Kann Zoophilie wahre Liebe sein? Das sagen ein Zoophiler und eine Tierschützerin

Kann es in der Beziehung zwischen Mensch und Tier Einvernehmlichkeit beim Sex geben? Zoophile sind dieser Meinung, Tierschützer*innen lehnen die Idee grundsätzlich ab. Zwei Protokolle

Zoophilie ist in Deutschland, und nicht nur hier, ein Tabuthema. Tierschutzorganisationen setzen die sexuelle Neigung von Menschen zu Tieren mit Tierquälerei und Misshandlung gleich, viele bezeichnen Zoophile als pervers. Für Betroffene dagegen ist ihre Beziehung zu Tieren vor allem eins: eine einvernehmliche Liebesbeziehung.

Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet die sexuelle Präferenz für Tiere als „Störungen der Sexualpräferenz“. Rechtlich war der sexuelle Kontakt zwischen Mensch und Tier ab 1871 verboten – mit tiefgreifenden Bestrafungen. Es gab Gefängnisstrafen, auch der „Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte“, wie es in Paragraf 175b des damaligen Strafgesetzbuches hieß, waren denkbar. Dieses Gesetz wurde 1968 in der DDR und 1969 in der Bundesrepublik aufgehoben. Seit Juli 2013 ist es in Deutschland verboten, „ein Tier für eigene sexuelle Handlungen zu nutzen oder für sexuelle Handlungen Dritter abzurichten oder zur Verfügung zu stellen und dadurch zu artwidrigem Verhalten zu zwingen“ (Paragraf 3 Satz 1 Nummer 13 des Tierschutzgesetzes). Ein Verstoß wird als Ordnungswidrigkeit verfolgt. Darunter fallen, so antwortete das Bundesverfassungsgericht auf eine Beschwerde des zoophilen Vereines ZETA 2015, Handlungen unter Zwang. Zoophile argumentieren, es würde in den Beziehungen zu ihren Tieren kein Zwang stattfinden. 

Kann es in der Beziehung zwischen Mensch und Tier überhaupt Einvernehmlichkeit geben, wie zoophile Menschen behaupten? ze.tt hat einen Zoophilen des Vereins ZETA und die Pressesprecherin des Bundesverbands Tierschutz nach ihren Positionen und Argumenten gefragt.

Matthias Gerstenkorn, Vorsitzender des Vereins Zoophiles Engagement für Toleranz und Aufklärung (ZETA): „Wir sind Tierschützer, keine Tierquäler“

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ZETA-Vorsitzender Matthias Gerstenkorn. Foto: ze.tt

Dass ich eine zoophile Neigung habe, habe ich mit 16 Jahren festgestellt. Damals habe ich Reiten gelernt, und die Stute, mit der ich gearbeitet habe, ist recht aggressiv auf mich zugekommen. Sie hat mich rücklings gegen die Wand gedrückt, den Schweif gehoben und mir ihr Geschlechtsteil quasi ins Gesicht gedrückt. Ich habe am nächsten Tag ihre Besitzerin darauf angesprochen. Sie war auch zoophil, was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste. Sie hat mich in eine ruhige Ecke genommen und mir erklärt, wieso die Stute das getan hat. Daraus hat sich eine knapp zweijährige Beziehung entwickelt.

Ich war damals komplett unvoreingenommen, wusste nicht wirklich was darüber. Die ersten negativen Auswirkungen habe ich gespürt, als ich in den späten 2000ern im Internet unterwegs war und gemerkt habe, dass es eigentlich ein Tabuthema ist. Und dass man Schwierigkeiten hat, sich mit Leuten kurzzuschließen, die Erfahrungen in der Richtung gemacht haben. Das sehe ich heute noch häufig, wenn ich E-Mails an den Verein bekomme, in denen Leute einfach nur darum bitten, über das Thema reden zu können. Weil sie Angst haben, mit Freunden oder Familie darüber zu reden.

Ich habe eine Hündin als Partnerin. Die Beziehung hat sich schleichend entwickelt, es war keine Liebe auf den ersten Blick. Zumal meine Hündin damals mit neun Monaten noch fast ein Welpe war. Das ist so, als würde ich mit einem Kind umgehen. Das ist ein No-Go. Aber nachdem sie erwachsen war und ihre Bedürfnisse bei mir zur Geltung gebracht hat, habe ich gesagt: ‚Okay, wir sind jetzt Partner, ich mache das auf Augenhöhe mit dir.‘ Von mir kommt keinerlei Initiative, das muss von ihr ausgehen, was mir sehr wichtig ist. Ich bin parallel in einer Beziehung mit einem Menschen. Allerdings in einer Fernbeziehung, er lebt in Kanada. Es ist nicht ultimativ, dass man sich, wenn man zoophil ist, nur in eine Partnerschaft mit einem Tier begibt. Warum auch? Man hat, wenn man so will, die Wahl, mit jeder Spezies eine Beziehung einzugehen.

Wenn man seinen Hund, seine Körpersprache und sein normales Verhalten kennt, dann sieht man die Zeichen eindeutig.

Matthias

Die Rolle der Sexualität in unserer Beziehung ist eher untergeordnet. Wenn, geht es sowieso von meiner Hündin aus, und das ist relativ selten. Dann klettert sie an mir hoch und versucht, sich an mir zu schubbern, wie ein Rüde das tun würde. Sie möchte masturbiert oder mit einem Toy bespielt werden. Nach zehn bis 15 Minuten ist wieder gut, dann hatte sie ihren Spaß, legt sich hin und erholt sich davon. Wenn sie weitergehen möchte, lässt sie schnell von mir ab, springt aufs Bett, hebt ihren Schweif beiseite und zeigt mir ihre Rückansicht in voller Pracht.

Wenn man seinen Hund, seine Körpersprache und sein normales Verhalten kennt, dann sieht man die Zeichen eindeutig. Deswegen finde ich es merkwürdig, wenn Familien zu ihrem Hund sagen, wenn er zum Beispiel eine Decke rammelt: ‚Pfui, aus, das ist eklig.‘ Das ist die Natur des Erwachsenseins. Und die einfach zu ignorieren, ist schändlich. Was ich dazu sage, dass Tierschutzorganisationen diese Art der Kommunikation verneinen: Bullshit. Sie beschäftigen sich oberflächlich mit dem Thema, gehen aber nicht ins Detail, sondern gehen auf die Vorurteile und die Stigmata los. Sie versuchen, die Leute in den Schatten zu drängen und lauter zu schreien als diejenigen, die es eigentlich besser wissen.

Ich finde, dass Zoophilie das Gegenteil von dem ist, was oft von Medien behauptet wird: Wir sind Tierschützer statt Tierquäler.

Matthias

Ich finde, dass Zoophilie das Gegenteil von dem ist, was oft von Medien behauptet wird: Wir sind Tierschützer statt Tierquäler. Jeder, der zoophil ist und sein Tier wirklich liebt, sorgt dafür, dass es die bestmögliche Versorgung hat. Sei es Futter, medizinische Versorgung oder das Wohlbefinden des Tieres im Allgemeinen – das steht bei Zoophilen immer an erster Stelle. Weil sie wollen, dass es ihrem Partner gut geht. Wenn man in einer menschlichen Beziehung ist, will man ja auch, dass es seinem Partner gut geht. Es gibt auch Beziehungen, in denen es überhaupt keinen Sex zwischen dem tierischen Partner und dem Menschen gibt. Es wird gekuschelt, vielleicht auch hier und da ein Kuss gegeben, aber der Intimbereich ist tabu.

Das Tierschutzgesetz von 2013 betrifft die Zoophilen überhaupt nicht. Es betrifft lediglich diejenigen, die ihr Tier mit Gewalt oder anderen zwingenden Methoden zum Sex abrichten, beziehungsweise dazu zwingen, sexuellen Kontakt zu haben. Das greift bei sogenannten Bestialities und bei Zoosadisten, die wirklich Spaß daran haben, ein Tier zum eigenen sexuellen Verlangen zu verstümmeln oder sonst irgendwie zu misshandeln. Wenn es nach uns geht, darf der Hund, oder welches Tier auch immer, sich in seiner Umgebung frei entfalten. Eine Kommunikation auf Augenhöhe ist deshalb sehr wichtig. Vor allem, dass man auch der Tiermentalität entsprechend handelt.

Man muss über Einvernehmlichkeit reden. Man muss auch sehen, wie sich der tierische Partner eines Zoophilen verhält. Ob er in bestimmten Situationen entspannt ist oder nicht. Gerade, wenn es um die Interaktion mit fremden Leuten geht. Ob das Tier völlig relaxt bleibt, auch bei körperlichen Interaktionen wie Kraulen. Aber es ist so: Das Thema Einvernehmlichkeit an sich zu behandeln, ist schwierig, weil man es nicht so wirklich erklären kann. Man muss es erleben.

Claudia Lotz, Pressesprecherin des Bundesverbands Tierschutz: „Es gibt keine Einvernehmlichkeit in körperlichen Beziehungen zwischen Mensch und Tier“

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Tierschützerin Claudia Lotz. Foto: ze.tt

Zoophilie ist eine Form von Tierquälerei, ein besonders perfider Missbrauch von Tieren. Tiere sind stumm, sie sind in unserer Obhut, sie erwarten, dass sie von uns Futter bekommen, Zuneigung, Wasser, Bewegung. Wenn wir unsere sexuellen Bedürfnisse an Tieren ausleben, können wir davon ausgehen, dass sie stumm leiden. Welches Tier kommt auf Sie zu und macht Ihnen deutlich, dass es mit Ihnen sexuellen Verkehr haben möchte? Das macht kein Tier. Wenn Zoophile sagen, dass sie bei den Tieren gewisse Zeichen lesen können, würde ich sagen, dass das nur in deren Kopf abgeht. Wenn sich ein Hund breitbeinig vor mich hinstellt, könnte ich natürlich sagen: Der will mich auffordern, mit ihm geschlechtlichen Verkehr zu haben. Aber das ist absurd. Wir sind Menschen, und das sind Tiere, die ihre arteigenen Verhaltensweisen haben. Interpretieren wir das aber so um, dass das Tier sich vor uns so produziert, dass wir es wie auch immer befriedigen, ist das eine krasse Form von Missbrauch.

Diese Einvernehmlichkeit existiert im Kopf der Zoophilen, weil sie natürlich möchten, dass es eine Kommunikation zwischen Mensch und geschlechtlich erwachsenem Tier gibt.

Claudia Lotz

Es gibt keine Einvernehmlichkeit in körperlichen Beziehungen zwischen Mensch und Tier. Diese Einvernehmlichkeit existiert im Kopf der Zoophilen, weil sie natürlich möchten, dass es eine Kommunikation zwischen Mensch und geschlechtlich erwachsenem Tier gibt. Damit sie die Legitimation in der Gesellschaft haben, dass ihr Vorgehen richtig ist, müssen sie sagen: ‚Ich verstehe, was mein Tier möchte. Das möchte mich auch als Sexualpartner.‘ Es gibt Kommunikation zwischen Mensch und Tier, verschiedene Kommunikationswege, die man einhalten kann, die man kennt. Ich habe selber eine Hündin, die reagiert auf meine Stimme, auf Bewegung, auf Gesten. Aber dazu gehört nicht die Kommunikation über das geschlechtliche. Meine Hündin lebt frei bei mir. Frei sag ich deswegen, weil sie ihre arteigenen Bedürfnisse ausleben kann. Dazu würde gehören, dass sie sich von einem Rüden, von einem Hund, decken lässt, wenn sie läufig ist. Aber doch nicht von einem Typen! Ich finde es fürchterlich, dass es sich jemand anmaßt, sich in diese Rolle zu versetzen.

Zoophilie kann bei Tieren sehr große Schäden hinterlassen, weil sie fehlgeprägt werden. Wenn du dir einen Welpen holst, der normalerweise die Grundbegriffe des Hundedaseins lernen würde, du ihm aber beibringst, wie er auf deine Geschlechtsorgane reagiert beziehungsweise du auf seine, kann man sich vorstellen, dass dieses Tier andere Verhaltensweisen entwickelt als nicht so aufgewachsene Tiere. Bei der letzten Organisation, bei der ich tätig war, hatten wir mehrere Fälle von missbrauchten Tieren. Genau diese Fälle, von denen sich Zoophilisten so sehr distanzieren. Da war eine Hündin, die im Keller an der Heizung festgebunden war – und das über Jahre. Die hat die Nachbarn [nur Männer] empfangen müssen, die haben sie vergewaltigt. Wir haben die Hündin aufgenommen, da war sie elf. Sie wurde in eine wunderbare Haltung vermittelt und starb dann leider an Krebs. Sie hat den positiven Stress nicht mehr verkraften können, sie musste krank werden und sterben. Der andere Fall war ein junger Sanitäter, der eine Chihuahuahündin hatte. Die ist durch die Penetration gestorben. Die Zoophilisten berufen sich darauf, dass sie die Tiere lieben. Aber es gibt innerhalb dieser Gruppe die Zoosadisten, die sich am Leid und am Todeskampf der Tiere ergötzen.

Wir Tierschützer hatten gefordert, dass es ein richtiges Strafmaß gibt, mit Gefängnis. Eine Ordnungswidrigkeit bagatellisiert dieses Thema.

Claudia Lotz

Viele Zoophilisten haben aber auch das Leid, sie leiden aufgrund dieser sexuellen Richtung. Deshalb versucht der Verein ZETA unentwegt, eine Rechtfertigung zu finden, dass ihr Verhalten legal ist. Wir haben seit 2013 das Verbot der Zoophilie (An.d.R.: gemeint ist § 3 Satz 1 Nr. 13 des Tierschutzgesetzes), weil es artwidrig ist – allerdings nur als Ordnungswidrigkeit. Wir Tierschützer hatten gefordert, dass es ein richtiges Strafmaß gibt, mit Gefängnis. Eine Ordnungswidrigkeit bagatellisiert dieses Thema.

Es ist im Prinzip dasselbe wie vorher: Zoophilie wird an den Rand gedrängt, wird tabuisiert, man sagt, das sei eine verschwindend kleine Gruppe. Weil man sich rechtlich nicht damit auseinandersetzen möchte. Der Gesetzgeber hat viele Möglichkeiten, das Tierschutzgesetz wirklich umzusetzen. Indem er die Behörden mit Mitarbeitern ausstattet, die empathisch, interessiert und sachkundig diesen Fällen nachgehen. Aber Sie haben hier das große Problem: Wo ist der Kläger? Welches missbrauchte Tier wird jemals irgendwem vorgestellt? Es ist ein Missbrauch innerhalb der eigenen vier Wände, der in den seltensten Fällen nach Außen dringt.

Die Schweiz macht es richtig. Die hat die Tierwürde in ihrem Grundgesetz verankert. Und ich denke, wenn man von dem Tier als ein Lebewesen sprechen könnte, das eben diese Würde hat, dann wäre es nicht möglich, sexuelle Übergriffe als Bagatelle abzutun. Dann könnten wir die Tiere nicht auf Transporten leiden lassen, sie nicht in Massentierhaltung quälen. Das ist der Punkt: Es fehlt ein Umdenken – in der Politik, aber natürlich auch in der Bevölkerung –, diesen Umgang mit den Tieren als das darzustellen, was es ist. Und zwar in den meisten Fällen würdelos. Das finde ich persönlich – ich bin seit 30 Jahren im Tierschutz tätig – bedauerlich: Da hat sich im Grunde nichts getan.