Ist Liebeskummer ein Grund, nicht zu arbeiten?

Wenn das Herz gebrochen ist, dann erscheint alles andere total egal. Nur zur Arbeit muss man ja trotzdem, Liebeskummer hin oder her. Aber was, wenn das einfach nicht geht?

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Liebeskummer ist für viele Arbeitnehmer*innen kein Grund, nicht zur Arbeit zu kommen. Foto: Matthew Henry / Unsplash | CC0

Die Augen sind rot und geschwollen vom Weinen, der Kopf pocht vom nicht schlafen, alles schmerzt und ist gleichzeitig dumpf und neblig, innen drin würgende Übelkeit und dieser glühende Eisball, der jede Sekunde zu explodieren droht. So oder so ähnlich fühlt sich akuter Liebeskummer an.

Unmöglich, in diesem Zustand Meetings zu moderieren, Präsentationen auszufeilen, Maschinen zu bedienen oder Excel-Listen zu bearbeiten. Geschweige denn, mit anderen Menschen oder sogar Kund*innen Kontakt zu haben. Alles, nur das nicht.

„Der Begriff Liebeskummer verharmlost einen Zustand, der auf psychischer und körperlicher Ebene weitreichende Auswirkungen haben kann“, erklärt die Psychologin Lisa Fischbach. Denn etwas so Abstraktes wie ein gebrochenes Herz kann sehr konkret werden und laut der Expertin nicht nur psychosomatische Symptome wie emotionale Schwankungen von tiefer Traurigkeit bis zu erhöhter Reizbarkeit auslösen, sondern auch Schlaf- sowie Konzentrationsstörungen, Appetitverlust und Gewichtsabnahme. Ziemlich genau wie eine Krankheit also.

Laut einer repräsentativen Studie der Datingplattform Elite Partner unter 3.789 Menschen ist jede*r sechste schon mal auf Grund von Liebeskummer oder Streit in der Beziehung nicht am Arbeitsplatz erschienen. Verständlich – siehe oben. Nur: Wie geht man damit um, wenn man sich wegen akuten Herzschmerzes außer Stande sieht, irgendeine Form der Leistung zu erbringen?

SOS Homeoffice

In manchen Jobs lässt sich möglicherweise das Gröbste durch ein oder zwei Tage im Homeoffice abfedern. Es kann eine große Erleichterung sein und quasi nicht vorhandene emotionale Energie sparen, keine gute Miene zum verzweifelten Spiel machen zu müssen und soziale Interaktionen aufs absolute Minimum zu beschränken.

Niemand sollte mitansehen müssen, wie man in Schlabberpulli und Pyjamahose neben der Arbeit tonnenweise Käsebrot oder Eis in sich hineinschaufelt und auch Schluchzpausen sind okay, weil man nicht extra dafür aufs Klo rennen muss. So lange am Ende des Tages die Aufgaben erledigt sind, ist alles mehr oder weniger in Ordnung.

Krankschreiben lassen? Ja!

Ob man dem*der Arbeitgeber*in wirklich mitteilen sollte, dass man gerade nur noch ein brüllschluchzendes, wehklagendes, zombieeskes Emo-Bündel ist, ist einzelfallabhängig und hängt von der Schwere des Liebeskummers und dem Verhältnis ab. „Liebeskummer als ‚Krankheit‘ wird von den meisten Personalabteilungen oder Führungskräften nicht als Legitimation für einen Ausfall verstanden“, erklärt Lisa Fischbach.

Aber wenn die Arbeit an sich gefährdet oder Kolleg*innen von den Gefühlsschwankungen und -ausbrüchen belastet würden, ist zu Hause bleiben wahrlich nicht die schlechteste Idee. Wer gar nichts mehr auf die Kette kriegt, muss sich nicht schämen, sondern kann und sollte laut Fischbach mit dem gebrochenen Herzen zum*r Ärzt*in gehen: „Je nach Schwere würde man fachlich korrekterweise von einer akuten Belastungsreaktion sprechen. Das ist ein Diagnoseschlüssel nach der WHO, der auch von Ärzten für eine Krankschreibung reichen würde.“

Und zwar aus gutem Grund: „Wer völlig neben sich steht und körperlich durch Schlafmangel und Gewichtsverlust keine Kraft mehr hat, der braucht Zeit zur Rekonvaleszenz, sonst schadet man sich auf lange Sicht“, erklärt die Psychologin.

„Reiß dich mal -…“ BATSCH!

Ein schlichtes „Ach, jetzt reiß dich mal zusammen“ bringt übrigens absolut nichts – weder, wenn man es zu sich selbst sagt, noch, wenn andere es einem an den Kopf werfen. Leid ist Leid und wenn einem das Herz aus der Brust gerissen und angezündet wurde und man mit dem emotionalen Überleben beschäftigt ist, hat man nachvollziehbarerweise wenig Sinn für die profanen Anforderungen des Arbeitslebens.

Das Problem dabei sind unter anderem die Erwartungen an uns selbst und andere; Liebeskummer hat keinen Raum in einer auf Funktionieren und Gewinnmaximierung ausgerichteten Gesellschaft. „Leid durch gescheiterte Liebesgefühle ist so wenig fassbar. Ein Schnupfen wird ernster genommen, das ist eine akzeptierte Krankheit“, sagt auch Lisa Fischbach.

Liebeskummer ist eine echte Krise

Manchmal kann Arbeit aber auch bei Liebeskummer helfen. Jede*r hat unterschiedliche Überlebensstrategien und durchläuft individuelle Phasen im eigenen Tempo. Wenn das Schlimmste überstanden ist, kann ein wenig Ablenkung laut der Expertin genau das Richtige sein: „Sobald man halbwegs stabil ist, kann der Arbeitsalltag dabei helfen, die Gedanken aus der Endlosschleife des Zweifels zu stoppen“, so Fischbach. „Vor allem, wenn die Arbeit nicht zu stressig ist und das Arbeitsklima mit den Kollegen gut ist, hilft der Tapetenwechsel.“

Die Routine und der Alltag können wichtig dafür sein, wieder Fuß zu fassen und zu sich zu finden.

Letztlich muss jede*r für sich selbst entscheiden, was ihm*ihr in so einer schweren Zeit gut tut und hilft, den akuten Liebeskummer zu überstehen. Und ja, so etwas ist eine echte Krise und verdient, ernstgenommen zu werden. Denn nur, weil man bei einer seelischen Wunde nicht sehen kann, wie weit sie klafft, heißt das nicht, dass sie nicht blutet.