Ist es makaber, dass das Dschungelcamp startet, obwohl in Australien Wälder brennen?

Heute geht Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! in die 14. Runde. Das Format steht in der Kritik, weil die Dreharbeiten trotz der Brände in Australien stattfinden.

Die Teilnehmer des Dschungelcamps 2020

Die diesjährigen Kandidat*innen des Dschungelcamps v.l.n.r.: Markus Reinecke, Elena Miras, Toni Trips, Daniela Büchner, Marco Cerullo, Günther Krause, Sonja Kirchberger, Prince Damien, Raúl Richter, Anastasiya Avilova und Sven Ottke. Foto: © TVNOW / Arya Shirazi

Es soll Menschen geben, für die gehört es zu den unverzichtbaren Highlights des Jahres im Unterhaltungsfernsehen: Das Dschungelcamp, Ort entwürdigender Prüfungen und gehässiger Streitereien zwischen mehr oder weniger anerkannten Prominenten. Doch unabhängig davon, was man allgemein von dem Trash-TV-Format und seinen Teilnehmer*innen hält, steht zu Beginn der 14. Staffel eine ganz andere Diskussion im Vordergrund: Anlässlich der sich ausbreitenden Brände in Australien wird die an der australischen Ostküste stattfindende Show heftig kritisiert. Es sei moralisch verwerflich, gar zynisch, eine Unterhaltungssendung zu drehen, während nur wenige Kilometer entfernt Tiere und Menschen sterben, so die Meinung zahlreicher User*innen in den Sozialen Medien.

Bereits seit 2004 läuft Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! bei RTL. Gedreht wird im australischen Bundesstaat New South Wales, auf einem Privatgelände nahe der Stadt Murwillumbah. Dort verbringen die zwölf Teilnehmer*innen unter ständiger Beobachtung bis zu zwei Wochen und buhlen um die Gunst des Publikums, das am Ende entscheidet, wer Dschungelkönig*in wird. Tägliche Aufgaben, die vor allem die Angst- und Ekeltoleranz der Promis – und des Publikums – ausreizen, gehören dabei genauso zum Unterhaltungsfaktor wie Lästereien am Lagerfeuer.

Quarzen ja, aber nur unter Aufsicht

Dieses wurde nun im Vorfeld wegen der akuten Brandgefahr gestrichen und soll durch Gaskocher ersetzt werden. Neben den bereits existierenden Evakuierungsplänen gäbe es dieses Mal außerdem zwei unabhängig voneinander laufende Alarmsysteme, die im Notfall mit Sirenen warnen. Auch für die Raucher*innen unter den Teilnehmenden gelten neue Regeln: Gequarzt werden darf nur noch im Zentrum des Camps, ein durch Brandspezialist*innen geprüftes Feuerzeug besitzt einzig der*die Teamchef*in; alle Zigarettenstummel werden in einer verschließbaren Box entsorgt.

Fakt ist doch, dass das Format in einer Kulisse stattfindet, die überall stehen könnte und es ist auch ziemlich egal, wo lebende Insekten verspeist werden müssen. Ich finde es daher besonders geschmacklos, trotzdem in Australien zu drehen, wo Menschen zu Schaden kommen.

Martin Rabanus, SPD-Medienexperte

Die Sicherheitsmaßnahmen klingen vernünftig. Doch für manche wird es dadurch nur noch absurder, an Australien als Drehort festzuhalten: „Fakt ist doch, dass das Format in einer Kulisse stattfindet, die überall stehen könnte und es ist auch ziemlich egal, wo lebende Insekten verspeist werden müssen. Ich finde es daher besonders geschmacklos, trotzdem in Australien zu drehen, wo Menschen zu Schaden kommen“, sagt der SPD-Medienexperte Martin Rabanus der BILD. Sein Parteikollege Karl Lauterbach fordert sogar, komplett auf die Show zu verzichten.

Auch ehemalige Teilnehmende stehen der diesjährigen Ausgabe des Dschungelcamps skeptisch gegenüber. Während der 2011 gekürte Dschungelkönig Peer Kusmagk es vor allem zu bedauern scheint, unter den gegebenen Umständen keine Vorfreude auf die Sendung entwickeln zu können, liefert Carsten Spengemann konkrete Vorschläge, wie man einen Beitrag leisten könnte, ohne das Dschungelcamp gleich abzusagen. Der Schauspieler, der an der zweiten Staffel teilnahm, schlägt vor, einen Teil der Werbeeinnahmen zu spenden. Spengemann gibt außerdem zu bedenken, dass an der Sendung neben der RTL-Crew auch australische Mitarbeiter*innen beteiligt seien, deren Jobs im Falle einer Absetzung gefährdet wären.

Wenn man jetzt nach Australien fliegt, um dort zu drehen, bekommt der Untertitel dieser Sendung ‚Holt mich hier raus‘ schon eine Bedeutung, die an Geschmacklosigkeit kaum mehr zu überbieten ist.

Margit Stumpp, medienpolitische Sprecherin der Grünen

Einer von ihnen ist Bob McCarron – besser bekannt als Dr. Bob. Bereits seit Beginn der Shows übernimmt er im deutschen und britischen Dschungelcamp die Rolle eines neutralen Spielleiters. Der 69-Jährige lebt mit seiner Frau im Kangaroo Valley und fürchtet derzeit um sein Zuhause: „Vor fünf Tagen habe ich mein Haus evakuiert und alles, was mir und meiner Frau wichtig ist, gemeinsam mit allen Wertgegenständen in Sicherheit gebracht. Gestern war das nächste Buschfeuer noch 27 Kilometer von meinem Haus entfernt, heute Morgen nur noch fünf. Meine ganze Heimatstadt ist leer. Nun hoffen wir auf den richtigen Wind und dass die Feuerwehr das Schlimmste verhindern kann“. Die diesjährige Staffel abzusetzen, hält Dr. Bob nicht für nötig.

Ebensowenig wie der ehemalige GZSZ-Star Raúl Richter, der am Freitag ins Dschungelcamp einzieht: „Egal, ob das Dschungelcamp stattfindet oder nicht, es löscht die Brände nicht“, schreibt er auf seinem Instagram-Account. Mit seiner Reichweite wolle er jetzt vor allem darauf aufmerksam machen, was in Australien passiert und für die Klimakrise sensibilisieren.

In Flugzeugen den Indischen Ozean überqueren, um dort, wo bereits 25 Menschen und 1,25 Milliarden Tiere an den Folgen der Brände starben, mit Klamauk für Einschaltquoten zu sorgen, bleibt unter anderem für diejenigen ein No-Go, die schon seit Jahren vor den Auswirkungen der Klimakrise warnen. „Das Konzept der Sendung, eine gefährdete Natur als belanglose Kulisse für seichte Unterhaltung zu nutzen, erscheint sowieso aus der Zeit gefallen“, kommentiert Margit Stumpp, medienpolitische Sprecherin der Grünen, gegenüber ze.tt. „Wenn man jetzt nach Australien fliegt, um dort zu drehen, bekommt der Untertitel dieser Sendung ‚Holt mich hier raus‘ eine Bedeutung, die an Geschmacklosigkeit kaum mehr zu überbieten ist.“

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