Ja, „Joker“ ist düster und böse – und genau deshalb sehenswert

Bei der Diskussion über Joker geht es längst nicht mehr um Joaquin Phoenix‘ schauspielerische Leistung – es geht auch darum, ob der Film gefährlich sein könnte. Zu Recht? Eine Kritik

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Filmstill: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc.

Der erste Trailer stimmte noch skeptisch. Ein DC-Comicfilm, der keiner sein will, ein Joaquin Phoenix in ungewohnter Überzeichnung. Zu sehr hatte sich in den meisten Köpfen immer noch Heath Ledger (†2008) mit seiner Darstellung des Superschurken in Christopher Nolans The Dark Knight (2008) festgebrannt. Mehr als zehn Jahre später schien die Filmwelt noch nicht bereit für einen neuen Joker – die unwürdige „Honka Honka!“-Ghettoversion Jared Letos in Suicide Squad (2016) hier mal bewusst außen vor gelassen.

Doch die Stimmung schwang ins Positive um, als Joker Anfang September völlig überraschend den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig einheimste. Festivalchef Alberto Barbera sprach dem Film sogar Chancen auf einen Oscar zu. Ein Academy Award für einen DC-Film? Das hatte es seit dem erwähnten Nolan-Meisterwerk nicht mehr gegeben. Die Bestes-Make-up-Auszeichnung für die Suicide Squad-Katastrophe sei hier abermals böswillig außer Acht gelassen. Der Hype war jedenfalls gestartet und hielt sich wochenlang.

Noch ein fieser, mörderischer, aber auch entlarvender Clown

Doch es mischte sich eine neue Ebene in die Diskussion. Mit der steigenden Popularität und dank Phoenix‘ Strahlkraft wurden Klatsch- und Entertainmentblätter verstärkt auf den Joker aufmerksam. Außerhalb der Filmkenner*innenblase ging es aber weniger um die überraschend gekonnte Regiearbeit des Hangover-Regisseurs Todd Phillips oder die denkwürdige Leistung eines Phoenix. Auf Twitter wurden zunehmend Stimmen laut, die von zu hoher Brutalität im Film sprachen. So einen grausamen Streifen dürfe niemand mit labiler Psyche sehen.

Sicherheitsbedenken landeten auf der Agenda. Schließlich habe 2012 schon bei einer The Dark Knight Rises-Vorführung ein Mann in Clownskostüm in Aurora, Colorado, um sich gefeuert und zwölf Menschen getötet. Dabei kam die Figur des Jokers in dem Film nicht mal vor. Diesmal werde die Polizei voraussichtlich etwa in Los Angeles „verstärkte Präsenz“ an den Kinos und Spielstätten zeigen, las man. Vergleiche zu Martin Scorseses Taxi Driver wurden herangezogen, bei dessen Veröffentlichung in den Siebzigern ähnliche Diskussionen losbrachen. Kritiker*innen fragten, ob man mit einem Bösewicht mitfühlen dürfe.

Was darf Kunst, was ist naiv, wie viel darf man den Zuschauer*innen zutrauen und zumuten? Die öffentliche Diskussion über Joker überschattet inzwischen den eigentlichen Film.

Eine neue Perspektive auf den Joker

Ohne das Ausnahmetalent Joaquin Phoenix wären die Meta-Diskussionen vermutlich nicht losgebrochen. Er wertet die Joker-Origin-Story von Regisseur Todd Phillips deutlich auf. Denkt man ihn kurz weg, ist Joker zwar kein schlechtes, aber eher ein solides bis gutes Sozialdrama.

Die Zuschauer*innen bekommen systematisch vorgeführt, wie der Wannabe-Stand-up-Comedian Arthur Fleck am Leben scheitert. Er kümmert sich liebevoll um seine verschrobene Mutter, nimmt unwürdige Jobs an. Er geht gewissenhaft zur Therapie und kämpft gegen seine seltene Krankheit an: In Stresssituationen fängt Fleck unkontrolliert an, manisch überzogen zu lachen. Am Ende steht aber keine Erleichterung. Wie in einem sadistischen dänischen Arthouse-Film oder tristen Großstadtroman à la Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin scheint sich alles gegen den Antihelden der Geschichte verschworen zu haben.

Phillips‘ triste Bilder der fiktiven, an ein New York des späten 20. Jahrhunderts angelehnten Großstadt strahlen höchstens in düsteren Tönen. Verborgen im Halbschatten müht sich Fleck gegen die Windmühlen einer abschätzigen und letztlich durch den steigenden Druck überforderten Gesellschaft. In seiner tragischen Figur können sich viele wiederfinden, die sonst nichts mit ihm gemein haben: der von der Ehefrau Verlassene. Die ausgegrenzte Migrantin. Der missverstandene Rechtskonservative. Die an Psychosen leidende Außenseiterin. Warum gönnt uns niemand eine Pause?

Letztlich hat Fleck einen, nennen wir es Erweckungsmoment, als er in einer U-Bahn eine durch Yuppies drangsalierte Frau beschützen möchte. Zusammengeschlagen und erniedrigt greift er zur Pistole, die er anfangs eigentlich gar nicht haben wollte. Gerade aus seinem Krankenhausclownsjob gefeuert und in voller Maske feuert er nun selbst – und die Scheiße fliegt durch den Ventilator, wie die US-Amerikaner*innen so schön sagen. Die Abwärtsspirale beschleunigt sich.

Lachgas war gestern

Die Welt in Joker ist düster und aussichtslos. Der Antiheld scheint gar nicht anders zu können, als sich zum soziopathischen Mörder zu entwickeln. Das ist eine heikle und natürlich einseitige Darstellung. Aber der ernsthafte Ton des Films fügt sich gut ein in die Reihe düsterer Superheld*innengeschichten der vergangenen Jahre – wie der Batman-Trilogie von Christopher Nolan oder das Wolverine-Finale Logan von James Mangold. Vorbei sind die Zeiten, in denen Fleck etwa durch eine fehlgeschlagene Lachgasverabreichung zum Monster wird. Heute ist das gesellschaftliche Umfeld schuld. Willkommen im Jahr 2019.

Statt sich in Comicfantasien zu verlieren, weist Joker auf das reale Problem hin, dass Schicksale wie die von Arthur Fleck im Zeitalter des unbezwingbaren Kapitalismus nun mal existieren. Es gibt diese Menschen, die Abgehängten, die sich von der Welt gestraft fühlen. Sie eskalieren nicht wie der Joker, sie morden nicht, aber sie sind auch nicht wegzudenken.

Kommt es aber zu einer Tragödie, wie sie in Joker überzeichnet zu sehen ist, sind Schuldige schnell gefunden: ein Killerspiel, der Schützenverein, der prügelnde Vater – oder eine sadistische Leinwandfantasie. Es ist fast ironisch, dass um Joker genau so eine Diskussion geführt wird, wo er doch gerade zeigt, dass es niemals so einfach sein kann. Dass immer vieles zusammenkommt. Und dass in der Gesellschaft eine Schieflage vorliegt, der man mit Schwarz-weiß-Denken nicht entgegenwirken kann. Dass ein Comicfilm auch als fatalistische Sozialstudie gesehen werden kann, ist wohl ein trauriges Zeugnis dieser Umstände.

Ja, Joker ist brutal, aber in seinen überraschenden Gewaltspitzen niemals sadistisch. Der Film kann einseitig gesehen und verstanden werden, aber gerade dieser Fatalismus und Todd Phillips Konsequenz bis zum bitteren, skandalösen Ende sind es, die den Film sehenswert machen.