt, weil die Musikerin ihr Keyboard mit den Füßen bespielt.

Bei diesem Video handelt es sich um einen Fall von Inspiration Porn. Die mittlerweile verstorbene, australische Aktivistin Stella Young prägte den Begriff 2014. In einem TED-Talk beschrieb sie, dass behinderte Menschen oft als „Objekte der Inspiration“ herhalten müssten. Hier erkläre ich, was Inspiration Porn ist und wie er sich ständig in unserem Alltag äußert.

Der Inspiration Porn besteht weniger in der Aktion als in der Reaktion.

Um das Phänomen zu verstehen, ist es zunächst wichtig, sich klar zu machen, dass der Inspiration Porn weniger im Dargestellten als im Framing und den Reaktionen auf das Dargestellte besteht. So erklärt es sehenswert die YouTuberin Annie Elainey in der Folge What is Inspiration Porn? ihres YouTube-Kanals #LetstTalkTuesday.

Während Lorelai Moşneguţu bei Românii au talent sehr gelassen und konzentriert auftritt, als ob sie etwas ganz Alltägliches täte, reagieren das Publikum und die Jury mit ausgestellter Fassungslosigkeit. Das Publikum als auch die Jury reagieren wie auf ein Wunder, dass eine behinderte Frau eine begabte Musikerin sein kann.

Hat Inspiration Porn etwas mit Pornografie zu tun?

In der Tat haben der Inspiration Porn und die sexuelle Pornografie zwei Gemeinsamkeiten. Die sexuelle Pornografie soll den*die Konsumenten*in laut Definition sexuell erregen. Auch der Inspiration Porn soll das Publikum erregen – zwar nicht sexuell, aber emotional. Die zweite Gemeinsamkeit steckt in der Reduktion, die beide vornehmen: Während die sexuelle Pornografie auf die Genitalien der Pornodarsteller*innen fokussiert, reduziert der Inspiration Porn behinderte Menschen auf ihre Behinderung. Das wird im Titel des Mitschnitts von Românii au talent deutlich: Anstatt den Namen der Künstlerin Lorelai Moşneguţu zu nennen, reduziert er die Musikerin auf ihre Behinderung.

Zu was genau inspiriert ein Inspiration Porn?

Die Journalistin Judyta Smykowski schreibt in ihrer Erinnerung an Stella Young, dass der Inspiration Porn dem*der Konsumenten*in dazu verhelfe, in behinderten Menschen eine Inspiration für sein*ihr „eigenes verfahrenes Leben“ zu finden. So heißt es in einem Kommentar einer YouTube-Userin über die Sängerin Lorelai Moşneguţu, dass sie sich verglichen mit der behinderten Musikerin schäme, sich zu beschweren, wenn die Dinge in ihrem Leben mal schief liefen.

Die Logik dahinter ist: „Verglichen mit der behinderten Person, geht es mir ja gar nicht schlecht.“ Dieser Denke liegt die Unterstellung zugrunde, Behinderung wäre gleichbedeutend mit einem leidvollen Leben. Gegen dieses Vorurteil wendete sich bereits Stella Young in ihrem TED-Talk: „Uns wurde allen die Lüge aufgetischt, dass Behinderung eine schlechte Sache wäre“, sagt sie. „Das ist keine schlechte Sache.“ Zumindest solle man das nicht pauschal allen Menschen mit Behinderung unterstellen.

Der Inspiration Porn inspiriere weiterhin dazu, sich besonders anzustrengen. Ich lebe selber mit einer Körperbehinderung und habe solche Motivationsmomente bereits erlebt. Ein Beispiel aus der Schule: Wir machen einen Dauerlauf. Gerade überhole ich zwei Mitschülerinnen, als ich aufschnappe, wie die eine zur anderen sagt: „Guck mal, selbst der Konrad überholt uns schon. Dann müssen wir uns jetzt aber mal anstrengen.“ Die beiden Mädchen ziehen an und holen mich ein. Für sie war es ein Motivationskick, sich meine Behinderung ins Gedächtnis zu rufen.

Wie zeigt sich Inspiration Porn online?

Diese dem Inspiration Porn eigene Strategie findet sich nicht nur offline, sondern auch online – zum Beispiel in den Kommentaren zum YouTube-Video Amazing Violin Player, welches die japanische Violinistin Manami Ito zeigt. Ito spielt mit einer Armprothese Geige.

Eine YouTube-Userin schreibt unter dem Video, dass sie jetzt keine Ausreden mehr habe, um nicht gut Geige spielen zu können. Oder jemand, der*die als Lehrer*in zu arbeiten scheint, schreibt: „Ich sende dies an alle meine weichen US-Studenten, die ein so einfaches Leben haben.“ Wie diese Kommentare zeigen: Auch online werden behinderte Mensch als Motivationskick benutzt.

Auf Facebook kursiert das Video über Manami Ito unter dem Titel Amazing One Armed Violin Player – ein Titel, der wie für den Inspiration Porn typisch die japanische Musikerin auf ihre Behinderung reduziert. Auch hier wird Manami Ito zum Exempel für Entschlossenheit und Willenskraft erklärt. Facebook-User*innen reagieren mit Kommentaren wie „Wenn du nicht von ihrer Entschlossenheit ermutigt wirst und weiterhin denkst, das wird nichts … dann wird es auch nichts“ oder „Unglaublich, wie Menschen jede Behinderung überwinden können“.

Hinter solchen Sprüchen steckt der Glaube, behinderte Menschen wären Expert*innen darin, Grenzen zu überwinden und würden der Behinderung zum Trotz Erfolg haben. Dabei erleben es viele Menschen mit Behinderungen so, dass sie nicht trotz, sondern mit ihrer Behinderung leben.

Der US-amerikanische Gitarrist Mark Goffeney zum Beispiel, der seit Geburt ohne Arme lebt und Gitarre mit seinen Füßen spielt, berichtet in einem Video, dass es für ihn ganz natürlich sei, sein Instrument mit den Füßen zu spielen: „Ich habe meine Füße benutzt, um alles andere zu tun – also fühlte es sich wie eine natürliche Sache an, mit meinen Füßen Gitarre zu spielen.“

Frage dich immer: Für was applaudieren wir?

Mein Freund in der WG-Küche fragt mich, ob er denn etwa nicht durch behinderte Menschen inspiriert und berührt sein dürfe. Klar – nur sollte man darauf schauen, ob man sich gerade wirklich durch das, was die Menschen tun, inspirieren lässt, oder durch die Tatsache, dass sie eine Behinderung haben.

Mark Goffeney erzählt, dass er manchmal allein dafür bejubelt worden wäre, weil er seine Gitarre gestimmt habe. Damit, behinderte Menschen schon dafür zu beklatschen, dass sie eine Gitarre stimmen, unterschätzt man sie.

Stella Young sagte zum Ende ihres TED-Talks: „Ich möchte in einer Welt leben, in der wir keine so geringen Erwartungen an behinderte Menschen haben.“ An diesem Traum können wir alle arbeiten.

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1 Kommentar

  1. Amen! Ich rege mich jedes Mal sehr in Shows darüber auf, wenn behinderte Talente/ Talkgäste etc eingeführt, auf ihre Behinderung reduziert und oftmals unerträglich schwülstig und pathetisch als Helden, Wunder, Inspiration gehypt werden für Dinge, die für sie selbstverständlich und natürlich sind. Genau wie Sie es sagen: Bewunderung ja, aber bitte für die richtigen Dinge! Ich (stark sehbehindert) werde zum Beispiel immer wieder als “ so mutig“ oder „tapfer “ tituliert (mit Tränen in den Augen), weil ich allein (!!) Sachen unternehme oder verreise. Geht’s noch? Ich lebe mein Leben, Punkt.

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