Ist „Avatar: Der Herr der Elemente“ wirklich so gut, wie alle sagen?

Netflix arbeitet an einer Realfilmadaption von Avatar: Der Herr der Elemente. Zeit, sich die beliebte Zeichentrickserie anzusehen – oder nicht? Eine Kritik

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Die Serie Avatar: Der Herr der Elemente ist jetzt auch bei Netflix verfügbar. Foto: © Nickelodeon / Netflix

„Wasser, Erde, Feuer, Luft. Vor langer Zeit lebten alle vier Nationen zusammen in Harmonie. Doch dann erklärte uns die Feuernation den Krieg und alles änderte sich.“

Wer ein bisschen älter als 20 ist, kennt diesen Spruch wahrscheinlich. Katara, die Wasserbändigerin, sagt ihn am Anfang einer jeden Folge der Animationsserie Avatar: Der Herr der Elemente auf. In Deutschland lief die Serie von 2006 an auf Nickelodeon. Wir erinnern uns: Harry Potter und Herr der Ringe waren damals der heiße Scheiß und das wusste auch Nickelodeon. Also beauftragte der Sender die beiden Cartoonisten Michael Dante DiMartino und Brian Konietzko mit der Kreation einer Fantasy-Serie mit menschlichen Figuren.

Ursprünglich hatten DiMartino und Konietzko noch einen vierzigjährigen Zyklopen als Hauptfigur im Kopf, aber schnell wurde daraus der kleine Glatzkopf Aang, der im ewigen Eis am Südpol eingefroren wurde. Die beiden Geschwister Katara und Sokka finden ihn dort, ein großes Abenteuer beginnt.

Dass daraus eine so komplexe, herzliche und politische Serie entstanden ist, gleicht einem kleinen Wunder.

Worum geht’s bei Avatar: Der Herr der Elemente?

Wir befinden uns in einer Fantasy-Welt, in der es vier Reiche gibt: Feuer, Erde, Luft und Wasser. Einige Menschen können diese Elemente beherrschen, sie werden Bändiger*innen genannt. Die vier Reiche leben in Eintracht miteinander, bis die Feuernation die anderen König*innenreiche angreift. Den Krieg beenden kann eigentlich nur der Avatar, ein Held, der in jeder Generation wiedergeboren wird und im Gegensatz zu den anderen Bändiger*innen alle vier Elemente beherrschen kann. Leider ist der Avatar aber seit 100 Jahren verschollen, die Feuernation steht kurz vor der Weltherr*innenschaft. Das ist der Moment, in dem Katara und Sokka Aang im Eis finden, den Herrn der Elemente.

Gleich in der ersten Folge wird klar, wie groß die Gefahr, wie furchtbar der Krieg, wie wichtig Aang für die Zukunft der Welt ist. Die Reise der drei Freund*innen wird sich in drei Staffeln à 20 Folgen über den ganzen Erdball spannen. Ihr Ziel: Aang muss lernen, alle vier Elemente zu beherrschen und braucht deshalb ein*e Lehrer*in aus jeder Nation. Die zu finden, ist nicht allzu leicht. Denn die Feuernation ist totalitär organisiert, das Erdreich wird belagert, die Luftnomad*innen sind ausgerottet und der Wasserstamm befindet sich am fernen Nordpol.

Avatar: Der Herr der Elemente weckt mit dieser Prämisse sofort den Entdeckungsdrang beim Publikum und die Vorfreude auf das, was noch kommen wird. Eine wilde Reise durch eine auf ostasiatischer Geschichte basierende Fantasy-Welt beginnt.

Cultural Appreciation?

Eines muss man an dieser Stelle wohl feststellen: Hier haben zwei Weiße eine Serie über Asiat*innen gemacht und sind damit vermutlich ziemlich reich geworden. Heute würde man das wahrscheinlich kritisieren. Gleichzeitig gilt Avatar als eine Bastion asiatischer Repräsentation in Cartoons, weil es in westlichen Serien eher selten um asiatische Charaktere geht. Dass der Cultural-Appropriation-Vorwurf nie an Avatar gerichtet wurde, mag daran liegen, dass es diesen Diskurs vor 15 Jahren in der Öffentlichkeit noch nicht so ausführlich gab. Und auch daran, dass das Avatar-Team mit Edwin Zane einen ziemlich brillianten Cultural Consultant hatte.

Die Serie geht nämlich unheimlich inspiriert mit ihren Einflüssen um. Die Serie ist eine erstaunliche Mischung aus westlichem Cartoon und japanischem Anime. Einerseits sind die Episoden kurz, witzig und leichtfüßig, andererseits werden schwierige Themen verhandelt und erbitterte Kampfkunstgefechte ausgetragen, die sich aber nie – etwa wie bei Naruto oder Dragonball – über mehrere Folgen ziehen.

Um eine glaubwürdige Fantasy-Welt zu schaffen, haben sich die Autor*innen bei verschiedenen (nicht nur asiatischen) Kulturen bedient. Die Wasserstämme sind an die Inuit und Sirenkiki angelehnt, die Feuernation basiert ursprünglich auf japanischer, das Erdkönig*innenreich eher auf chinesischer Historie. Die Luftnomad*innen sind buddhistischen Mönchen nachempfunden. Auch die wichtigen Bauwerke der verschiedenen König*innenreiche sind Monumenten wie der Chinesischen Mauer und der Verbotenen Stadt nachempfunden.

Gleichzeitig war es den Macher*innen wichtig, diese Einflüsse nicht so offensichtlich zu machen, dass es zu politischen Komplikationen kommen könnte und so wurden sie wieder etwas verwischt.

Avatar: Der Herr der Elemente betreibt world building aus dem Lehrbuch

Der Detailreichtum, der hier genutzt wurde, um eine Fantasy-Welt mit ostasiatischen Bezügen zusammenzuführen, ist beachtlich. Die Kämpfe in Avatar sind ein Mix aus Magie und martial arts und jede der Kampfkünste ist einer asiatischen, ihrem Element ähnlichen nachempfunden, beim bodenständige Erdstil zum Beispiel einer Unterart des Kung-Fu.

Trotzdem erweckt Avatar gleichzeitig den Eindruck, als habe jemand vieles, das interessant ist, in einen Topf geworfen. Japanische Samurai-Uniformen und chinesische Malerei zum Beispiel. Ob das wirklich so feinfühlig war, lässt sich nicht so einfach beantworten, aber kann diskutiert und interpretiert werden.

Gleichzeitig verfügt Avatar über eines der besten world buildings überhaupt. So wie in Pokémon manche Monster zu Farmarbeit und andere als Reittiere benutzt werden, bauen und kontrollieren die verschiedenen Völker ihre Städte mit ihren magischen Kräften. Das Erdkönig*innenreich verfügt über ein weitreichendes Minensystem, die Hauptstadt der Wasserstämme ist komplett aus Eis gebaut und die Feuernation befindet sich schon im Zeitalter der Industrialisierung.

Die Welt von Avatar ist fesselnd, von Folge zu Folge taucht man immer mehr darin ab. Genau so soll eine Fantasy-Welt sein.

Erstaunlich erwachsene Themen

Das Spannendste an Avatar sind allerdings die unglaublich erwachsenen Themen, welche die Serie behandelt. Im Zentrum von allem stehen Krieg und Tod. Während Kinderserien das Wort „sterben“ lieber vermeiden, ist der Tod bei Avatar ein wiederkehrendes Thema. Kataras und Sokkas Mutter wurden getötet, Aangs ganzes Volk ausgerottet. Die ganze Serie dreht sich um die Frage, wie der hundertjährige Krieg die Welt verändert hat, wie politischer Widerstand organisiert werden kann und welche Mittel dazu benutzt werden dürfen – und welchen Weg man eher nicht gehen sollte.

Sexismus wird gleich in der ersten Folge Thema, als Katara ihren Bruder als Sexisten bezeichnet. Männliche Herrschaft zieht sich als Motiv durch die ganze Serie und gipfelt in einer Folge, in der ein Wasserbändiger Katara nicht unterrichten will, weil es gegen seine Kultur verstößt. Also fordert sie ihn zum Duell heraus und kann sich so seinen Respekt erkämpfen.

Avatar schafft hier und da auch Inklusion, ohne dass sie gekünstelt wirkt. Die Erdbändigerin Toph, die später zur Gruppe stößt, ist blind. Durch ihre Kräfte kann sie die Bewegungen ihrer Feind*innen erahnen und so neue magische Fähigkeiten entwickelt. Was auch bemerkenswert ist: Jeder der Bändiger*innenstile unterliegt einer anderen Philosophie: Tophs ist vielleicht am ehesten mit Achtsamkeit zu vergleichen.

In einer Folge erfahren die Gefährt*innen, dass die Bevölkerung einer Stadt vom totalitären Regime einer Schattenregierung kontrolliert wird, die ihren Bürger*innen verheimlicht, dass der Krieg überhaupt existiert. Die Serie wirft hier in gewissem Sinne die Frage nach der Wahrheit und auch der Wichtigkeit von journalistischer Arbeit auf.

Die Dichotomie zwischen Gut und Böse existiert bei Avatar eigentlich nicht, was vor allem im Charakter von Zuko klar wird. Er ist zunächst der klassische Antagonist, der den Avatar fangen will, um seine verlorene Ehre beim Anführer der Feuernation, seinem Vater, zurückzuerlangen. Dieses klassisch-männliche Narrativ wird immer wieder gebrochen und die Serie nimmt sich viel Zeit, zu zeigen, warum Zuko so wurde, um ihm schließlich die Möglichkeit der Läuterung zu geben.

Avatar ist eine der besten Kinderserien, die es gibt

Auch wenn Avatar immer wieder politische Themen verhandelt, gerät die Serie dadurch nie schwermütig. Sie schafft die Balance, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene verständlich und unterhaltsam zu sein.

Und das ist vielleicht der einzige Wermutstropfen: Man muss schon Lust auf ein bisschen Albernheit, ein paar Füllfolgen und mitunter etwas oberflächliche Dialoge haben.

Avatar ist und bleibt zwar eine Kinderserie, aber eine der besten, die es gibt. Und die lohnt sich auch für Leute, die das Intro noch nicht auswendig können.

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