Jens Spahn will uns alle zu Organspendenden machen und das ist eine gute Idee

Jeder Mensch soll automatisch Organspender*in sein, solange er*sie nicht widerspricht – das fordert Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Diese Neuregelung könnte dazu beitragen, mehr Menschenleben zu retten. Ein Kommentar

Jens Spahn fordert Widerspruchsregelung bei Organspenden.

Was tun, damit sich die Zahl der Organspenden erhöht? Die Widerspruchsregelung könnte dazu beitragen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Bei der Organspende gilt in Deutschland die Entscheidungslösung: Menschen müssen auf einem Organspendeausweis zustimmen, dass sie im Falle ihres Hirntods ihre Organe spenden wollen oder ihre Angehörigen über diese Entscheidung informieren. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach sich für die Einführung einer neuen Regelung, der sogenannten Widerspruchslösung aus: Nach ihr wären alle Menschen automatisch Organspendende – außer sie oder ihre Angehörigen widersprechen diesem Normalfall. Diese Neuregelung könnte mehr Leben retten.

Bundesweit stehen nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) etwa zehntausend schwer kranke Menschen auf der Warteliste. Täglich sterben im Schnitt drei davon, weil nicht rechtzeitig ein passendes Organ zur Verfügung steht. Etwa 8.000 Menschen brauchen beispielsweise eine neue Niere – das sind etwa viermal so viele, wie derzeit Transplantate vermittelt werden können. 2017 sanken die Organspendezahlen auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Diese Zahlen zeigen: Die bisherigen Regeln sind nicht ausreichend.

[Außerdem bei ze.tt: Bin ich dann auch wirklich tot? Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Organspende]

Laut einer aktuellen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (PDF) geben 84 Prozent der Befragten an, eher positiv zur Organspende eingestellt zu sein. 56 Prozent geben an, eine Entscheidung zur Frage, ob sie ihre Organe spenden wollen oder nicht, getroffen zu haben. Von diesen wiederum gaben nur 30 Prozent an, ihre Entscheidung in einem Organspendeausweis dokumentiert zu haben.

Die Fatalität der Faulheit

Bei der Zahl derjenigen, die ihre Entscheidung nicht dokumentiert haben, sind natürlich auch diejenigen dabei, die ihre Organe nicht spenden wollen – aber eben auch solche, die eigentlich spenden wollen. Die Gründe dafür, warum sich die Menschen keinen Organspendeausweis besorgen, mögen variieren. Manche haben beispielsweise Angst davor, zu früh aufgegeben zu werden. Andere wissen nicht, ob sie als Spendende infrage kommen. Einer der naheliegendsten Gründe dürfte lauten: Faulheit.

Das bestätigt auch unsere ze.tt-Umfrage bei Leser*innen, warum sie keinen Organspendeausweis besäßen. Eine anonyme Antwort lautete: „Ich glaube, aus reiner Faulheit. Ich weiß, das ist doof, aber es spricht sonst nichts dagegen, ich würde meine Organe spenden und meine Familie weiß das auch, aber ich habe keinen Organspendeausweis. Vielleicht habe ich auch insgeheim doch Angst, zu schnell aufgegeben oder für tot erklärt zu werden.“

Diese Faulheit kostet Menschenleben. Das alleinige Wissen darüber, dass ein anonymer Mensch dadurch überleben könnte, dass man ein Kreuzchen auf einem Pappkärtchen macht, motiviert augenscheinlich nicht genug, eben dieses Kreuzchen zu setzen. Würde man das Organspendeprinzip umkehren, sodass jede*r erst mal Organspender*in ist, außer man widerspricht dem, dann wäre diese fahrlässige Faulheit ausgemerzt.

Ein Angriff auf die Freiheitsrechte?

Das Internet stand Kopf, als Spahn sich zur Widerspruchslösung bei der Organspende äußerte. Viele sehen darin einen Angriff auf ihre persönliche Freiheitsrechte – nämlich frei darüber zu entscheiden, was mit dem eigenen Körper passiert.

Das stimmt jedoch so nicht – schließlich wäre es jeder Person möglich, von dem Widerspruchsrecht Gebrauch zu machen. Das Freiwilligkeitsprinzip wird durch die Widerspruchslösung nicht angegriffen. Vermutlich würden auch all diejenigen, die ihre Organe nicht spenden wollen, sich tatsächlich einen Anti-Organspendeausweis zulegen – schließlich geht es um den eigenen Körper. Das motiviert viel eher dazu, die eigene Bequemlichkeit zu überwinden, als der fremde Mensch, der mithilfe der gespendeten Organe überleben könnte.

Übrigens: Mithilfe des Verbunds Eurotransplant werden Organe aus Ländern sozusagen importiert, in denen die Widerspruchsregelung gilt. Gegner*innen dieser Regelungen müssten sich dann fragen, inwieweit diese Praxis mit ihren Überzeugungen vereinbar sind. Müssten sie dann nicht auch dagegen protestieren?

Die Widerspruchsregelung gilt bislang in 18 europäischen Ländern. Deutschland liegt mit 9,3 Spender*innen auf eine Million Einwohner*innen im europäischen Vergleich unter den letzten Plätzen. Spanien ist weltweit das Land mit der höchsten Rate – dort kommen etwa 40 Spender*innen auf eine Million Einwohner*innen. In Spanien gilt die Widerspruchsregelung.

Es braucht auch strukturelle Reformen

Natürlich reicht eine Neuregelung der Organspende allein nicht aus. Auch in Spanien ist es vermutlich nicht allein die Widerspruchsregelung, die verantwortlich für die gute Spendenquote ist. Die Struktur dort ist ganz anders, zum Beispiel was die Transplantationsbeauftragten der Krankenhäuser angeht. Sie sind dafür zuständig, dass die Krankenhäuser ihrer Pflicht zur Meldung möglicher Organspender*innen nachkommen. Laut der DSO etablieren die Beauftragten beispielsweise feste Handlungsabläufe für den Fall einer Organspende. Oder informieren das Personal im Krankenhaus regelmäßig über die Organspende. Außerdem gehört es zu ihren Aufgaben, Angehörige von Organspender*innen zu begleiten.

In Spanien sind Transplantationsbeauftragte umfassend ausgebildete Intensivmediziner*innen, die dafür eigens freigestellt werden, berichtet der Tagesspiegel. In Deutschland wird diese Aufgabe häufig nur nebenbei erledigt. Das Bundesland Bayern hat Anfang 2017 verbindliche Regeln für die Freistellung von Transplantationsbeauftragten von anderen Aufgaben festgelegt. Während im Bundesdurchschnitt die Zahl der Organspenden auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gefallen ist, nahm die Zahl der Organspenden in Bayern zu. Die DSO vermutet, das die Neuregelung der Transplantationsbeauftragten dazu beigetragen haben könnte.

Die Beispiele Spaniens und Bayerns zeigen: Es gilt nicht nur, die Organspenderegelung zu ändern, sondern auch, strukturelle und finanzielle Hindernisse in den Krankenhäusern zu überwinden.


Du hast noch keinen Organspendeausweis, möchtest aber einen? Hier (PDF) gibt es den Organspendeausweis zum Ausfüllen und Ausdrucken. Die Plastikkarte lässt sich kostenlos hier bestellen.

Du hast Fragen zur Organspende? Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder die Deutschen Stiftung Organtransplantation bieten viele Informationen und die Nummer zu einem kostenfreien Infotelefon.