Interview zu „Gut gegen Nordwind“: Kann eine virtuelle Beziehung funktionieren?

Nora Tschirner und Alexander Fehling spielen in Gut gegen Nordwind Figuren, die eine Beziehung ausschließlich digital führen. Ist das auch in der Realität möglich? Ein Interview

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Ein Märchen im digitalen Zeitalter: Leo (Alexander Fehling) und Emmi (Nora Tschirner) lernen sich durch einen Buchstabendreher per E-Mail kennen. Foto: © 2018 Tom Trambow für Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Der Roman Gut gegen Nordwind von Daniel Glattauer avancierte nach seiner Veröffentlichung 2006 schnell zum Bestseller. Die Geschichte eines Liebespaares, das im Buch ausschließlich per E-Mail kommuniziert, wurde zudem als Hörbuch vertont und vielfach im Theater aufgeführt. Jetzt spielen Nora Tschirner (SoloalbumKeinohrhasen) und Alexander Fehling (Inglourious Basterds, Goethe!) die Hauptrollen in der Verfilmung.

Durch einen Buchstabendreher lernen sich Emmi und Leo per E-Mail kennen und digital lieben. Funktioniert Liebe, wenn sie sich auf die virtuelle Welt beschränkt? Und was sind überhaupt die Kriterien für eine funktionierende Liebe? ze.tt hat Tschirner und Fehling getroffen und sie zum Film und zu virtuellen Beziehungen befragt.

ze.tt: Nora, Alexander – Gut gegen Nordwind ist ein schöner Film, ich habe ihn gerade angeschaut.

Nora Tschirner: Dann ist meine erste Frage: Was ist das für ein Gefühl, wenn man direkt aus diesem Film kommt und dann hier landet?

Es ist komisch. Man hat das Gefühl, man würde Alexander und dich schon lange kennen.

Nora Tschirner: (lacht) Das wird sich gleich wieder geben, weil wir beide ja eigentlich ganz anders sind. Deswegen war es ganz gut, dass wir auf der Bühne nach der ersten Präsentation des Films keine Zeit mehr hatten, etwas zu sagen. Das Publikum war noch so verstrahlt und da hätten wir nur den Zauber von Emmi und Leo zerstört.

Was hat euch denn am meisten daran gereizt, die Rollen von Emmi und Leo zu spielen?

Alexander Fehling: Was ich an der Geschichte am spannendsten fand, war, dass man die Leben der beiden getrennt voneinander kennenlernt. Man kann parallel mitverfolgen, was im Leben der beiden geschieht, während sie in Kontakt miteinander treten. Das Besondere an der Art von Kontakt – dem E-Mail-Schreiben miteinander – ist ja, dass die beiden weitestgehend unbeobachtet sind. Sie sind also wirklich allein und verhalten sich auch so. Das zu erforschen und zu erzählen, fand ich sehr interessant. Mal abgesehen davon, dass mich die Geschichte einfach berührt hat.

Nora Tschirner: Ich kann gar nicht genau sagen, was mir an Emmi so gefällt. Es ist eher die Welt und die Begegnung zwischen Leo und ihr, die mich fasziniert hat. Und der Sprachwitz, den Daniel Glattauer in seinem Buch wie eine Komposition geschrieben hat, fand ich mitreißend. Die Geschichte nimmt immer mehr Fahrt auf und entwickelt eine ganz besondere Dynamik, fast schon rauschhaft wird man mittenhinein gezogen. Zum Glück ging es mir bei dem Drehbuch dann auch so, das hätte ich vorher nicht gedacht.

Jeder Mensch geht auf seine Weise, wie er kann oder wie er muss, ein Beziehungsverhältnis ein. Manche machen es vielleicht auch aus Angst auf virtueller Ebene.

Alexander Fehling

Die Nähe zwischen Emmi und Leo findet im Film nur virtuell statt. Geht das wirklich oder muss man sich nicht auch sehen, um eine bestimmte Art von Nähe zu kreieren?

Nora Tschirner: Ich denke schon. Wir nennen das heute Virtualität, aber bei den großen Liebesbriefen der Vergangenheit war ja auch nicht gesagt, dass die sich immer sehen konnten. Oder wenn jemand auf See ging und du nicht wusstest, ob du ihn überhaupt irgendwann wiedersehen wirst. Da hat man es halt nicht Virtualität genannt, sondern Ferne.

Alexander Fehling: Die Menschen sind so unterschiedlich und jeder Mensch geht auf seine Weise, wie er kann oder wie er muss, ein Beziehungsverhältnis ein. Manche machen es vielleicht auch aus Angst auf virtueller Ebene. Andere haben vielleicht gar keine andere Möglichkeit – wer weiß, in welchen Lebensumständen sie auf der Suche sind oder ihren Sehnsüchten nachgehen.

Kann diese virtuell hergestellte Nähe denn in der Realität aufrechterhalten werden?

Nora Tschirner: Es gibt die Sentimentalismusfraktion, die sich nicht zutrauen, das Ganze in die Realität zu überführen. Und dann gibt es die, die sich eine Weiterführung wünscht, aber Angst hat, dass sie das Sehnsuchts- und Inselelement nicht durch die Realität getragen bekommen. Ich kann das auch verstehen, das ist ja oft die Gefahr. Ich glaube, das ist das, was man bei Emmi und ihrem Mann Bernhardt sieht. Es ist ja nicht so, dass die beiden nie das gleiche Potenzial hatten wie Leo und Emmi. Sondern dass die zwei ihre Insel verloren haben und keinen Zugang mehr zu ihr finden. Die Sehnsucht nach der Insel und ihr Durchsetzen ist letztendlich der Wunsch bei ganz vielen und die kann in dieser rein schriftlichen Kommunikation noch am ehesten bewahrt werden.

Die Realität muss man einfach ganz anders bespielen, als wir das alle beigebracht bekommen, dann ist sie ein ziemlich bunter Zirkus.

Nora Tschirner

Wie kannst du dir deine Insel erhalten, Nora?

Nora Tschirner: Ich glaube, man muss sie sehr verteidigen und das ist nicht immer möglich. Dazu gehören ja auch immer mehrere Leute. Es ist eine totale Disziplinfrage – allein schon an diesen Punkt zu kommen, wo man selber dieses disziplinierte Priorisieren von seiner Insel nicht mehr als unromantisch empfindet, sondern versteht, dass die wahre Romantik darin liegt, diese zu verteidigen. Es gibt Zeiten und Räume, die geschaffen werden müssen, zu denen man sich bekennt und in denen man sich begegnen kann. Das ist ja schon die erste Hürde. Ganz viele Leute finden das einfach mega unsexy. Zum Beispiel die klassische Datenight: Ich glaube, einer Sache einen Rahmen zu geben, tötet die Magie nicht, sondern macht sie überhaupt erst möglich.

Glaubt ihr denn, die Liebe zwischen Emmi und Leo schafft den Sprung in die reale Welt?

Alexander Fehling: Ich denk darüber gar nicht nach, ob sie es schaffen oder nicht. Für mich geht es nicht um das Ergebnis dieser Geschichte. Was ich interessant finde, ist, wie es zu den Dingen kommt, was auf dem Weg verhandelt wird und wie ich die beiden kennenlerne. Ob sie dann zusammenkommen oder woanders landen, ist für mich in dem Moment echt nicht wichtig.

Nora Tschirner: Zum Glück wissen wir das auch nicht nach dem Film. Ich möchte für beide, dass sie glücklich sind, so bekloppt das klingt. Es geht darum, dass ihr Leben so bunt wie möglich ist und sie diese Farbigkeit nicht wieder verlieren. Wenn es dafür reicht, dass sie sich einmal begegnet sind und sie das danach in ihr Leben integrieren können, können sie das auch sehr gerne selbstständig ohne einander machen. Und wenn sie das miteinander hinkriegen, Chapeau, sollen sie gerne zusammen sein. Ich finde, es gibt viel zu viele Beziehungen, die durchgezogen werden, weil es immer noch als das große gesellschaftliche Ziel gilt, eine Partnerschaftsbeziehung um jeden Preis bis über die Ziellinie zu bekommen. Wo ich mich frage: Was ist denn diese Ziellinie? Herzlichen Glückwunsch, Sie sterben jetzt und haben es geschafft, diese Partnerschaftsbeziehung aufrechtzuerhalten. Die Realität muss man einfach ganz anders bespielen, als wir das alle beigebracht bekommen, dann ist sie ein ziemlich bunter Zirkus.


Gut gegen Nordwind, Deutschland 2019, 122 min, FSK ab 0, von Vanessa Jopp, mit Nora Tschirner, Alexander Fehling, Ella Rumpf, Claudia Eisinger.