Iryna und Roxy reisen ein Jahr um die Welt, um auf 50 Techno-Festivals zu feiern

Zwei beste Freundinnen raven ein Jahr lang um die Welt. Was nach einem Riesenspaß aussieht, ist allerdings ein klar durchdachtes Projekt.

Manche Menschen setzen sich in einen Flieger, um in einem Land mit durchgehendem Sonnenschein zu entspannen. Andere reisen, um sich historisch bedeutende Orte anzusehen. Roxy Helmig (27) und Iryna Lehne (33) reisen um die Welt, um Party zu machen. Die zwei besten Freundinnen aus Stuttgart wollen in 35 Ländern auf 50 Festivals raven.

Diese kuriose Idee entstand im Mai 2017, als Iryna Zug fuhr. „Ich sah diese ganzen idyllischen Vororte, wo ruhige Menschen mit ihren Hunden spazieren gingen. Hier geh ich ein, dachte ich.“ Sie wollte aus ihrem Leben ausbrechen und ihrer Leidenschaft nachgehen: „Techno, Tanzen und Reisen“, sagt Iryna. Und mit Roxy fand sie eine Verbündete.

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Die zwei fassten den Plan, ein Jahr um die Welt zu reisen und Festivals zu besuchen. Seit April sind sie unterwegs und haben bisher 18 Festivals in 14 Ländern besucht. Bei der Auswahl der Festivals achtet das Duo auf Line-ups mit bekannten Techno-DJs, außergewöhnliche Locations oder besondere Konzepte. So haben sie beispielsweise schon an einer Partykreuzfahrt durchs Mittelmeer teilgenommen oder mit Blick auf die Alpen getanzt.

Das Besondere an Festivals ist, dass jeder so ist, wie er sein möchte.“ – Roxy

Aber Roxy und Iryna geht es um mehr als nur ums Feiern. „Wir wollen uns nicht ein Jahr kaputtraven, sondern eine Community aufbauen“, erklären die beiden. Raverglueck haben sie ihre Plattform genannt, mit der sie Festival-Fans auf der ganzen Welt verbinden wollen. Über Social Media rezensieren sie Festivals, schneiden Best-of-Videos und bauen eine Webseite über Festivals für elektronische Musik auf. Mehr als 250 sind bereits auf ihrer Liste zu finden.

„Das Besondere an Festivals ist, dass jeder so ist, wie er sein möchte. Jemand läuft als Einhorn rum – kein Problem. Diesen Spirit möchten wir einfangen und die Leute ermutigen, ihn mit nach Hause zu nehmen“, sagt Roxy.

Kein Feierurlaub, sondern eine Unternehmensgründung

Die besonderen Festival-Momente einzufangen, ist für die beiden besten Freundinnen zum Fulltime-Job geworden. Für ihre Auszeit haben sie bei ihrem Arbeitgeber ganz offiziell ein Sabbatical beantragt. Es soll dazu dienen, dass sie die Unternehmensgründung von Raverglueck vorantreiben können. In Zukunft, das hoffen sie, könnte die Plattform auch Geld abwerfen.

Man merkt, dass sie viel aus ihren alten Jobs im Einkauf und der Projektplanung mitgenommen haben. In ihrer alten Wohnung haben Roxy und Iryna ganze Wände bis unter die Decke mit Zetteln vollgeklebt. Wenn sie von ihrem Projekt Raverglueck erzählen, fallen immer wieder Worte wie „Entrepreneurial Spirit“, „Strategieworkshop“ und ganz oft „Excel“. Sie treten als Gründerinnen auf und legen viel Wert darauf, als professionell wahrgenommen zu werden.

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Die Anschubfinanzierung für ihr Projekt stammt nur zu Teilen aus ihrer eigenen Tasche. Ein Jahr lang haben sie gespart, wo es nur ging, aber letztendlich auch einen Kredit über mehrere zehntausend Euro aufgenommen. Für Roxy die einzig richtige Entscheidung: „Wir haben überlegt: Sparen wir drei Jahre und machen es dann? Da kommt vielleicht was dazwischen, der Zeitpunkt ist nie perfekt. Also haben wir gesagt, wir trauen uns und leben jetzt unseren Traum.“

Techno verbindet Menschen weltweit

Wenn sie von ihren bisherigen Highlights erzählen, kommen Roxy und Iryna immer wieder auf die USA zurück. In Detroit, der Geburtsstadt des Techno, haben sie viele der großen Idole spielen gesehen, zum Beispiel Carl Craig. Zum Electric Daisy Carneval in Las Vegas kamen mehr als 200.000 Besucher*innen. Die Atmosphäre sei eine ganz besondere gewesen. „Es war der Wahnsinn, wir haben uns wie Alice im Wunderland gefühlt“, schwärmt Iryna. Besonders, weil sie von einer Gruppe amerikanischer Techno-Fans wie Freundinnen aufgenommen wurden. „Wir haben uns alle an den Händen gehalten. Du lächelst nach links, jemand lächelt zurück, ihr tanzt zusammen.“

Nicht immer ist alles glitzernd-wunderschön, Iryna und Roxy können auch von Reinfällen berichten. Bei einem Festival in der Schweiz sei es viel zu voll gewesen, wären sie ständig angerempelt worden. Und vielen Besucher*innen wäre es vor allem wichtig gewesen, mit teurem Champagner abgelichtet zu werden.

Wir leben unseren Traum, wer kann das schon von sich behaupten?“ – Roxy

Auch das Reisen wird irgendwann anstrengend. Zum Alltag gehören auch verspätete Flüge, verpasste Busse und sehr wenig Schlaf. Die Verlockung sei groß, ständig zu feiern, und Roxy und Iryna müssten sich ziemlich disziplinieren. „Wir geben nicht bei jedem Festival Vollgas, müssen nicht jeden Act bis zum Ende sehen und trinken nur zu besonderen Anlässen Alkohol.“

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Bei so vielen Festivals, so viel Party muss doch auch mal die Luft raus sein. „Nein“, sagt Iryna, lacht und erzählt, dass Roxy erst gerade gesagt habe, dass sie schon wieder Lust habe zu raven. Kurz rechnen sie nach – erst drei Tage ist das letzte Festival her. „Wir leben unseren Traum, wer kann das schon von sich behaupten? Das gibt uns jeden Morgen eine krasse Energie“, sagt Iryna mit einem Strahlen.

Roxy und Iryna wollen andere ermutigen, auch auf Reisen zu gehen

Ihre Reise hat gerade erst begonnen, neun Monate lang reisen sie noch weiter. Nächstes Jahr einfach so in ihr altes Leben zurückkehren, das können sie sich noch nicht so richtig vorstellen. „Der letzte Tag des Sabbaticals ist nicht der letzte Tag von Raverglueck“, da sind sich die zwei sehr sicher. Sie träumen davon, dass sie zusammen mit anderen Raver*innen ihre Mission fortführen können und ihre Festival-Datenbank immer weiter wächst. Dafür müssen sie nun das Geschäft vorantreiben, Follower*innen sammeln und Kooperationspartner*innen finden.

Einen Satz haben sie auf ihrer Reise von anderen immer wieder gehört: „So etwas würde ich auch gerne machen, aber gerade ist nicht der richtige Zeitpunkt.“ Diesen Menschen möchten Roxy und Iryna zeigen, dass es sich lohnt, Bedenken über Bord zu werfen und Ideen umzusetzen. Auch wenn sie sich so verrückt anhören wie ein Jahr lang um die Welt zu tanzen.